Empfehlungsschreiben auf amerikanisch

Sie gehören in Nordamerika zu jeder Bewerbung um einen Studienplatz, ein Stipendium oder eine Arbeitsstelle dazu: Empfehlungsschreiben von Hochschullehrern, Arbeitgebern oder anderen Personen, die über die Eignung eines Bewerbers qualifizierte und natürlich positive Aussagen treffen können. In einem Beitrag über englischsprachige Arbeitszeugnisse habe ich bereits vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass man in angloamerikanischen Ländern zwar keine streng formalisierte Geheimsprache verwendet wie bei uns ("stets zu unserer vollsten Zufriedenheit"), es aber dennoch einige kulturspezifische Konventionen gibt, die auch Bewerber aus dem Ausland beachten sollten.

In den USA zum Beispiel hat es sich in den letzten Jahren eingebürgert, ein gutes Empfehlungsschreiben mit überschwänglichem Lob zu garnieren und bei der Beurteilung fast ausschließlich Superlative zu verwenden. Wer nicht als "outstanding", "excellent", "superb" oder zumindest als "brilliant" beschrieben wird, sieht im Vergleich zur Konkurrenz möglicherweise ziemlich blass aus. Manche Bewerber verbringen schlaflose Nächte bei dem Gedanken, dass ihre (unerfahrenen) Gutachter eventuell einen etwas realistischeren Ton anschlagen und ihrer Bewerbung damit bereits vor dem Absenden den Todesstoß verpassen könnten. Die Konsequenz der allgegenwärtigen Lobeshymnen ist jedoch, dass der Stellenwert der Empfehlungsschreiben immer weiter abnimmt, denn wenn alle Bewerber kleine Genies sind, lassen sich kaum noch Qualitätsunterschiede feststellen. Von der mangelnden Glaubwürdigkeit solcher Elogen ganz abgesehen.

Die US-Fachzeitschrift Chronicle of Higher Education hat sich der Thematik in ihrer neuesten Ausgabe angenommen und einige Empfehlungen für ein aussagekräftiges Empfehlungsschreiben gegeben. Da die Leserschaft des Chronicle überwiegend im universitären Milieu zuhause ist, geht es in dem lesenswerten Artikel hauptsächlich um Empfehlungsschreiben für Bewerbungen um Stellen in Wissenschaft und Forschung. Einiges lässt sich jedoch auch verallgemeinern: So sollte eine aussagekräftige Referenz sich nicht mit abstrakten Aussagen wie "XY gehört zu den besten Doktoranden ihres Jahrgangs" begnügen, sondern spezifisch und anhand konkreter Details veranschaulichen, warum der Gutachter zu dieser Einschätzung kommt. Dazu gehört, dass genau erläutert wird, woher und wie lange sich Bewerber und Gutachter kennen und bei welchen Gelegenheiten sich der Gutachter von den besonderen Qualitäten des Bewerbers überzeugen konnte. Auf diese Art und Weise werden die Superlative, auf die in den USA sicher kein Empfehlungsschreiben verzichten sollte, immerhin mit Anschauungsmaterial unterfüttert und dadurch glaubwürdiger.

Bewerber aus Deutschland haben gegenüber der amerikanischen Konkurrenz häufig den Nachteil, dass Empfehlungsschreiben bei uns traditionell eher sachlich-realistisch verfasst werden, um besondere Glaubwürdigkeit zu suggerieren. Stilistisch sind sie somit das genaue Gegenteil dessen, was zurzeit in den USA üblich ist. Amerikanische Arbeitgeber oder Hochschulprofessoren, die mit den kulturellen Unterschieden nicht vertraut sind, können daher leicht zum dem Schluss kommen, einen nicht sonderlich qualifizierten Kandidaten vor sich zu haben und die Bewerbung vorschnell beiseite legen. Bei einer Bewerbung in den USA, ob an Universität oder am Arbeitsmarkt, empfiehlt es sich also, einen englischsprachigen Gutachter zu finden oder die deutschen Gutachter zu bitten, ihre realistische Beurteilung mit einigen Superlativen zu würzen. Einige gelungene Beispiele für akademische Empfehlungsschreiben enthält darüber hinaus das Buch Graduate Admissions Essays von Donald Asher - ein brillanter und absolut einmaliger Ratgeber, den ich voller Enthusiasmus als unverzichtbare Lektüre empfehle.

Dank an die DAAD Nordamerikanachrichten für den Hinweis.

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