US-Studierende in Berlin: Zu Gast bei Freunden?

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Zum Zustand der deutsch-amerikanischen Beziehungen im Bereich Bildungs- und Kulturaustausch lässt sich mit Blick auf die aktuellen Statistiken eigentlich nur sagen: unvermindert gut. Die Zahl der deutschen Studierenden, die ein Semester oder mehr in den USA verbringen, ist in den letzten Jahren nur geringfügig gesunken, während die Teilnehmerzahlen im Schüleraustausch mit den USA mittlerweile sogar wieder auf dem besten Weg sind, das hohe Niveau der Zeit vor dem 11. September zu erreichen. Bildungspolitiker und Hochschulreformer sehen in den erfolgreichen US-Hochschulen meistens zu Recht Vorbilder für die Reform der deutschen Universitäten. Das umgekehrte Bild sieht nicht weniger positiv aus: Noch nie zuvor haben so viele Studierende aus den USA an deutschen Hochschulen studiert wie im akademischen Jahr 2004/2005.

Und trotzdem war es schon einmal leichter, junge Deutsche von den Vorzügen eines Bildungsaufenthaltes in den USA zu überzeugen. So erfreulich die reinen Zahlen nach wie vor sein mögen, so wenig lässt sich leugnen, dass USA-Kritik – böse Zungen sprechen lieber gleich von Antiamerikanismus – in Deutschland spätestens seit dem Irakkrieg auf allen Ebenen wieder Hochkonjunktur hat, auch und gerade unter Schülern und Studierenden. Wer intellektuell und moralisch etwas auf sich hält, ist auf Amerika unter George Bush nicht gut zu sprechen. Die Stimmung wird sogar noch angeheizt: Glaubt man Blogs wie Davids Medienkritik, wo die USA-Berichterstattung der deutschen Medien aus konservativer Sicht kommentiert wird, wird die deutsche Öffentlichkeit nahezu systematisch mit einer antiamerikanischen Kampagne überzogen, bei der ein ums andere Mal die Vorurteile und negativen Klischees über die USA wiederholt werden, die die Deutschen angeblich nun mal für Ihr Leben gerne hören. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht.

Nun ist Antiamerikanismus, richtig verstanden als pauschale Ablehnung alles Amerikanischen, kein neues Phänomen. Meistens kommt er von Leuten, die selbst noch nie in den USA gewesen sind, das auch nicht für notwendig halten und dennoch meinen, alles ganz genau durchschaut zu haben. Das Ziel von internationalem Bildungs- und Kulturaustausch, wie es z.B. vom US-Senator Fulbright formuliert wurde, besteht nicht zuletzt darin, genau dieser Art von Vorurteilsbildung entgegen zu treten: Wer einmal für längere Zeit in einem fremden Land gelebt und die Menschen dort kennen gelernt hat, so die These, lernt unweigerlich, seine eigenen Ansichten und Maßstäbe zu relativieren und die Dinge auch mit den Augen des Anderen zu betrachten. Man sollte also vermuten, dass Menschen, die sich im transatlantischen Bildungsaustausch engagieren, über differenziertere Ansichten zur amerikanischen Politik, Kultur und Gesellschaft verfügen als bisweilen über die Medien verbreitet werden.

Dass das nicht immer der Fall sein muss, konnte ich kürzlich in einem etwas verstörenden Gespräch mit Erica und Dave, zwei amerikanischen Studierenden von der renommierten New York University (NYU) erfahren, die zur Zeit im Rahmen des Duke in Berlin Programms ein Auslandssemester in Deutschland verbringen und in Berliner Gastfamilien untergebracht sind. Wohlgemerkt: Die beiden fühlen sich sehr wohl in Berlin und beschreiben das persönliche Verhältnis zu ihrer Gastfamilie als überaus eng und herzlich. Allerdings wird es in beiden Fällen dadurch getrübt, dass Gasteltern und -geschwister voller kruder Vorurteile über die USA sind, die sie offenbar trotz der Aufnahme leibhaftiger Amerikaner in ihre Familien nicht gewillt sind zu modifizieren.

