Klein aber fein: US-Studienführer nennt Alternativen zum Elitestudium an Harvard, Princeton, Cornell & Co.
Der Vergleich erinnert an David und Goliath: Die große Cornell University im US-Bundesstaat New York zählt zum elitären Kreis der amerikanischen Ivy League Hochschulen und ist somit ein Traumziel für viele High School-Absolventen und sicher auch für zahlreiche deutsche Abiturienten, die gerne und hauptsächlich an die ganz großen Namen denken, wenn sie sich für ein Studium in den USA interessieren. Der kleine Namens- vetter der renommierten Ostküstenuniversität, das relativ unbekannte Cornell College in Mount Vernon, Iowa, steht dagegen nur bei wenigen Studienbewerbern auf der Wunschliste ganz oben. Zu Unrecht, findet Loren Pope, der mittlerweile 95jährige Guru der US-Studienberaterszene und Autor des Buches Colleges That Change Lives, das sich in den USA in den letzten fünf Jahren bereits mehr als 100.000 Mal verkauft hat: "Cornell College bietet Undergraduate-Studierenden eine bessere Bildung als Cornell University. Die Studierenden dort sind aktiv an der Gestaltung ihres eigenen Bildungsprozesses beteiligt und nicht nur passive Zuhörer. Fähige Professoren zieht es dorthin, weil sie leidenschaftlich gern unterrichten und ihre Forschung nutzen, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. An Cornell University trifft das Gegenteil zu: Die Lehre dient lediglich dazu, die eigenen Forschungstätigkeiten zu finanzieren, für die es wiederum Gehaltserhöhungen und Beförderungen gibt. Undergraduate- Studierende zu unterrichten ist für hauptamtliche Professoren eine lästige Verpflichtung, der sie so gut wie möglich aus dem Weg gehen."
Oder in den Worten einer ehemaligen Cornell-Studentin, die ihr Bachelor-Studium dort nach zwei Jahren frustriert abgebrochen hat: "Ich saß teilweise mit 2.000 anderen Studierenden in einer Vorlesung - oben auf der Empore. Ich hätte meinen Abschluss bekommen können ohne ein einziges Mal aus dem Bett zu steigen - außer für die Prüfungen. Für den Rest hätte ich Leute bezahlen können, die für mich mitschreiben." Ein persönliches Gespräch mit einem Professor führte die junge Frau in zwei Jahren nur ein einziges Mal.
Unpersönlichkeit, Oberflächlichkeit, Etikettenschwindel, ja sogar Betrug der Studierenden um die Möglichkeit einer transformativen Bildungserfahrung – das wirft Pope den großen Universitäten mit den großen Namen vor, die in den einschlägigen Rankings amerikanischer Hochschulen regelmäßig ganz weit vorne landen. Sein pädagogisches Credo, das er bereits im Vorgängerbuch Looking Beyond the Ivy League
Und das müssen keine Eliteschulen mit etablierten "Markennamen" sein, an denen nur die Besten der Besten studieren, im Gegenteil: Gerade die für die von Pope favorisierten Colleges typische Mischung aus sehr guten, guten und durchschnittlich begabten Studierenden ermöglicht eine Lernerfahrung, von der alle nur profitieren können. Denn die mittlere Gruppe stelle in Vorlesungen und Seminaren die Fragen, die sich die sehr guten Studierenden aus Angst um ihr Image nicht trauen zu stellen und auf die die langsameren von allein möglicherweise nicht gekommen wären. Es herrsche überdies meistens eine Atmosphäre des Miteinander-Lernens anstatt des ansonsten verbreiteten Lernens in Konkurrenz zueinander. Alle Lehrveranstaltungen würden von den Professoren selbst unterrichtet und nicht von fortgeschrittenen Studierenden (teaching assistants), wie an den großen Universitäten allgemein üblich. Die hervorragende zahlenmäßige Relation zwischen Professoren und Studierenden ermögliche eine intensive, persönliche Betreuung und erzeuge insgesamt eine quasi-familiäre Gemeinschaft, die aus noch unsicheren Erstsemestern innerhalb von vier Jahren akademisch, sozial und emotional gereifte Führungspersönlichkeiten mache. Und zwar auch und gerade aus denjenigen, die in der Schule nicht die besten Noten hatten.
Die Zahlen scheinen Pope Recht zu geben: Immer wieder weist er darauf hin, dass die in Colleges That Change Lives porträtierten, meist relativ unbekannten Hochschulen statistisch gesehen mehr Führungspersonal in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik hervorbrächten als die renommierten Eliteuniversitäten. Deren exklusive Reputation ist auf der Ebene des Bachelor-Studiums vor allem darauf begründet, dass sie nur die besten High School-Absolventen mit den besten Schulnoten, den besten SAT-Ergebnissen, den besten Empfehlungsschreiben etc. aufnehmen. Dies zumindest sind die Kernkriterien für die Ranking-Platzierung. Was wirklich zählt ist jedoch, was nach der Aufnahme mit diesen Studierenden passiert: ob und wie sie sich intellektuell, sozial und persönlich weiterentwickeln und gefordert werden.
Und hier sieht es tatsächlich nicht gut aus bei den Ivy League Hochschulen: Insbesondere an Harvard und seiner Bachelor-Ausbildung ist in letzter Zeit heftige Kritik laut geworden, z.B. bezüglich der so genannten „grade inflation“, bei der routinemäßig Bestnoten für bestenfalls mittelmäßige Leistungen vergeben werden, um den Kindern der amerikanischen Oberschicht keine Steine in den Weg zu legen. Der Harvard-Abschluss ebnet natürlich die weitere Karriere, doch ob die Mehrheit der Absolventen tatsächlich gebildeter und talentierter sind als ihre Kommilitonen von weniger bekannten Unis, darf getrost bezweifelt werden.
