Neue Rankings für Ph.D.-Programme in den USA

Wer sich über Qualität und Ansehen einer amerikanischen Hochschule im Bereich der Master- und Ph.D.-Studiengänge informieren möchte, greift häufig zunächst zu den entsprechenden Rankings der Zeitschrift US News & World Report. Die sind zwar die bei weitem bekanntesten und am meisten zitierten Ranglisten, doch viele Hochschuladministratoren, Journalisten und Studienberater kritisieren sie als unwissenschaftlich und somit wenig aussagekräftig. Als Nonplusultra gelten in Fachkreisen dagegen die Rankings des National Research Council, der in seiner Studie Research-Doctorate Programs in the United States: Continuity and Change die Qualität, Effektivität und Reputation von mehr als 3600 Promotionsstudiengängen an 274 US-Hochschulen bewertet hat. Das Problem: Die Daten sind seit der Veröffentlichung der Studie im Jahr 1995 nicht mehr aktualisiert wurden, und die lang ersehnte Neuauflage lässt aus finanziellen und organisatorischen Gründen weiterhin auf sich warten. Außerdem gibt es Querelen um die bislang verwendete Methodologie, bei der unter anderem die Reputation einer Universität eine bedeutende Rolle spielt. Vielen in der US-Hochschulszene sind die persönlichen Einschätzungen von Professoren, anhand derer dieses Kriterium ermittelt wird, zu subjektiv: Sie wollen einen strikt objektiven Maßstab für die Qualität der Doktorandenausbildung an den jeweiligen Fachbereichen.

Den liefert jetzt nach Aussage seiner Autoren der so genannte „Faculty Scholarly Productivity Index“, mit dem einmal pro Jahr der wissenschaftliche Output von Professoren an rund 7.300 Promotionsstudiengängen von insgesamt 354 US-Hochschulen ausgewertet wird. Gezählt werden dabei die Anzahl der veröffentlichen Buchtitel, Beiträge in Fachzeitschriften, deren Zitierung in anderen Veröffentlichungen sowie Ehrungen, Preise und eingeworbene Drittmittel. Die dahinter stehende, weitgehend unbestrittene Grundannahme lautet: Ein Fachbereich oder ein spezifischer Studiengang ist umso besser, je mehr die dort forschenden Professoren durch ihre Veröffentlichungen am wissenschaftlichen Diskurs teilnehmen und dafür Anerkennung in Form von Preisen erhalten oder einfach dadurch, dass ihre Forschungsergebnisse häufig von anderen Wissenschaftlern zitiert werden. Der Produktivitätsindex wird erstellt von Academic Analytics, einer gewinnorientierten Firma, deren zahlende Kunden derzeit rund 35 US Universitäten sind, die die ermittelten Daten exklusiv per Abonnement beziehen und hauptsächlich für interne Zwecke verwenden. Damit lässt sich z.B. kontrollieren, ob kürzlich neu eingestellte Professoren die Platzierung des jeweiligen Fachbereichs in punkto Veröffentlichungen und Drittmittel verbessert haben und sich die Investition somit gelohnt hat. Oder es lässt sich prognostizieren, wie sich die bevorstehende Pensionierung einiger Wissenschaftler auf die Stellung ihrer Programme auswirken wird.

Die Kritik an den neuen Rankings ließ nicht lange auf sich warten, was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass es einige Überraschungen gab und renommierte Elitehochschulen in vielen Fällen nicht wie gewohnt die vordersten Plätze belegen. Auffälligstes Beispiel ist die Rangliste der besten Ph.D.-Programme in Fach Anglistik („English“), die ich an dieser Stelle ausführlich zitieren möchte, da ich selbst an einem der damals am höchsten gehandelten English Departments der USA studiert habe, nämlich an der Duke University, die im neuen Produktivitäts-Index allerdings wie viele andere Kandidaten dieses Kalibers gar nicht unter den Top 10 auftaucht. Stattdessen belegt die University of Georgia, die wahrscheinlich nur die wenigsten auf der Liste gehabt hätten, in dieser Fachrichtung den zweiten Platz. Das ist ohne Zweifel eine faustdicke Überraschung (wie auch die guten Platzierungen der University of Florida oder der City University of New York, siehe unten) und hat Anlass zu Spott über die vermeintliche Realitätsferne dieses Rankings gegeben: Würde man einem hochtalentierten Bachelor-Absolventen mit Ambitionen auf einen Ph.D. im Fach Englisch wirklich die Empfehlung geben, in Georgia zu promovieren? Offenbar sollte man dies tun, und die Spötter haben selbst höchstwahrscheinlich nicht ganz so gut abgeschnitten wie erwartet. Hier die verschiedenen Ranglisten für das Fach Englisch im Vergleich:

