Ländliche Idylle (nicht nur) für Literaten: Zu Besuch am Kenyon College, Ohio
Am Rande der Jahreskonferenz des Berufsverbandes OACAC in Michigan hatte ich im Juli 2008 Gelegenheit, einige Hochschulen im US-Staat Ohio zu besuchen. Wie andere Staaten im Mittleren Westen hat auch Ohio eine beeindruckende Anzahl hervorragender Liberal Arts Colleges vorzuweisen – das sind zumeist kleine, private Hochschulen, die sich auf die Bachelorausbildung konzentrieren und dabei einen breiten interdisziplinären Ansatz verfolgen, der die umfassende Förderung des Wissens und der Kreativität in mehreren Fächern zum Ziel hat. Heute in Folge 1 dieser kleinen Reihe: das Kenyon College.
"Kenyon is not near Uganda" heißt es selbstironisch auf einem der meistverkauften T-Shirts im Campusbuchladen des kleinen Kenyon College (1.600 Studierende) in Gambier, Ohio. In der Tat ist die Gefahr einer Verwechslung mit einem gewissen ostafrikanischen Staat gering, vor allem wenn man wie heute, mitten im Juli, Unterschlupf vor heftigen Regengüssen suchen muss. Dass der Standort der Hochschule sogar zum T-Shirt-Thema taugt, hat seinen guten Grund, denn das knapp 1.800 Einwohner zählende Dorf Gambier ist nicht nur nicht in der Nähe von Uganda, sondern ziemlich weit entfernt von allem, wofür junge Leute sich normalerweise interessieren. Ohios Hauptstadt Columbus ist rund eine Autostunde entfernt; dazwischen liegen sehr viel Wald und noch mehr Ackerland.
Diese Abgeschiedenheit ist Programm, seitdem das Kenyon College 1824 als erste private Hochschule Ohios gegründet wurde. Fern von allem urbanen Übel sollten die Studierenden, damals noch überwiegend angehende Theologen, ihren Studien nachgehen können. Dafür gab es einen Campus, der zu den schönsten in ganz Nordamerika gehört: Majestätisch auf einem Hügel gelegen und umgeben von uralten Bäumen, lässt die prächtige gotische Architektur unweigerlich an die großen Vorbilder in Großbritannien denken. Die Mensa in der 1929 erbauten Peirce Hall (Foto), neben dem historischen "Old Kenyon"-Gebäude eines der Wahrzeichen der Hochschule, hat es sogar in die engere Auswahl als potenzielle Hogwarts-Kulisse für die Harry Potter-Verfilmungen geschafft.
Tradition und Gemeinschaft
Dass Tradition am Kenyon College groß geschrieben wird, zeigt sich auch in der Fächerauswahl: Die klassischen Disziplinen aus den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften sind allesamt vertreten, doch praxisnahe und anwendungsorientierte Studiengänge wie Maschinenbau, Elektrotechnik oder BWL sucht man hier vergebens. Wer zum Studium nach Gambier kommt, sucht nicht das nötige Handwerkszeug zu Geld und Karriere, sondern die intellektuelle Herausforderung. Wissensdurst, Neugier und ein breit gefächertes akademisches Interesse kennzeichnen die meisten der rund 450 Studenten, die hier jedes Jahr ihr Studium beginnen. "Kenyon-Studenten leiden unter dem Liberal Arts-Fluch", sagt Beverly Morse, die seit mehr als zwei Jahrzehnten für die Zulassung ausländischer Studenten zuständig ist: "Sie interessieren sich für alles."
Für intensives Lernen - und damit ist in den USA immer auch das soziale Lernen gemeint - bietet Kenyon in seiner Abgeschiedenheit ideale Voraussetzungen: 99% des Soziallebens finden auf dem Campus statt, der von einer geradezu familiären Atmosphäre mit großem Gemeinschaftsgefühl geprägt ist. Mehr als zwanzig Studenten sitzen selten in einem Seminar, und jeder Neuankömmling bekommt einen Professor sowie einen Studenten aus den höheren Semestern als persönliche Betreuer an die Seite gestellt -- Verhältnisse, von denen deutsche Universitäten nur träumen können. Entsprechend hoch ist das Engagement, mit dem sich die Studierenden ins Campusleben einbringen. Wer möglichst anonym durchs Studium kommen möchte, ist hier falsch.
