Versuch über ein supergroßes Glas Senf: Bewerbungsessays an der University of Chicago

Wenn ich Abiturienten erläutere, welche Unterlagen häufig für eine Bewerbung um ein Bachelor-Studium an einer US-Hochschule gefordert werden, blicke ich meistens spätestens beim Punkt „Personal Essay“ in etwas ratlose Gesichter. Zeugnisse, Sprach- und Eignungstests, Empfehlungsschreiben – das leuchtet alles irgendwie ein. Auch dass man häufig in einigen Sätzen erklären soll, warum man gerade an dieser Universität studieren möchte, scheint den meisten noch plausibel. Aber insbesondere an den hochkarätigeren US-Universitäten gehen die Fragen, die möglichst originell und kunstvoll im Rahmen eines selbstverfassten Essays auf 1 bis 2 Seiten beantwortet werden sollen, weit über diese Aspekte hinaus. Die University of Virginia zum Beispiel fragte ihre Bewerber vor einiger Zeit: „What is your favorite word, and why?“ Alternativ konnte man damals auch zu einem berühmten Zitat aus William Faulkners Roman Requiem for a Nun Stellung nehmen: „The past is never dead. It’s not even past.“ To borrow [Faulkner’s] words, what small event, either from your personal history ort he history of the world, is neither ‚dead’ nor ‚past’?“ Und die University of Pennsylvania forderte ihre Bewerber einmal zu folgender Übung auf: “You are writing your autobiography. Give us page 247.”

Hinter der Vielzahl an Essay-Fragen, wie exotisch sie auch sein mögen, steht immer ein zentraler Gedanke: Die Zulassungsstellen der Universitäten möchten einen Einblick in die Persönlichkeit der Bewerber bekommen und etwas über ihre Werte und Ambitionen, über ihre persönliche Reife, ihre Kreativität und ihre Fähigkeit erfahren, einen Gedankengang sprachlich und stilistisch ansprechend in knapper Form über vier bis fünf Absätze strukturiert zu entfalten. Die Vorstellung, dass die Persönlichkeit eine Rolle bei der Bewerbung an Universitäten spielen soll, ist uns in Deutschland völlig fremd. Vielen widerstrebt es verständlicherweise sogar, so etwas Privates und Intimes gegenüber fremden Hochschulangestellten preis zu geben. Entscheidend waren bei uns bislang allein die Schulnoten. Doch in dem Maße, wie immer mehr Fachbereiche auch Eignungstests und Auswahlgespräche in den Bewerbungsprozess integrieren (wollen), wird zukünftig auch bei uns die Persönlichkeit eine – wenn auch sehr viel geringere – Rolle bei der Zulassungsentscheidung spielen. In den USA, wo jede Hochschule ein eigenes spezielles Profil und eine eigene Philosophie („mission“) für sich in Anspruch nimmt und auch der Gedanke einer „campus community“ weitaus stärker ausgeprägt ist, kommt es bei der Auswahl der College-Bewerber neben Noten und Testergebnissen (auch) darauf an, ob man „zueinander passt,“ ob also dieser oder jener Bewerber auch als Mensch eine Bereicherung für die jeweilige Hochschulgemeinschaft wäre.

Die University of Chicago ist dafür bekannt, in ihren Bewerbungsunterlagen besonders ausgefallene und kniffelige Essay-Fragen zu stellen. In diesem Jahr haben Bewerber die Wahl zwischen fünf Aufgabenstellungen. Zum Beispiel: Was fällt Ihnen zu dem folgenden Zitat von Miles Davis ein: „Don’t play what’s there, play what’s not there.“ Bei einer anderen Option soll man sich vorstellen, ein fiktives Brunch mit schrägen Gestalten aus Geschichte und Literatur zu veranstalten. Wer würde dabei sein? Der Essay darf durchaus etwas Dialog enthalten – solange dabei etwas Wichtiges über die Persönlichkeit des Autors oder der Autorin deutlich wird. Im vorletzten Jahr sollten sich Bewerber bei einer Frage Gedanken über die riesigen Senfgläser machen, die häufig in amerikanischen Supermärkten zu sehen sind. Wer kauft die eigentlich, und wozu? Schmieren sich womöglich manche Leute am ganzen Körper mit Senf ein? Worin besteht generell der Reiz an Größe und Exzess? Und so weiter. Die Aufgabe: „Write an essay somehow inspired by super-huge mustard.“ Die gesammelten Essay-Fragen der letzten fünf Jahre kann man auf der Webseite der Universität nachlesen. Die meisten sind richtig gut: Obwohl ich keinen Bewerbungsessay schreiben muss, habe ich bei manchen Aufgaben große Lust, zu Stift und Papier zu greifen. Wer weiß, vielleicht wird Senf ja demnächst noch einmal Thema im TransatlanTicker. Falls jemand einen Essay einreichen möchte – immer her damit!

Die extravaganten Essay-Fragen sind mittlerweile so etwas wie ein Markenzeichen der University of Chicago geworden. Wer dort angenommen wird, hat unter Beweis gestellt, sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden zu geben, sondern auf originelle und kreative Weise die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Insofern verwundert es nicht, dass die Ankündigung der Universität, demnächst auch die so genannte Common Application zu verwenden, mit der sich Bewerber gleichzeitig an mehreren US-Hochschulen bewerben können, für Aufregung unter den Studierenden gesorgt hat, wie kürzlich in einem Beitrag des National Public Radio zu hören war. Viele befürchten offenbar, dass mit der Standardisierung des Bewerbungsformulars – eigentlich ein Vorteil für die Bewerber, weil sie die meisten Angaben nur ein einziges Mal zu machen brauchen – auch die Originalität der Essay-Fragen und damit eine Besonderheit der Universität der bürokratischen Gleichmacherei zum Opfer fallen wird. Die Hochschulleitung beruhigt jedoch die Gemüter: Auch in der „Uncommon Application“, wie die Bewerbungsunterlagen jetzt heißen, wird es Essay-Fragen der anderen Art geben. Zum Beispiel diese: „Pose and respond to an uncommon prompt of your own. If your prompt is original and thoughtful, then you should have little trouble writing a great essay. Draw on your best qualities as a writer, thinker, visionary, social critic, sage, sensible woman or man, citizen of the world, or future citizen of the University of Chicago; take a little risk and have fun.”

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