Hochschulen in den USA und der Bologna-Prozess: Neuer Bericht zum Stand der Dinge

Dass in Europa vor mittlerweile knapp zwanzig Jahren mit dem Bologna-Prozess eine gigantische Hochschulreform mit globalen Auswirkungen auf den Weg gebracht wurde, ist in Hochschulkreisen jenseits des Atlantiks lange Zeit kaum registriert worden. Die geplante Harmonisierung des europäischen Hochschulraums mag vielen Experten in den USA, deren eigene Bildungslandschaft ebenfalls höchst fragmentarisiert ist und sich jeglicher Gleichmacherei von oben widersetzt, wie illusionäre Träumerei vorgekommen sein. Und auch die Reformer in Europa hatten bei ihrem Ziel, die internationale Mobilität der Studierenden zu erhöhen, zwar das europäische Ausland, nicht jedoch die Hochschulen in Nordamerika im Blick. Und so kam es, dass nun seit einigen Jahren die ersten Absolventen der neuen Bachelorstudiengänge die europäischen Universitäten verlassen und sich unter anderem auch für ein Master- oder Promotionsstudium in den USA oder Kanada bewerben. Und dort bei der Zulassung möglicherweise Probleme bekommen.

Denn an vielen amerikanischen Hochschulen herrscht noch immer Verunsicherung angesichts der enormen strukturellen Veränderungen, die die Bologna-Reformen bereits im Hinblick auf Studiengänge, Abschlüsse, Lehrinhalte oder Qualitätssicherung bewirkt haben. Insbesondere die Tatsache, dass die meisten Bachelorstudiengänge in Europa nur drei statt wie in den USA vier Jahre dauern, führte am Anfang teilweise zu vehementen Abwehrreaktionen: Viele US Graduate Schools weigerten sich zunächst kategorisch, diese Abschlüsse als Äquivalent zum amerikanischen Bachelor zu werten. Inzwischen hat das Wissen um den Bologna-Prozess jedoch deutlich zugenommen, und trotz anhaltender Bedenken wird fast überall bei der Zulassung von Europäern zu Masterstudium und Promotion pragmatisch von Fall zu Fall entschieden.

BolognaDoch die hochschulpolitische Debatte um Auswirkungen und Potenziale des Bologna-Prozess im Hinblick auf die transatlantische Kooperation ist damit alles andere als beendet, im Gegenteil: Sie steht erst am Anfang. Den aktuellen Stand der Diskussion fasst eine exzellente Broschüre (PDF) zusammen, die der Berufsverband NAFSA: Association of International Educators vor kurzem herausgebracht hat. Die Sonderbeilage zur Fachzeitschrift International Educator bietet Beiträge führender Experten, die die vielschichtigen Implikationen der Reformen von europäischer und amerikanischer Seite beleuchten. Wer sich für die Wahrnehmung des Bologna-Prozesses in den USA interessiert, ist mit dieser Publikation also bestens bedient: aktueller und umfassender geht es kaum.

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