Bologna-USA: Neues zur Anerkennung deutscher Bachelor-Abschlüsse in den USA

Bachelor ist nicht gleich Bachelor: Trotz identischer Bezeichnungen gibt es vieles, was die amerikanischen Bachelor-Studiengänge von ihren neuen europäischen Pendants unterscheidet. Zum Beispiel dauert das Bachelor-Studium in den USA vier Jahre, in Europa dagegen meistens nur drei. Dieser formale Unterschied hat dazu geführt, dass sich zunächst viele amerikanische Universitäten geweigert haben, europäische Bachelor-Absolventen zum Master- oder Promotionsstudium in den USA zuzulassen. In dem Maße, wie sich das Wissen um den Bologna-Prozess und seine Strukturreformen auch in den amerikanischen Hochschulverwaltungen herumspricht, hat sich die Situation jedoch in letzter Zeit entspannt: Laut einer aktuellen Studie des Council of Graduate Schools (CGS) hat sich die Zahl der US-Hochschulen, die Bewerber mit „Bologna-Bachelor“ grundsätzlich nicht zum Graduiertenstudium zulassen, seit 2005 von 29% auf nur noch 18% verringert. Debra W. Stewart, Präsidentin des CGS, hat diesen Trend vor ein paar Tagen auf dem großen Going Global Symposium an der FU Berlin noch einmal bekräftigt. Dies heißt jedoch nicht, dass die Schwierigkeiten bei der Anerkennung der europäischen Abschlüsse aus dem Weg geräumt wären. Im November 2006 trafen sich in Washington D.C. Spezialisten aus Europa und den USA zu einer Konferenz zum Thema „The Impact of Bologna and Three-Year Degress on U.S. Admissions“. Eine Woche später berief der Berufsverband NAFSA eine Task Force zum selben Thema ein, deren Abschlussbericht (PDF) die verschiedenen Probleme und Dilemmata bei der Anerkennung der neuen Abschlüsse sehr schön auf den Punkt bringt:

Dilemma 1: Unterschiedliche Bildungsphilosophien

Es gehört zu den Besonderheiten des US-Hochschulsystems, dass das Bachelor-Studium eben kein intensives Fachstudium ist, sondern in der Regel zu mindestens einem Drittel aus allgemein bildenden Komponenten unterschiedlicher Fächer besteht. Eine Art Studium generale also mit einer leichten fachlichen Vertiefung meistens ab dem dritten Studienjahr. Das Bildungsziel auf dieser Ebene sind „well rounded persons“, keine Spezialisten. Die eigentliche Spezialisierung auf ein Fachgebiet findet erst auf der nächsten Stufe des Master- oder Promotionsstudiums statt. Wer in den USA also einen Bachelor of Science in Physics erwirbt, hat nicht ausschließlich Physik studiert, sondern sich nur rund die Hälfte seines Studiums damit befasst. Die neuen europäischen Bachelor-Studiengänge dagegen sind von Anfang an spezialisiert. Viele Zulassungsbüros amerikanischer Universitäten sehen den Bologna Bachelor folglich deshalb nicht als gleichwertig an, weil die „general education“ Komponenten fehlen. Diesem Einwand ist allerdings zu entgegnen, dass auch die traditionellen Diplom- und Magisterstudiengänge von Anfang an fachspezifisch waren – was bei der Zulassung zum Graduiertenstudium in den USA aber nie ein Problem dargestellt hat. Entscheidend war, dass man mindestens fünf Jahre studieren musste, um einen solchen Abschluss zu erhalten, was als Äquivalent zum vierjährigen US-Bachelor gewertet wurde. Nicht die Studieninhalte haben also bei der formalen Zulassung den Ausschlag gegeben, sondern die Studiendauer. Jetzt plötzlich das fehlende Studium generale ins Spiel zu bringen, finde ich nicht sonderlich überzeugend.

Dilemma 2: Credit ist nicht gleich Credit

Ein weiteres Problem bei der Anerkennung europäischer Bachelortitel sind die unterschiedlichen Credit-Systeme, denn auch das European Credit Transfer System (ECTS) und die amerikanischen „credit hours“ basieren auf ganz unterschiedlichen Konzepten. Während in den US credits hauptsächlich die Kontaktstunden in Vorlesung oder Seminar zum Ausdruck kommen, schließt das ECTS System auch das Arbeitspensum ein, das Studierende zur Vorbereitung auf Vorlesungen, Seminare und Prüfungen oder zum Selbststudium aufwenden. Der allgemein akzeptierte „Umrechnungsfaktor“ für amerikanische und europäische credits beträgt deshalb 1:2. Aber ganz so einfach ist die Umrechnung nicht, denn schließlich werden ganz unterschiedliche Dinge gemessen: In den USA beziehen sich die credit hours vor allem auf das Bildungs-Input, das für den Erwerb eines akademischen Titels notwendig ist. 60 credit hours bedeutet: Man hat so und so viele Vorlesungen, Seminare und Übungen mit Erfolg absolviert. Das ECTS-System dagegen quantifiziert hauptsächlich die Lernergebnisse (outcomes), d.h. die Kompetenzen, die verdeutlichen, was die Studierenden nach Abschluss eines kurzen oder langen Lernprozesses wissen, verstehen oder leisten können. Diese unterschiedlichen Messverfahren miteinander in Einklang zu bringen ist nicht leicht, aber je vertrauter die amerikanische Seite mit dem Bologna-Instrumentarium wird, umso mehr werden sich Vorbehalte abbauen.