Hochburg für englischsprachige Literatur
Landesweit bekannt ist Kenyon vor allem als Hochburg für englischsprachige Literatur: Die berühmten US-Dichter Robert Lowell und Richard Wright haben hier ebenso studiert wie der Romancier E.L. Doctorow ("Ragtime", "Billy Bathgate"). Mit John Crowe Ransom lehrte von 1937 bis 1959 überdies einer der Mitbegründer der modernen Literaturtheorie an Kenyon, dessen Methode des close reading zur Interpretation literarischer Texte noch heute fester Bestandteil des Schulunterrichts auch in Deutschland ist.
Ransom gründete außerdem die Zeitschrift Kenyon Review, die zu den angesehensten Literaturzeitschriften der USA zählt und noch immer in Gambier verlegt wird. Das English Department ist mit Abstand der größte Fachbereich am College, doch auch den Studierenden anderer Fächer merkt man an, dass sie gerne lesen und schreiben. Die Wartelisten für Kurse in "Creative Fiction Writing" oder auch "Creative Non-Fiction Writing" sind lang. Weitere prominente Ehemalige sind der Schauspieler Paul Newman und der Comiczeichner Bill Watterson ("Calvin und Hobbes").
Aber auch für angehende Biologen, Chemiker, Physiker und andere Naturwissenschaftler stellt ein Studium an Kenyon eine hervorragende Vorbereitung auf eine spätere Promotion oder die Zulassung zum Medizinstudium dar. Während der Sommermonate bietet das Programm Summer Science dreißig besonders talentierten Nachwuchswissenschaftlern sogar die Gelegenheit, bereits während des Bachelorstudiums in enger Zusammenarbeit mit einem Professor echte Forschungserfahrung zu sammeln und erste Publikationen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu platzieren. Ein Privileg, das meistens für das Graduiertenstudium reserviert ist.
Wie stark die Naturwissenschaften an Kenyon wirklich sind, erkennt man unter anderem daran, dass die Studierenden regelmäßig zahlreiche der begehrten Goldwater-Stipendien abräumen, mit denen die US-Regierung besondere Leistungen in den Naturwissenschaften fördert. Gleiches gilt für die Dozenten: Physikprofessor Benjamin Schumaker zum Beispiel erhielt 2002 mit dem Quantum Communication Award eine der weltweit wichtigsten Auszeichnungen auf dem Gebiet der Quanteninformation.
Von Sachsen-Anhalt nach Ohio
Wie kaum anders zu erwarten, sind die meisten Kenyon-Studenten weiß und entstammen der oberen Mittelklasse. Während wir eine Regenpause nutzen und uns auf den Weg zur Brandi Recital Hall machen, wo uns eine Gruppe internationaler Studenten von ihren Erfahrungen an Kenyon berichten wird, frage ich mich, wie viele Deutsche sich wohl davon überzeugen ließen, statt in Massachusetts, Kalifornien, New York oder Florida vier Studienjahre in der ländlichen Einöde Ohios zu verbringen. Zu meiner eigenen Überraschung sind es derzeit sogar zwei.
Tina Ertel hat in Halle Abitur gemacht und war anfänglich trotz eines High School Aufenthaltes in der elften Klasse gar nicht an einem Studium in den USA interessiert. Vom Kenyon College hat die Leistungsschwimmerin erst erfahren, als ihr jetziger Trainer Jim Steen sie in Deutschland kontaktierte und ihr ein großzügiges Sportstipendium anbot, das rund 90% der Studienkosten von jährlich mehr als 40.000 US-Dollar abdeckt. Da die Schwimmteams von Kenyon seit mehr als zwei Jahrzehnten die Uni-Wettkämpfe in der Division III dominieren, lässt man sich leistungsstarken Nachwuchs gerne etwas kosten. Davon zeugt auch der brandneue, 70 Millionen Dollar teure Sportkomplex (Foto) mit seiner lichtdurchfluteten Architektur samt Schwimmbecken und Hallenlaufbahn: eine Augenweide für jeden Sportfan.
