Amerika Haus Berlin: Ende oder Neuanfang?
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Von einem plötzlichen Ende wird man nicht sprechen können: Zu lange schon war das kulturelle Angebot im Amerika Haus Berlin auf ein Minimum eingedampft und seine Türen für die allgemeine Öffentlichkeit buchstäblich verbarrikadiert. Aber nun ist es auch offiziell so weit: Die US-Botschaft hat den Mietvertrag für das Gebäude am Bahnhof Zoo zum 30. September 2006 gekündigt, womit die Immobilie in wenigen Tagen wieder in den Besitz des Landes Berlin übergeht. Der Liegenschaftsfonds hat den Auftrag, das denkmalgeschützte Haus zu verkaufen, und eine kommerzielle Nutzung ist nicht ausgeschlossen. Werden also demnächst im vielleicht symbolträchtigsten Ort der transatlantischen Verständigung Burger gebraten oder Finanzgeschäfte abgewickelt? Als jemand, der einige Jahre im Haus gearbeitet hat und sich der amerikanischen Kulturpolitik verbunden fühlt, kann ich nur hoffen, dass die Geschichte noch eine andere Wendung nimmt. Gerade in einer Zeit, in der es um die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht zum Besten steht, sollte das Amerika Haus seine historische Rolle als Ort des kritischen Dialogs für alle Schichten der Bevölkerung weiter – oder wieder – ausfüllen.
Ein kurzer Rückblick: In den Amerika Häusern sollten die besiegten Deutschen nach 1945 durch Bibliotheken, Ausstellungen, Lesungen, Konzerte, Filmvorführungen, Diskussions- runden und Seminare von den Vorzügen einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft und dem American Way of Life überzeugt werden. „Public diplomacy“ hieß dieser neue Ansatz, und man darf wohl sagen: Er hat funktioniert – und zwar nicht zuletzt deshalb, weil die Häuser alles andere als Propaganda-Organe der U.S. Regierung waren, sondern Orte der offenen Auseinandersetzung mit allen Aspekten amerikanischer Kultur und Gesellschaft. Noch 1995, kurz nachdem ich zum Studium nach Berlin gezogen war, besuchte ich z.B. ein im Amerika Haus Berlin ein Konzert des linken Sängers und Aktivisten Bucky Halker, der „Songs of Work and Protest“ zum Besten gab, und wenig später eine Lesung mit der indianischen Schriftstellerin Leslie Marmon Silko, die Passagen aus ihrem Roman Almanac of the Dead vortrug, in dem ziemlich unverhohlen einer gewaltsamen Revolution der indigenen Völker Nord-, Mittel- und Südamerikas das Wort geredet wird.
Als ich dann einige Jahre später selbst als Bildungsreferent im Amerika Haus arbeitete, war das ehemals großartige Kulturprogramm allerdings schon ziemlich erlahmt, da der amerikanische Kongress die Finanzierung drastisch gekappt hatte und der Demokratisierung der Transformationsgesellschaften Osteuropas inzwischen höhere Priorität beimaß. Nach einigen Bombenattentaten auf US-Botschaften und natürlich den Terroranschlägen vom 11. September wurde das Gebäude dann auch aus Sicherheits- erwägungen immer unzugänglicher für die Öffentlichkeit. Wer sich von der doppelten Umzäunung und den Maschinengewehren der patrouillierenden Polizisten nicht abschrecken ließ und trotzdem zu uns in die Studienberatung wollte, musste sich einen Tag vorher anmelden und wurde dann in einigen Fällen vom Wachpersonal doch wieder nach Hause geschickt. Die herrliche Bibliothek im Erdgeschoss blieb trotz neu eingerichteter, moderner Computerarbeitsplätze fast immer leer.
Natürlich ist die Kulturabteilung der U.S. Botschaft, die im Amerika Haus untergebracht war und demnächst in das neue Botschaftsgebäude am Pariser Platz integriert sein wird, weiterhin aktiv gewesen und wird es auch bleiben. Die meisten Veranstaltungen richten sich jedoch nur an einen ausgewählten Personenkreis und erfordern eine persönliche Einladung. Und während z.B. Großbritannien und Spanien in den letzten Jahren hohe Summen investiert und sich mit ihren imposanten Kulturinstituten British Council und Instituto Cervantes an prominenter Stelle am Hackeschen Markt positioniert haben, wird es einen zentralen Ort der berlinerisch-amerikanischen Begegnung in Zukunft nicht mehr geben.