Dilemma 3: Fairness

Eine dritte Frage lautet: Wenn Europäer nur drei Jahre studieren müssen, um zu einem Master- oder Promotionsstudium in den USA zugelassen zu werden, Amerikaner aber vier Jahre – ist das gerecht? Man könnte sich eine amerikanische High School Absolventin vorstellen, die ihren (dreijährigen) Bachelor an einer deutschen Uni macht und sich anschließend an einer US Graduate School bewirbt. Wird sie zugelassen, hat sie sich im Vergleich zur Mehrzahl ihrer Landsleute ein komplettes Studienjahr gespart, und zwar auch im wörtlichen, finanziellen Sinne. Auch international gesehen kommen solche Fairness-Erwägungen ins Spiel, denn die dreijährigen Erststudiengänge in Indien zum Beispiel werden von US Hochschulen allgemein nicht anerkannt. Lässt sich also rechtfertigen, dass Dreijahres-Abschlüsse a la Bologna akzeptabel sind, Dreijahres-Abschlüsse aus Indien aber nicht? Der Bologna-Bachelor ist hier allein schon semantisch im Vorteil, weil er – anders als die indischen Abschlüsse – auch „Bachelor“ heißt und somit trotz der genannten Unterschiede eine enge Verwandtschaft mit seinem US-Namensvetter suggeriert.

Dilemma 4: Zu viele Bewerbungen

Auf das Dilemma Nr. 3 könnte man entgegnen, dass es natürlich fair und legitim ist, internationale Hochschulabschlüsse trotz identischer Studiendauer unterschiedlich zu bewerten, wenn es Differenzen hinsichtlich der Inhalte und der Qualität der Ausbildung gibt. Dies setzt allerdings voraus, dass die Zulassungsbüros amerikanischer Universitäten jede Bewerbung „holistisch“ bewerten, d.h. sich ein genaues Bild der jeweiligen Bildungsinhalte und Rahmenbedingungen machen und auch Persönlichkeit und Motivation der Bewerber in Betracht ziehen. Qualitative Aspekte müssten also eine stärkere Rolle spielen also rein quantitativ-numerische Elemente einer Bewerbung. Die Realität an den meisten US Graduate Schools sieht jedoch so aus, dass sie Tausende von Bewerbungen erhalten und sich bei aller Sympathie für Einzelfallprüfungen und holistische Verfahren doch weitgehend an standardisierte Vorgaben halten müssen, um ihre Arbeit erledigen zu können.

Dilemma 5: Die Konkurrenz

Bei aller inhaltlichen Kritik an den Bologna-Abschlüssen sitzt den amerikanischen Hochschulen natürlich auch die Angst im Nacken, dass Studierende aus Indien und China nicht mehr wie bisher zu Tausenden zum Graduiertenstudium in die USA gehen, sondern nach Europa, wo ihre Dreijahres-Abschlüsse ohne größere Probleme anerkannt werden. Sollte das Bologna-Modell also Schule machen und auch als Vorbild für eine Neustrukturierung des Hochschulwesens in China dienen, hätte das enorme Auswirkungen auf die Mobilität internationaler Studierender und ihre globale Verteilung. Die USA haben auf dem internationalen Bildungsmarkt in den letzten Jahren ohnehin schon Konkurrenz durch Großbritannien, Australien und Europa bekommen und sind aufgrund ihrer starken Dezentralisierung im Gegensatz zu diesen eher staatlich bestimmten Bildungssystemen nicht so leicht beweglich. Die Position, auf einem vierjährigen Bachelor-Titel als Zulassungsvoraussetzung zu beharren, wird bei allem Unbehagen unter US Zulassungsexperten mittelfristig also allein aus wirtschaftlich-strategischen Erwägungen kaum haltbar sein.

Fazit: Der Trend geht in den Diskussionen gegenwärtig dahin, zwischen „equivalency“ und „admissibility“ zu unterscheiden: Selbst wenn demnach ein Dreijahres-Bachelor aus Europa nicht das genaue Äquivalent eines amerikanischen Bachelor-Titels ist, kann er trotzdem die Zulassungskriterien zum Graduiertenstudium an US-Universitäten erfüllen. Alles in allem also gute Nachrichten für Studierende aus Deutschland und anderen europäischen Ländern, die mit einem Master- oder Promotionsstudium in den USA liebäugeln.

Nachtrag 25.09.07: Soeben erschienen: Die Broschüre The Bologna Process, die die Wahrnehmung der europäischen Hochschulreformen in den USA hervorragend und umfassend beleuchtet.
Oliver K. (anonym) - 5. Mrz, 17:31

Grund für längere Studiendauer für einen Bachelor in Nordamerika.

Der Unterschied in der Dauer des Bachelor-Studiums kommt daher, dass man (hier bezogen auf die CH) bereits eine Matura bzw. Berufsmatura vorweisen muss, um zum Studium zugelassen zu werden. D.h. man hat die allgemein bildenden Fächer schon (oder in hohem Masse) absolviert. Mit einem Highschool Abschluss ist man aber noch nicht auf der Stufe einer Matura/Berufsmatura, darum dauert das Studium auch länger, weil man zuerst die allgemeinen Fächer nachholen muss.

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