Bei ihrer Entscheidung für Kenyon war der Sport jedoch eher zweitrangig, sagt Ertel, die Mathe und Kunst studiert und darüber nachdenkt, später ein Masterstudium in Architektur anzuschließen. "Es ging mir vielmehr um das Umfeld. Ich wollte nicht auf eine Uni mit 40.000 Studenten gehen, da wäre ich vermutlich total untergegangen. Aber in Gambier sind wir nur circa 1.600 Studenten, und da kennt fast jeder jeden. Mir macht das mehr Spaß. Natürlich ist es hart, weil die Klassen klein sind und man sich nicht verstecken kann. Aber letzten Endes ist es gut so, denke ich, dann bleibt man wenigstens am Ball."
Buchstäblich am Ball bleibt auch Felix Hoffmann, ein weiterer deutscher Student an Kenyon, der in der Fußballmannschaft der Hochschule spielt und sein Studium ebenfalls durch ein Sportstipendium finanziert. Ohne diese Förderung hätte seine Familie das teure USA-Studium nicht bezahlen können, und Hoffmann hätte wohl an der Sporthochschule Köln studiert, wo er bereits eingeschrieben war.
Von Kenyon hat er während seiner Zeit an einem New Yorker Internat erfahren: Einer seiner Lehrer hatte in Gambier studiert dort ebenfalls Fußball gespielt. Auch Felix Hoffmann schwärmt von der geringen Größe des Colleges, der familiären Atmosphäre, und der Überschaubarkeit des Campuslebens: "Mir gefällt einfach die Art und Weise, wie alles geregelt ist. Ich habe meine Kurse, mal früher, mal später, geh zum Training, erledige dies und das. Alles hat seinen geregelten Ablauf, und sehr viel kann man selbst beeinflussen. Zu tun gibt es immer etwas, denn an Hausaufgaben mangelt es bei weitem nicht."
Für ein Hauptfach hat er sich noch nicht entschieden. "Zurzeit sieht aber alles nach French Areas Studies und Anthropologie aus. Das Gute ist ja, dass man sich nicht wie in Deutschland mit seinem Studium gleich festlegen muss, sondern einem eine gewisse Zeitspanne bis zur Wahl des Studienfachs gestattet wird. Dies war ein weiterer Grund für mich, nach Kenyon zu gehen, da ich mir das Risiko eines Studienabbruchs aus Unzufriedenheit und den damit verbundenen Zeitverlust ersparen wollte."
Stipendien für besonders begabte Bewerber
Stipendien gibt es an Kenyon jedoch keineswegs nur für Sportler. "Die Hochschule stellt jedes Jahr Mittel im Wert von zehn Vollstipendien für internationale Studenten bereit", erläutert Bev Morse vom Akademischen Auslandsamt. Je mehr die Bewerber selbst zu ihrer Finanzierung beitragen können, desto mehr ausländische Studenten können von diesem Topf profitieren. Wer für die Zulassung an Kenyon und darüber hinaus für eine leistungsorientierte Förderung in Frage kommen will, sollte einen Notendurchschnitt von "gut" und besser vorweisen können und vom Persönlichkeitsprofil her zur Hochschule passen. Von allen Bewerbern wird momentan nur ein knappes Drittel angenommen.
Bei unserer Gesprächsrunde mit den Studierenden kommt unweigerlich die Frage auf, was ihnen am Kenyon College eher weniger gefällt. Nach langem Überlegen erzählt eine Studentin aus China, dass sie mit der US-Populärkultur und dem Tanzstil ihrer amerikanischen Kommilitonen nichts anfangen kann. Eine afroamerikanische Studentin aus Cleveland bemängelt, dass es noch mehr Angebote für Mitglieder der black community geben müsste. Das Mensaessen könnte besser sein, und einige Wohnheimzimmer sind auch nicht auf dem neuesten Stand der Technik. Schließlich ist es ein Student aus Saudi-Arabien, der das Offensichtliche anspricht: "Ja, manchmal ist es hier draußen auch ein bisschen langweilig." Aber dann stellt man halt selbst etwas auf die Beine, fügt er schnell hinzu, oder nimmt mal den Shuttlebus nach Columbus oder ins benachbarte Mount Vernon, um einen Film im Kino zu sehen.