2005 Faculty Scholarly Productivity Index:

1. Princeton University
2. University of Georgia
3. Pennsylvania State University
4. Washington University in St. Louis
5. Johns Hopkins University
5. Stanford University
7. University of Illinois at Urbana-Champaign
8. University of California at Berkeley
8. University of Florida
10. City University of New York Graduate Center
10. University of Chicago

National Research Council 1995 Rankings

1. Yale University
1. University of California at Berkeley
1. Harvard University
4. University of Virginia
5. Duke University
5. Stanford University
7. Cornell University
8. University of Pennsylvania
8. Columbia University
10. University of Chicago

U.S. News & World Report Ranking 2005

1. Harvard University
1. University of California at Berkeley
1. Yale University
4. Princeton University
4. Stanford University
6. Cornell University
6. University of Chicago
8. Columbia University
9. Johns Hopkins University
10. University of California at Los Angeles

Frappierende Unterschiede also. Aber auch anderswo fehlen die großen Namen in den Top 10, z.B. in den Bereichen Volkswirtschaft (Economics), Politikwissenschaft oder Physik, wo Princeton und das MIT, beim Ranking des Research Council noch auf Position 2 bzw. 3 platziert, in der absoluten Spitzengruppe fehlen. Eine hohe Reputation entsteht nur über Jahrzehnte, und ein großer Vorteil des Produktivitätsindex besteht zweifellos darin, dass er durch das Weglassen dieses Kriteriums eine gleichsam unvoreingenommene Augenblicksaufnahme von der aktuellen Forschungsstärke eines Fachbereichs ermöglicht - Reputation hin oder her.

Kritiker bemängeln jedoch vor allem die Methode der Datenerhebung, denn Academic Analytics recherchiert die Namen der an einem Fachbereich beschäftigten Professoren allein anhand der Universitäts-Webseiten, die häufig nicht aktuell sind. Zwar schickt die Firma die derart ermittelten Liste zur Korrektur an die Hochschulen, doch die machen sich nur in rund der Hälfte der Fälle die Arbeit, das Ganze durchzusehen. Außerdem - und hier würde ich zustimmen - ist das neue "objektive" Ranking vielen zu eindimensional auf die Forschungsseite ausgerichtet; die Sicht der Doktoranden fehlt im Gegensatz zur Studie des National Research Council völlig. So gibt der Index keinerlei Aufschluss darüber, wie hoch die Quote derjenigen ist, die tatsächlich ihre Doktorandenausbildung beenden, wie lang die durchschnittliche Promotionsdauer ist, ob eine Universität die Krankenversicherung für ihre Doktoranden zahlt, ob es Tarifvereinbarungen für „teaching assistants“ gibt, ob Angebote zur beruflichen Qualifizierung gemacht werden oder wie sich die Teilnehmer eines Studiengangs ethnisch zusammensetzen. Aber jeder Doktorant wird bestätigen, dass dies ebenfalls wesentliche Qualitätsmerkmale eines Promotionsstudienganges sind. Was nützt die beste Publikationsquote, wenn es an der Betreuung hapert? Somit kann man davon ausgehen, dass die beiden Datensammlungen sich in Zukunft ergänzen werden, wenn denn die Neuauflage der Council-Studie tatsächlich irgendwann erscheint.

Die Daten des „Faculty Scholarly Productivity Index“ sind leider größtenteils nicht öffentlich zugänglich, so dass sie Studierenden bei der Suche nach einer geeigneten US-Hochschule für das Graduiertenstudium nicht sonderlich hilfreich sind. Auszüge aus den Ergebnissen hat jedoch kürzlich exklusiv die Zeitschrift Chronicle of Higher Education veröffentlicht und online kostenlos verfügbar gemacht. Auch auf der Seite von Academic Analytics kann man sich hier die Spitzenreiter für die verschiedensten Fachbereiche herunterladen. Die Studie des National Research Council ist leider ebenfalls nicht so leicht zugänglich, da sie nur in Buchform zu einem stattlichen Preis erhältlich ist. Wenn ich mich nicht täusche, müssten jedoch die die diversen USA-Studienberatungsstellen ein Exemplar davon in ihren Bibliotheken haben. Auch Universitätsbibliotheken wären einen Versuch wert.

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