Wer sich diese Zusammenhänge bezüglich der Herstellung von Selektivität und Status im US-Hochschulwesen einmal klar gemacht und sich von der Fixierung auf Ranking-Platzierungen gelöst hat, findet mit Colleges That Change Lives einen exzellenten Ratgeber zur Auswahl eines geeigneten College. Liebevoll und kenntnisreich porträtiert Loren Pope insgesamt 40 Colleges, von denen einige, wie z.B. Antioch, Clark, Hampshire oder Reed, den meisten Amerikanern durchaus ein Begriff sind. Doch von der Mehrzahl der Colleges hat man in den USA bislang wenig bis gar nichts gehört, und in Deutschland erst recht nicht - dieser Autor eingeschlossen.
Auf sechs bis acht Seiten gibt Pope für jedes einen kurzen Abriss seiner Geschichte, beschreibt den Campus und erläutert, was dieses College besonders macht. Mal ist es, wie im Fall des bereits erwähnten Cornell College, der innovative "Block Plan", bei dem für jeweils dreieinhalb Wochen nur ein einziges Seminar intensiv unterrichtet wird, oder es ist die einmalige Lernatmosphäre am Agnes Scott College in Atlanta: ein College nur für Frauen, an dem jegliche Girlie-Mentalität fehl am Platze ist und Klausuren grundsätzlich unbeaufsichtigt stattfinden, weil sich alle einem Ehrenkodex verpflichtet fühlen, nach dem Spicken und Schummeln absolut verpönt ist. Popes größter Geheimtipp ist das College of Wooster in Wooster, Ohio. Obwohl dort nicht selten 80% bis 90% aller Bewerber angenommen werden, belegt die Hochschule Platz 11 in der Rangliste der mehr als 900 Colleges, deren Absolventen anschließend promovieren. Das liegt unter anderem an dem anspruchsvollen Projekt, das alle Wooster-Studierenden in ihrem vierten und letzten Studienjahr einschließlich einer hundertseitigen Abschlussarbeit erstellen müssen. Dabei kann es sich um eine Forschungs- arbeit, ein Theaterstück oder etwas dazwischen handeln – in jedem Falle erfordert es Kreativität, Eigenständigkeit und Durchhaltevermögen.
Obwohl Popes Ratgeber natürlich für ein amerikanisches Publikum geschrieben ist, kann es auch Studienbewerbern aus dem Ausland bei der Entscheidungs- findung von großem Nutzen sein – vorausgesetzt man teilt die "small is beautiful"-Ansichten des Autors. Deutsche Leser sollten sich außerdem des zweistufigen Aufbaus des US-Hochschulsystems und der Tatsache bewusst sein, dass Bachelor- und Master-/Ph.D.-Studium in vieler Hinsicht zwei sehr verschiedene Angelegenheiten sind. In Colleges That Change Lives geht es ausschließlich um ersteres, und Popes harte Kritik an den großen und renommierten Universitäten bezieht sich auf deren Angebot für Studien- anfänger, nicht für Graduierte und angehende Wissenschaftler. Nur vor dem besonderen Hintergrund des amerikanischen Bachelor-Studiums mit seinen allgemeinbildenden Komponenten und der Betonung auf der Persönlichkeits- bildung ist es verständlich, wenn Pope von "Fürsorge" oder "familiärer Atmosphäre" als wünschenswerte Merkmale einer guten Hochschulausbildung spricht. Deutsche Abiturienten sind in ihrer Entwicklung oft bereits weiter fortgeschritten als viele amerikanische High School-Absolventen und möchten eventuell gar nicht so intensiv an die Hand genommen werden, sondern ihre neuen Freiheiten lieber in einem urbaneren und anonymeren Studienumfeld ausprobieren.
Auch Popes teilweise polemische Kritik an den großen Colleges und Universitäten kann in ihrer Pauschalität nicht richtig überzeugen, denn trotz aller berechtigten Bedenken hinsichtlich der individuellen Betreuung und der Vernachlässigung der Lehre zugunsten der Forschung ist fraglos auch dort ein anspruchsvolles und bereicherndes Erststudium möglich, wie z.B. Alfred Dersidans Berichte von der Stanford University zeigen. Allerdings haben die wenigsten deutschen Interessenten wie der intellektuelle Überflieger Dersidan die Möglichkeit, zwischen mehreren US-Eliteunis auswählen zu können. Insbesondere (aber nicht nur!) denjenigen, die aufgrund "nur" guter bis mittelprächtiger Schulnoten kaum eine Chance auf Zulassung bei den prestigeträchtigen US-Hochschulen haben, zeigt Colleges That Change Lives hervorragende Alternativen auf, die nicht nur eine exzellente Bildungs- erfahrung bieten, sondern auch den Weg zum weiterführenden Master- oder Ph.D.-Studium ebnen. Dann vielleicht doch an Harvard & Co.
Loren Pope, Colleges That Change Lives: 40 Schools You Should Know About Even If You’re Not a Straight-A Student (Penguin, 2000). 304 Seiten. $15.00. Begleitend zum Buch gibt es eine Webseite mit weiteren Informationen zu den darin vorgestellten Hochschulen. Im National Public Radio lief außerdem vor einiger Zeit ein kurzer Beitrag, in dem das Buch vorgestellt wird und einige Studierende zu Wort kommen.
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Nachtrag 28.02.07: In der New York Times erschien heute ein Porträt von Loren Pope, in dem auch die kontroversen Kernthesen seiner Bücher diskutiert werden. Lesenswert!
Nachtrag 28.09.08: Wie heute bekannt wurde, ist Loren Pope am Wochende im Alter von 98 Jahren verstorben.
TransatlanTicker - 9. Jan, 10:00




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