Beeindruckend, diese Kenyon-Studenten, denke ich, als wir wieder in unseren Tourbus steigen: freundlich, engagiert, intellektuell, authentisch, begeisterungsfähig und offen für Neues. Kenyon College. Gambier, Ohio. Not near Uganda. Muss man sich merken. Inzwischen hat es auch aufgehört zu regnen.
>> Folge 2: The College of Wooster
>> Folge 3: Oberlin College
"Kenyon is not near Uganda" heißt es selbstironisch auf einem der meistverkauften T-Shirts im Campusbuchladen des kleinen Kenyon College (1.600 Studierende) in Gambier, Ohio. In der Tat ist die Gefahr einer Verwechslung mit einem gewissen ostafrikanischen Staat gering, vor allem wenn man wie heute, mitten im Juli, Unterschlupf vor heftigen Regengüssen suchen muss. Dass der Standort der Hochschule sogar zum T-Shirt-Thema taugt, hat seinen guten Grund, denn das knapp 1.800 Einwohner zählende Dorf Gambier ist nicht nur nicht in der Nähe von Uganda, sondern ziemlich weit entfernt von allem, wofür junge Leute sich normalerweise interessieren. Ohios Hauptstadt Columbus ist rund eine Autostunde entfernt; dazwischen liegen sehr viel Wald und noch mehr Ackerland.
Diese Abgeschiedenheit ist Programm, seitdem das Kenyon College 1824 als erste private Hochschule Ohios gegründet wurde. Fern von allem urbanen Übel sollten die Studierenden, damals noch überwiegend angehende Theologen, ihren Studien nachgehen können. Dafür gab es einen Campus, der zu den schönsten in ganz Nordamerika gehört: Majestätisch auf einem Hügel gelegen und umgeben von uralten Bäumen, lässt die prächtige gotische Architektur unweigerlich an die großen Vorbilder in Großbritannien denken. Die Mensa in der 1929 erbauten Peirce Hall (Foto), neben dem historischen "Old Kenyon"-Gebäude eines der Wahrzeichen der Hochschule, hat es sogar in die engere Auswahl als potenzielle Hogwarts-Kulisse für die Harry Potter-Verfilmungen geschafft.Tradition und Gemeinschaft
Dass Tradition am Kenyon College groß geschrieben wird, zeigt sich auch in der Fächerauswahl: Die klassischen Disziplinen aus den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften sind allesamt vertreten, doch praxisnahe und anwendungsorientierte Studiengänge wie Maschinenbau, Elektrotechnik oder BWL sucht man hier vergebens. Wer zum Studium nach Gambier kommt, sucht nicht das nötige Handwerkszeug zu Geld und Karriere, sondern die intellektuelle Herausforderung. Wissensdurst, Neugier und ein breit gefächertes akademisches Interesse kennzeichnen die meisten der rund 450 Studenten, die hier jedes Jahr ihr Studium beginnen. "Kenyon-Studenten leiden unter dem Liberal Arts-Fluch", sagt Beverly Morse, die seit mehr als zwei Jahrzehnten für die Zulassung ausländischer Studenten zuständig ist: "Sie interessieren sich für alles."
Für intensives Lernen - und damit ist in den USA immer auch das soziale Lernen gemeint - bietet Kenyon in seiner Abgeschiedenheit ideale Voraussetzungen: 99% des Soziallebens finden auf dem Campus statt, der von einer geradezu familiären Atmosphäre mit großem Gemeinschaftsgefühl geprägt ist. Mehr als zwanzig Studenten sitzen selten in einem Seminar, und jeder Neuankömmling bekommt einen Professor sowie einen Studenten aus den höheren Semestern als persönliche Betreuer an die Seite gestellt -- Verhältnisse, von denen deutsche Universitäten nur träumen können. Entsprechend hoch ist das Engagement, mit dem sich die Studierenden ins Campusleben einbringen. Wer möglichst anonym durchs Studium kommen möchte, ist hier falsch.Hochburg für englischsprachige Literatur
Landesweit bekannt ist Kenyon vor allem als Hochburg für englischsprachige Literatur: Die berühmten US-Dichter Robert Lowell und Richard Wright haben hier ebenso studiert wie der Romancier E.L. Doctorow ("Ragtime", "Billy Bathgate"). Mit John Crowe Ransom lehrte von 1937 bis 1959 überdies einer der Mitbegründer der modernen Literaturtheorie an Kenyon, dessen Methode des close reading zur Interpretation literarischer Texte noch heute fester Bestandteil des Schulunterrichts auch in Deutschland ist.
