"Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit": Arbeitszeugnisse auf Englisch übersetzen

Häufig werde ich von Studierenden oder Absolventen, die sich für ein Praktikum oder einen Job in den USA bewerben möchten, gebeten, ihre deutschen Arbeitszeugnisse ins Englische zu übersetzen. Dazu wäre zunächst zu sagen, dass schriftliche Beurteilungen durch ehemalige Arbeitgeber in der angloamerikanischen Welt bei weitem nicht dieselbe Rolle spielen wie in Deutschland, wo Praktikanten und Arbeitnehmer sogar ein verbrieftes Recht auf eine solche Bewertung haben und Arbeitszeugnisse unverzichtbarer Bestandteil der Bewerbungsunterlagen sind. In den USA oder Großbritannien dagegen besteht eine Bewerbung meistens nur aus dem Anschreiben und einem tabellarischen Lebenslauf (resume oder cv); Zeugnisse jeglicher Art werden also in der Regel nicht beigelegt. Stattdessen nennt man zwei oder drei Personen als Referenzen, bei denen ein potenzieller Arbeitgeber bei Interesse schriftlich oder auch telefonisch nähere Informationen zu den Qualifikationen des Bewerbers einholen kann - was allerdings häufig erst dann geschieht, wenn die prinzipielle Entscheidung für den Bewerber bereits gefallen ist. Deshalb schreibt man manchmal auch einfach nur die Floskel "References available upon request" ans Ende des Lebenslaufes, ohne konkrete Namen zu nennen.

Mit anderen Worten: Es lohnt sich in der Regel nicht, sich sämtliche deutsche Arbeitszeugnisse und Empfehlungsschreiben ins Englische übersetzen zu lassen. Wenn eine besondere Perle darunter ist, die z.B. von einem besonders bekannten Gutachter stammt oder von besonderer Bedeutung für den anvisierten Job ist, schadet es natürlich auch nicht, sie der Bewerbung in englischer Übersetzung beizulegen. In solchen Fällen ist häufig die nächste Befürchtung, dass im Englischen ein ähnlich formalisierter Geheimcode für Arbeitzeugnisse existiert wie bei uns, wo eine an sich positive Formulierung wie "XY hat seine Aufgaben zu unserer Zufriedenheit erfüllt" im Klartext bedeutet, dass XY eine ziemliche Niete war. Für eine gute Bewertung muss es mindestens "zu unserer vollen Zufriedenheit" heißen, besser noch "zu unserer vollsten Zufriedenheit". Eine sehr gute Empfehlung kommt jedoch erst mit dem Zusatz „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“ zustande. Wenn der Teufel in englischen "references" (oder "testimonials") ähnlich im Detail steckt, scheint die adäquate Übertragung dieser Phrasen in die Fremdsprache ein fast hoffnungsloses Unterfangen. In diesem Punkt lässt sich jedoch zum Glück Entwarnung geben: Eben weil schriftliche Arbeitszeugnisse in den angloamerikanischen Ländern nicht so verbreitet sind wie in Deutschland, sind sie nicht so stark formalisiert, und es gibt auch keinen allgemein akzeptierten Geheimcode.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Arbeitgeber in den USA, Kanada oder Großbritannien nicht auch sehr genau zwischen den Zeilen lesen. Schließlich liegt es in der Natur von Empfehlungen, dass sie ausschließlich Positives über den Bewerber sagen sollten. Es kommt folglich vor allem darauf an, wie positiv die Beurteilung ausfällt. Insofern ist es natürlich auch im Englischen ein großer Unterschied, ob jemandes Leistungen lediglich als "good" oder als "very good", "excellent" oder sogar "outstanding" bezeichnet werden. Schließt eine Empfehlung etwas halblaut mit den Worten "I recommend this person warmly / strongly, to any department with a job in her area", so ist dies als versteckter Hinweis zu werten, diese Bewerberin lieber nicht zu einem Vorstellungs- gespräch einzuladen. Ganz anders liest sich dagegen folgende Empfehlung: "I recommend this person without reservation / with enthusiasm / with my highest endorsement".

Insbesondere in den USA hat sich in den letzten 20 Jahren der Trend entwickelt, in Referenzen nicht an Superlativen zu sparen, so dass die Abwesenheit von inflationärem Lob mittlerweile bereits misstrauisch machen kann. In Großbritannien hält man sich in dieser Hinsicht bedeckter: Eine Formulierung wie "XY has done very fine work", die einer Bewerbung in den USA möglicherweise den direkten Weg zum Papierkorb ebnen würde, wird in London oder Edinburgh durchaus wörtlich als sehr gute Beurteilung verstanden. Es ist also bei einer Übersetzung von deutschen Referenzen wichtig darauf zu achten, in welches Land die Bewerbung gehen soll bzw. ehemalige Arbeitgeber oder Gutachter, die selbst ein englisches Zeugnis verfassen können, im Voraus darauf aufmerksam zu machen.

Des Weiteren gibt es natürlich auch im Englischen einige zweideutige Formulierungen, die negative Assoziation hervorrufen können: Jemanden als "attentive to detail" zu charakterisieren, kann als elegante Umschreibung für einen Pedanten verstanden werden. Wer zukünftige Arbeitgeber darauf hinweisen möchte, dass ein Bewerber sich nur schwer auf seine Aufgabenbereiche konzentrieren kann und sich ständig zu viel vornimmt, nennt ihn im Arbeitszeugnis "ambitious." "Independent" kann auch starrköpfig bedeuten, usw. Andererseits hat die Aussage "His pleasant manner made him popular with the rest of the staff" nicht den negativen Beiklang wie im Deutschen, wo Arbeitgeber sofort an jemanden denken, der am Arbeitsplatz viel plaudert und flirtet, aber nur wenig leistet.

Zu beachten ist außerdem im Deutschen wie im Englischen, worüber im Arbeitszeugnis nicht gesprochen wird: Werden zu zentralen Tätigkeitsbereichen keine Aussagen gemacht, so liegt der Schluss nahe, dass es zu diesen Punkten nichts halbwegs Positives zu berichten gibt. Am Ende eines Zeugnisses oder Empfehlungsschreibens sollte in jedem Fall ein Satz stehen wie "Should you wish to speak to me personally about XY, please feel free to contact me" mit Telefonnummer und/oder E-Mail-Adresse. Dass die betreffende Person dann auch des Englischen mächtig sein sollte, wäre – nun ja, empfehlenswert.

PS: Wer jetzt nach all dem Gesagten immer noch eine professionelle Übersetzung von Zeugnissen oder Empfehlungen benötigt, bitte hier entlang: www.zeugnisuebersetzungen.de

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