Oder vielleicht doch? Bereits im April trafen sich Vertreter einer Reihe von in Berlin ansässigen transatlantischen Einrichtungen, um über ein neues Nutzungskonzept zur Rettung des Amerika Hauses als Ort des Dialogs zwischen Deutschen und Amerikanern zu beraten. Jetzt ist unter der organisatorischen Federführung des institute for cultural diplomacy, einer unabhängigen Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Berlin und New York, ein Planungskomitee entstanden, dem unter anderem auch Vertreter der Checkpoint Charlie Foundation, der BridgeBuildersBerlin und des American Institute for Contemporary German Studies (AICGS) angehören. Kernidee des jetzt vorgelegten Konzepts ist es, den transatlantischen Austausch von der staatlichen Ebene auf die zivilgesellschaftliche Ebene zu übertragen, indem das Amerika Haus in ein unabhängiges Forum für gemeinnützige, transatlantische Einrichtungen und Organisationen umgewandelt wird. Die Räumlichkeiten würden einerseits als Büroflächen für transatlantische Vereine, Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen zur Verfügung stehen und andererseits für Veranstaltungen wie Filmvorführungen und Podiumsdiskussionen genutzt werden. Mit anderen Worten: Das in Berlin bereits reichlich vorhandene zivilgesellschaftliche Engagement soll auf eine breitere Basis gestellt und zentral im Amerika Haus als transatlantischem Zentrum koordiniert werden.
Der Plan soll schnell umgesetzt werden: Als Nutzungsbeginn ist der Januar 2007 vorgesehen, die Suche nach potentiellen Partnern ist bereits angelaufen. Ich wünsche dem Planungskomitee viel Erfolg, denn die Umwandlung des Amerika Hauses in eine nicht-staatliche Einrichtung könnte sehr gut zu einer Wiederbelebung führen: Zum einen wäre es endlich wieder physisch zugänglich, weil die abschreckenden Sicherheitsabsperrungen entfernt werden könnten, und zum anderen wäre es vom Stigma des Regierungsamtlichen befreit, das derzeit bei vielen Deutschen vor allem Vorbehalte erzeugt. Das Ziel des Nutzungskonzeptes geht sogar noch weiter, denn der transatlantische Dialog soll so weit gefasst werden, dass neben kanadischen langfristig auch lateinamerikanische Einrichtungen in die Planung miteinbezogen werden. Was früher nach Monroe-Doktrin gerochen hätte, kann so den Geist des Postkolonialismus atmen. Wenn nur der Gestank am Bahnhof Zoo nicht wäre ...
Eingereicht zum Karneval der deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Von einem plötzlichen Ende wird man nicht sprechen können: Zu lange schon war das kulturelle Angebot im Amerika Haus Berlin auf ein Minimum eingedampft und seine Türen für die allgemeine Öffentlichkeit buchstäblich verbarrikadiert. Aber nun ist es auch offiziell so weit: Die US-Botschaft hat den Mietvertrag für das Gebäude am Bahnhof Zoo zum 30. September 2006 gekündigt, womit die Immobilie in wenigen Tagen wieder in den Besitz des Landes Berlin übergeht. Der Liegenschaftsfonds hat den Auftrag, das denkmalgeschützte Haus zu verkaufen, und eine kommerzielle Nutzung ist nicht ausgeschlossen. Werden also demnächst im vielleicht symbolträchtigsten Ort der transatlantischen Verständigung Burger gebraten oder Finanzgeschäfte abgewickelt? Als jemand, der einige Jahre im Haus gearbeitet hat und sich der amerikanischen Kulturpolitik verbunden fühlt, kann ich nur hoffen, dass die Geschichte noch eine andere Wendung nimmt. Gerade in einer Zeit, in der es um die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht zum Besten steht, sollte das Amerika Haus seine historische Rolle als Ort des kritischen Dialogs für alle Schichten der Bevölkerung weiter – oder wieder – ausfüllen.