Ransom gründete außerdem die Zeitschrift Kenyon Review, die zu den angesehensten Literaturzeitschriften der USA zählt und noch immer in Gambier verlegt wird. Das English Department ist mit Abstand der größte Fachbereich am College, doch auch den Studierenden anderer Fächer merkt man an, dass sie gerne lesen und schreiben. Die Wartelisten für Kurse in "Creative Fiction Writing" oder auch "Creative Non-Fiction Writing" sind lang. Weitere prominente Ehemalige sind der Schauspieler Paul Newman und der Comiczeichner Bill Watterson ("Calvin und Hobbes").
Aber auch für angehende Biologen, Chemiker, Physiker und andere Naturwissenschaftler stellt ein Studium an Kenyon eine hervorragende Vorbereitung auf eine spätere Promotion oder die Zulassung zum Medizinstudium dar. Während der Sommermonate bietet das Programm Summer Science dreißig besonders talentierten Nachwuchswissenschaftlern sogar die Gelegenheit, bereits während des Bachelorstudiums in enger Zusammenarbeit mit einem Professor echte Forschungserfahrung zu sammeln und erste Publikationen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu platzieren. Ein Privileg, das meistens für das Graduiertenstudium reserviert ist.Wie stark die Naturwissenschaften an Kenyon wirklich sind, erkennt man unter anderem daran, dass die Studierenden regelmäßig zahlreiche der begehrten Goldwater-Stipendien abräumen, mit denen die US-Regierung besondere Leistungen in den Naturwissenschaften fördert. Gleiches gilt für die Dozenten: Physikprofessor Benjamin Schumaker zum Beispiel erhielt 2002 mit dem Quantum Communication Award eine der weltweit wichtigsten Auszeichnungen auf dem Gebiet der Quanteninformation.
Von Sachsen-Anhalt nach Ohio
Wie kaum anders zu erwarten, sind die meisten Kenyon-Studenten weiß und entstammen der oberen Mittelklasse. Während wir eine Regenpause nutzen und uns auf den Weg zur Brandi Recital Hall machen, wo uns eine Gruppe internationaler Studenten von ihren Erfahrungen an Kenyon berichten wird, frage ich mich, wie viele Deutsche sich wohl davon überzeugen ließen, statt in Massachusetts, Kalifornien, New York oder Florida vier Studienjahre in der ländlichen Einöde Ohios zu verbringen. Zu meiner eigenen Überraschung sind es derzeit sogar zwei.
Tina Ertel hat in Halle Abitur gemacht und war anfänglich trotz eines High School Aufenthaltes in der elften Klasse gar nicht an einem Studium in den USA interessiert. Vom Kenyon College hat die Leistungsschwimmerin erst erfahren, als ihr jetziger Trainer Jim Steen sie in Deutschland kontaktierte und ihr ein großzügiges Sportstipendium anbot, das rund 90% der Studienkosten von jährlich mehr als 40.000 US-Dollar abdeckt. Da die Schwimmteams von Kenyon seit mehr als zwei Jahrzehnten die Uni-Wettkämpfe in der Division III dominieren, lässt man sich leistungsstarken Nachwuchs gerne etwas kosten. Davon zeugt auch der brandneue, 70 Millionen Dollar teure Sportkomplex (Foto) mit seiner lichtdurchfluteten Architektur samt Schwimmbecken und Hallenlaufbahn: eine Augenweide für jeden Sportfan.
