US-Universitäten planen Boykott der Rankings
Ein einseitiger Ausstieg aus dem populären Ranking System der Zeitschrift U.S. News & World Report sei genauso riskant wie einseitige Abrüstung, behauptete kürzlich Michele Tolela Myers, Präsidentin des Sarah Lawrence College, in einem Kommentar in der Washington Post. Würde sich eine einzelne Hochschule im Alleingang dafür entscheiden, die alljährlichen Fragebögen der Ranking-Macher nicht mehr brav auszufüllen, hätte dies zur Folge, dass sie in den Ranglisten deutlich nach unten abrutschen würde, weil die Daten dann – zu ihren Ungunsten – einfach geschätzt würden. Dies wiederum würde die öffentliche Wahrnehmung der Hochschule negativ beeinflussen und dazu führen, dass die talentiertesten High School Absolventen eine Bewerbung dort vielleicht nicht mehr in Betracht ziehen. Bei aller Kritik an den simplifizierenden Rankings und ihren Auswirkungen auf die Hochschulauswahl junger Menschen sei der suggestiven Macht der Bestenlisten außer Aufklärung also kaum etwas entgegenzusetzen. Diese leicht resignierende Sichtweise hört man aus amerikanischen Hochschulkreisen nun schon seit Jahren. (Sie hält die Kritiker freilich in der Regel nicht davon ab, eine Verbesserung der Ranking-Position ihrer Institution an die große Glocke zu hängen.)
Möglicherweise kommt aber jetzt Bewegung in die Debatte, denn kürzlich haben sich gleich mehrere Dutzend US-Hochschulen geweigert, U.S. News die gewünschten Daten für die nächste Ranking-Ausgabe zu liefern. Gleichzeitig werben sie mit einem Rundschreiben bei anderen Hochschulen für einen kollektiven Boykott, meldete die Zeitschrift Christian Science Monitor. Die Rankings machten Bildung zu einer Ware, sagt Christopher Nelson, Präsident des St. John's College (Maryland) und einer der Wortführer des Boykotts: "So sollte man nicht über Bildung sprechen. Studenten sind schließlich keine Konsumenten, die Produkte einkaufen." Besonderen Anstoß nehmen die Kritiker am Ranking-Kriterium "Reputation", das immerhin 25% der Bewertung ausmacht. Um den Ruf einer Hochschule zu ermitteln, bitten die Ranking-Macher die jeweiligen Hochschulleitungen, die Qualität Hunderter US Colleges auf einer Skala von 1 bis 5 zu bewerten. Das Problem dabei: Kaum ein Universitätspräsident kann für mehr als fünf bis zehn andere Universitäten ein wirklich fundiertes Urteil abgeben. Der Rest ergibt sich vom Hörensagen. Was heißt das für die Aussagekraft der Rankings? Man ist so schlau wie vorher, denn dass Stanford oder Yale einen tollen Ruf haben, wusste man auch so. Ob es überhaupt sinnvoll ist, eine Hochschule nach ihrem Ansehen auszuwählen, ist ohnehin fraglich, denn der Ruf einer Universität hinkt der tatsächlichen Qualität des Studiums dort um mindestens zehn Jahre hinterher. Ein neues Ranking von Promotionsstudiengängen hat vor einigen Monaten für Aufregung gesorgt, weil das nebulöse Kriterium "Ruf" dabei völlig ignoriert und nur der tatsächliche Forschungs-Output berücksichtigt wurde, was zu einigen Überraschungen geführt hat.
Unterstützung bekommen die Ranking-Boykotteure aus Kanada: Dort gab es im vergangenen Jahr einen ähnlichen Aufruhr, der dazu führte, dass 25 der rund 90 kanadischen Hochschulen sich weigerten, die Fragebögen der Zeitschrift MacLean’s auszufüllen, die in Kanada die populärsten Hochschulrankings veröffentlicht. Darunter waren führende Institutionen wie die University of Toronto, die weiß Gott nicht unter ihrer Ranking-Platzierung leiden. Indira Samarasekera, Präsidentin der University of Alberta, erläutert in einem aufschlussreichen Artikel, wie es zum Boykott kam und warum die Rankings ein solches Ärgernis für de Hochschulen darstellen. Abgesehen von der geringen Aussagekraft einer Bewertung, die institutionelle und regionale Unterschiede im Hochschulsektor zugunsten einer simplen, aber gut verkäuflichen Durchschnittsnote ignoriert, ist das Zusammentragen der Daten, die von den Zeitschriften verlangt werden, mit viel Arbeit und Kosten verbunden. Samarasekera ermutigt ihre US-Kollegen, die Lehren der erfolgreichen kanadischen Kampagne zu beherzigen: Einbindung aller Hochschultypen, gemeinsam abgestimmtes Vorgehen, keine Rückzieher in letzter Sekunde, Informationen zur Ausbildungsqualität auf der eigenen Website transparent machen, um Unterstützung der Studierenden, Professoren und Hochschulmitarbeiter werben und keine Ranking-Ergebnisse mehr zu Marketingzwecken verwenden. Na dann: viel Erfolg!