Ein kurzer Rückblick: In den Amerika Häusern sollten die besiegten Deutschen nach 1945 durch Bibliotheken, Ausstellungen, Lesungen, Konzerte, Filmvorführungen, Diskussions- runden und Seminare von den Vorzügen einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft und dem American Way of Life überzeugt werden. „Public diplomacy“ hieß dieser neue Ansatz, und man darf wohl sagen: Er hat funktioniert – und zwar nicht zuletzt deshalb, weil die Häuser alles andere als Propaganda-Organe der U.S. Regierung waren, sondern Orte der offenen Auseinandersetzung mit allen Aspekten amerikanischer Kultur und Gesellschaft. Noch 1995, kurz nachdem ich zum Studium nach Berlin gezogen war, besuchte ich z.B. ein im Amerika Haus Berlin ein Konzert des linken Sängers und Aktivisten Bucky Halker, der „Songs of Work and Protest“ zum Besten gab, und wenig später eine Lesung mit der indianischen Schriftstellerin Leslie Marmon Silko, die Passagen aus ihrem Roman Almanac of the Dead vortrug, in dem ziemlich unverhohlen einer gewaltsamen Revolution der indigenen Völker Nord-, Mittel- und Südamerikas das Wort geredet wird.Als ich dann einige Jahre später selbst als Bildungsreferent im Amerika Haus arbeitete, war das ehemals großartige Kulturprogramm allerdings schon ziemlich erlahmt, da der amerikanische Kongress die Finanzierung drastisch gekappt hatte und der Demokratisierung der Transformationsgesellschaften Osteuropas inzwischen höhere Priorität beimaß. Nach einigen Bombenattentaten auf US-Botschaften und natürlich den Terroranschlägen vom 11. September wurde das Gebäude dann auch aus Sicherheits- erwägungen immer unzugänglicher für die Öffentlichkeit. Wer sich von der doppelten Umzäunung und den Maschinengewehren der patrouillierenden Polizisten nicht abschrecken ließ und trotzdem zu uns in die Studienberatung wollte, musste sich einen Tag vorher anmelden und wurde dann in einigen Fällen vom Wachpersonal doch wieder nach Hause geschickt. Die herrliche Bibliothek im Erdgeschoss blieb trotz neu eingerichteter, moderner Computerarbeitsplätze fast immer leer.
Natürlich ist die Kulturabteilung der U.S. Botschaft, die im Amerika Haus untergebracht war und demnächst in das neue Botschaftsgebäude am Pariser Platz integriert sein wird, weiterhin aktiv gewesen und wird es auch bleiben. Die meisten Veranstaltungen richten sich jedoch nur an einen ausgewählten Personenkreis und erfordern eine persönliche Einladung. Und während z.B. Großbritannien und Spanien in den letzten Jahren hohe Summen investiert und sich mit ihren imposanten Kulturinstituten British Council und Instituto Cervantes an prominenter Stelle am Hackeschen Markt positioniert haben, wird es einen zentralen Ort der berlinerisch-amerikanischen Begegnung in Zukunft nicht mehr geben.
Oder vielleicht doch? Bereits im April trafen sich Vertreter einer Reihe von in Berlin ansässigen transatlantischen Einrichtungen, um über ein neues Nutzungskonzept zur Rettung des Amerika Hauses als Ort des Dialogs zwischen Deutschen und Amerikanern zu beraten. Jetzt ist unter der organisatorischen Federführung des institute for cultural diplomacy, einer unabhängigen Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Berlin und New York, ein Planungskomitee entstanden, dem unter anderem auch Vertreter der Checkpoint Charlie Foundation, der BridgeBuildersBerlin und des American Institute for Contemporary German Studies (AICGS) angehören. Kernidee des jetzt vorgelegten Konzepts ist es, den transatlantischen Austausch von der staatlichen Ebene auf die zivilgesellschaftliche Ebene zu übertragen, indem das Amerika Haus in ein unabhängiges Forum für gemeinnützige, transatlantische Einrichtungen und Organisationen umgewandelt wird. Die Räumlichkeiten würden einerseits als Büroflächen für transatlantische Vereine, Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen zur Verfügung stehen und andererseits für Veranstaltungen wie Filmvorführungen und Podiumsdiskussionen genutzt werden. Mit anderen Worten: Das in Berlin bereits reichlich vorhandene zivilgesellschaftliche Engagement soll auf eine breitere Basis gestellt und zentral im Amerika Haus als transatlantischem Zentrum koordiniert werden.
Der Plan soll schnell umgesetzt werden: Als Nutzungsbeginn ist der Januar 2007 vorgesehen, die Suche nach potentiellen Partnern ist bereits angelaufen. Ich wünsche dem Planungskomitee viel Erfolg, denn die Umwandlung des Amerika Hauses in eine nicht-staatliche Einrichtung könnte sehr gut zu einer Wiederbelebung führen: Zum einen wäre es endlich wieder physisch zugänglich, weil die abschreckenden Sicherheitsabsperrungen entfernt werden könnten, und zum anderen wäre es vom Stigma des Regierungsamtlichen befreit, das derzeit bei vielen Deutschen vor allem Vorbehalte erzeugt. Das Ziel des Nutzungskonzeptes geht sogar noch weiter, denn der transatlantische Dialog soll so weit gefasst werden, dass neben kanadischen langfristig auch lateinamerikanische Einrichtungen in die Planung miteinbezogen werden. Was früher nach Monroe-Doktrin gerochen hätte, kann so den Geist des Postkolonialismus atmen. Wenn nur der Gestank am Bahnhof Zoo nicht wäre ...
Eingereicht zum Karneval der deutsch-amerikanischen Beziehungen.
TransatlanTicker - 23. Sep, 15:29