Bei ihrer Entscheidung für Kenyon war der Sport jedoch eher zweitrangig, sagt Ertel, die Mathe und Kunst studiert und darüber nachdenkt, später ein Masterstudium in Architektur anzuschließen. "Es ging mir vielmehr um das Umfeld. Ich wollte nicht auf eine Uni mit 40.000 Studenten gehen, da wäre ich vermutlich total untergegangen. Aber in Gambier sind wir nur circa 1.600 Studenten, und da kennt fast jeder jeden. Mir macht das mehr Spaß. Natürlich ist es hart, weil die Klassen klein sind und man sich nicht verstecken kann. Aber letzten Endes ist es gut so, denke ich, dann bleibt man wenigstens am Ball."Buchstäblich am Ball bleibt auch Felix Hoffmann, ein weiterer deutscher Student an Kenyon, der in der Fußballmannschaft der Hochschule spielt und sein Studium ebenfalls durch ein Sportstipendium finanziert. Ohne diese Förderung hätte seine Familie das teure USA-Studium nicht bezahlen können, und Hoffmann hätte wohl an der Sporthochschule Köln studiert, wo er bereits eingeschrieben war.
Von Kenyon hat er während seiner Zeit an einem New Yorker Internat erfahren: Einer seiner Lehrer hatte in Gambier studiert dort ebenfalls Fußball gespielt. Auch Felix Hoffmann schwärmt von der geringen Größe des Colleges, der familiären Atmosphäre, und der Überschaubarkeit des Campuslebens: "Mir gefällt einfach die Art und Weise, wie alles geregelt ist. Ich habe meine Kurse, mal früher, mal später, geh zum Training, erledige dies und das. Alles hat seinen geregelten Ablauf, und sehr viel kann man selbst beeinflussen. Zu tun gibt es immer etwas, denn an Hausaufgaben mangelt es bei weitem nicht."
Für ein Hauptfach hat er sich noch nicht entschieden. "Zurzeit sieht aber alles nach French Areas Studies und Anthropologie aus. Das Gute ist ja, dass man sich nicht wie in Deutschland mit seinem Studium gleich festlegen muss, sondern einem eine gewisse Zeitspanne bis zur Wahl des Studienfachs gestattet wird. Dies war ein weiterer Grund für mich, nach Kenyon zu gehen, da ich mir das Risiko eines Studienabbruchs aus Unzufriedenheit und den damit verbundenen Zeitverlust ersparen wollte."
Stipendien für besonders begabte Bewerber
Stipendien gibt es an Kenyon jedoch keineswegs nur für Sportler. "Die Hochschule stellt jedes Jahr Mittel im Wert von zehn Vollstipendien für internationale Studenten bereit", erläutert Bev Morse vom Akademischen Auslandsamt. Je mehr die Bewerber selbst zu ihrer Finanzierung beitragen können, desto mehr ausländische Studenten können von diesem Topf profitieren. Wer für die Zulassung an Kenyon und darüber hinaus für eine leistungsorientierte Förderung in Frage kommen will, sollte einen Notendurchschnitt von "gut" und besser vorweisen können und vom Persönlichkeitsprofil her zur Hochschule passen. Von allen Bewerbern wird momentan nur ein knappes Drittel angenommen.
Bei unserer Gesprächsrunde mit den Studierenden kommt unweigerlich die Frage auf, was ihnen am Kenyon College eher weniger gefällt. Nach langem Überlegen erzählt eine Studentin aus China, dass sie mit der US-Populärkultur und dem Tanzstil ihrer amerikanischen Kommilitonen nichts anfangen kann. Eine afroamerikanische Studentin aus Cleveland bemängelt, dass es noch mehr Angebote für Mitglieder der black community geben müsste. Das Mensaessen könnte besser sein, und einige Wohnheimzimmer sind auch nicht auf dem neuesten Stand der Technik. Schließlich ist es ein Student aus Saudi-Arabien, der das Offensichtliche anspricht: "Ja, manchmal ist es hier draußen auch ein bisschen langweilig." Aber dann stellt man halt selbst etwas auf die Beine, fügt er schnell hinzu, oder nimmt mal den Shuttlebus nach Columbus oder ins benachbarte Mount Vernon, um einen Film im Kino zu sehen.Beeindruckend, diese Kenyon-Studenten, denke ich, als wir wieder in unseren Tourbus steigen: freundlich, engagiert, intellektuell, authentisch, begeisterungsfähig und offen für Neues. Kenyon College. Gambier, Ohio. Not near Uganda. Muss man sich merken. Inzwischen hat es auch aufgehört zu regnen.
>> Folge 2: The College of Wooster
>> Folge 3: Oberlin College
TransatlanTicker - 10. Sep, 14:58




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