Ericas Gastmutter zum Beispiel, die immerhin selbst in Louisiana gelebt hat, beruflich mit Migranten aus Osteuropa arbeitet und folglich interkulturell sensibilisiert sein sollte, lässt fast täglich abfällige Kommentare über die USA fallen. Ihrer Ansicht nach sind offenbar alle Amerikaner reich, und wer eine teure Universität wie die NYU besuchen kann sowieso. Dass Erica sich zur Finanzierung ihres Studiums Tausende von Dollar bei der Regierung leihen musste, tut anscheinend nichts zur Sache. Außerdem seien alle Amerikaner automatisch religiös und hängen der Irrlehre des Kreationismus an. Das amerikanische Englisch klinge schlichtweg „barbarisch“, ließ sie Erica einmal nonchalant nach einem Telefonat mit der Heimat wissen; und manchmal legt sie ihr in aufklärerischer Mission USA-kritische Zeitungsartikel zum Lesen hin. Die junge Amerikanerin weiß verständlicherweise nicht so recht, wie sie mit diesem Verhalten umgehen soll, denn auf keinen Fall möchte sie ihren Gastgebern gegenüber unhöflich sein. Am ehesten hilft in solchen Situation noch eine Portion Humor.

Dave geht es in seiner Gastfamilie kaum anders: „Ich muss mich jeden Tag schuldig fühlen, dass ich Amerikaner bin. Jeden Tag haben wir etwas Neues falsch gemacht.“ Sein Gastvater ist ein Rechtsanwalt und Künstler mit taz-Abonnement. „Ständig sehe ich Artikel über Bush, Rice oder Schwarzenegger auf dem Titelblatt“, sagt Dave etwas verständnislos. „Haben die Deutschen denn keine anderen Sorgen, als sich dauernd über die USA aufzuregen?“

Dass konservative Blogger und andere Bush-Anhänger sich durch die einseitige und negative Berichterstattung über die Politik ihres Präsidenten angegriffen fühlen, dürfte niemanden überraschen. Erica und Dave aber bezeichnen sich selbst als eher linksliberal und stimmen in vielen Punkten mit der Kritik, wie sie mit guten Gründen in deutschen Zeitungen etwa zum Thema Irak, Guantanamo oder Todesstrafe vorgetragen wird, durchaus überein. Trotzdem haben sie in ihren Gastfamilien und im Bekanntenkreis das Gefühl, sich fortwährend verteidigen zu müssen. Einfach weil Sie Amerikaner sind. „Für mich ist das eine lehrreiche Erfahrung“, meint Erica, die bereits im offiziell amerikafeindlichen Kuba gearbeitet und mit den Menschen dort nur positive Erfahrungen gemacht hat. „Ich möchte später als Lehrerin an einer Minoritätenschule arbeiten, und durch die abfälligen Bemerkungen meiner Gastmutter kann ich am eigenen Leibe erleben, wie es sich anfühlen muss, dauernd mit Stereotypen und Diskriminierung konfrontiert zu werden.“ Gleichzeitig betonen jedoch beide ausdrücklich, dass sie auf jeden Fall später nach Deutschland zurückkommen möchten.

Ob die anderen Teilnehmer am Duke in Berlin Programm Ähnliches erleben, will ich am Ende noch wissen. Nein, sagt Erica, ihre Erfahrungen seien wohl eher die Ausnahme. Das beruhigt natürlich und relativiert die Behauptung, der Antiamerikanismus grassiere in Deutschland zurzeit mehr als je zuvor. Ein Rätsel bleibt es für mich trotzdem: Wie kann man Menschen einer anderen Kultur bei sich aufnehmen, die noch dazu den gängigen Stereotypen so gar nicht entsprechen, und trotzdem unbeirrt an lieb gewonnenen Klischees festhalten? Trotz solcher frappierenden Gegenbeispiele kann die Antwort auf eine zunehmende transatlantische Entfremdung meiner festen Überzeugung nach nur immer wieder lauten: Bildung, Austausch, Dialog. Die eingangs erwähnten Zahlen zeigen, dass wir weiter auf dem richtigen Weg sind.

Eingereicht beim Karneval zu den deutsch-amerikanischen Beziehungen.

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