Nachtrag 20.06.: Auf ihrer Jahrestagung hat die Annapolis Group, ein Zusammenschluss von 115 Liberal Arts Colleges, beschlossen, in Zusammenarbeit mit der National Association of Independent Colleges and Universities ein eigenes, web-basiertes Ranking zu veröffentlichen. Gleichzeitig hat die überwiegende Mehrheit der vertretenen Hochschulen erklärt, in Zukunft nicht mehr an der Erstellung der kommerziellen US News Rankings mitzuarbeiten. Der Boykott wird also Wirklichkeit, wenn auch (anders als in Kanada) die großen Namen nicht dabei sind.
Möglicherweise kommt aber jetzt Bewegung in die Debatte, denn kürzlich haben sich gleich mehrere Dutzend US-Hochschulen geweigert, U.S. News die gewünschten Daten für die nächste Ranking-Ausgabe zu liefern. Gleichzeitig werben sie mit einem Rundschreiben bei anderen Hochschulen für einen kollektiven Boykott, meldete die Zeitschrift Christian Science Monitor. Die Rankings machten Bildung zu einer Ware, sagt Christopher Nelson, Präsident des St. John's College (Maryland) und einer der Wortführer des Boykotts: "So sollte man nicht über Bildung sprechen. Studenten sind schließlich keine Konsumenten, die Produkte einkaufen." Besonderen Anstoß nehmen die Kritiker am Ranking-Kriterium "Reputation", das immerhin 25% der Bewertung ausmacht. Um den Ruf einer Hochschule zu ermitteln, bitten die Ranking-Macher die jeweiligen Hochschulleitungen, die Qualität Hunderter US Colleges auf einer Skala von 1 bis 5 zu bewerten. Das Problem dabei: Kaum ein Universitätspräsident kann für mehr als fünf bis zehn andere Universitäten ein wirklich fundiertes Urteil abgeben. Der Rest ergibt sich vom Hörensagen. Was heißt das für die Aussagekraft der Rankings? Man ist so schlau wie vorher, denn dass Stanford oder Yale einen tollen Ruf haben, wusste man auch so. Ob es überhaupt sinnvoll ist, eine Hochschule nach ihrem Ansehen auszuwählen, ist ohnehin fraglich, denn der Ruf einer Universität hinkt der tatsächlichen Qualität des Studiums dort um mindestens zehn Jahre hinterher. Ein neues Ranking von Promotionsstudiengängen hat vor einigen Monaten für Aufregung gesorgt, weil das nebulöse Kriterium "Ruf" dabei völlig ignoriert und nur der tatsächliche Forschungs-Output berücksichtigt wurde, was zu einigen Überraschungen geführt hat.
Unterstützung bekommen die Ranking-Boykotteure aus Kanada: Dort gab es im vergangenen Jahr einen ähnlichen Aufruhr, der dazu führte, dass 25 der rund 90 kanadischen Hochschulen sich weigerten, die Fragebögen der Zeitschrift MacLean’s auszufüllen, die in Kanada die populärsten Hochschulrankings veröffentlicht. Darunter waren führende Institutionen wie die University of Toronto, die weiß Gott nicht unter ihrer Ranking-Platzierung leiden. Indira Samarasekera, Präsidentin der University of Alberta, erläutert in einem aufschlussreichen Artikel, wie es zum Boykott kam und warum die Rankings ein solches Ärgernis für de Hochschulen darstellen. Abgesehen von der geringen Aussagekraft einer Bewertung, die institutionelle und regionale Unterschiede im Hochschulsektor zugunsten einer simplen, aber gut verkäuflichen Durchschnittsnote ignoriert, ist das Zusammentragen der Daten, die von den Zeitschriften verlangt werden, mit viel Arbeit und Kosten verbunden. Samarasekera ermutigt ihre US-Kollegen, die Lehren der erfolgreichen kanadischen Kampagne zu beherzigen: Einbindung aller Hochschultypen, gemeinsam abgestimmtes Vorgehen, keine Rückzieher in letzter Sekunde, Informationen zur Ausbildungsqualität auf der eigenen Website transparent machen, um Unterstützung der Studierenden, Professoren und Hochschulmitarbeiter werben und keine Ranking-Ergebnisse mehr zu Marketingzwecken verwenden. Na dann: viel Erfolg!
Nachtrag 20.06.: Auf ihrer Jahrestagung hat die Annapolis Group, ein Zusammenschluss von 115 Liberal Arts Colleges, beschlossen, in Zusammenarbeit mit der National Association of Independent Colleges and Universities ein eigenes, web-basiertes Ranking zu veröffentlichen. Gleichzeitig hat die überwiegende Mehrheit der vertretenen Hochschulen erklärt, in Zukunft nicht mehr an der Erstellung der kommerziellen US News Rankings mitzuarbeiten. Der Boykott wird also Wirklichkeit, wenn auch (anders als in Kanada) die großen Namen nicht dabei sind.
TransatlanTicker - 4. Mai, 08:05


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