Stichwort Community College: Studieren an Berkeley oder UCLA - notfalls sogar ohne Abitur

Brian Davey war kein sonderlich guter Schüler. "Ich war Mittelmaß und hatte keine Ahnung, was ich später studieren wollte", bekennt der Kalifornier, der heute in Madrid lebt und für das Diablo Valley College in der San Francisco Bay Area arbeitet. "Nach dem High School Abschluss hatte ich nicht den Hauch einer Chance, an Unis wie Berkeley oder UCLA genommen zu werden." Einige Jahre später machte Davey dann seinen Bachelorabschluss - und zwar an der UC Berkeley, die manch einem als beste Universität der Welt gilt, oder sagen wir: beste staatliche Universität der Welt.

Daveys Zulassung an Berkeley hatte nichts mit Zauberei oder Vitamin B zu tun, sondern mit einer Besonderheit im amerikanischen Hochschulsektor, die in Deutschland noch immer gerne als bessere Berufsschule belächelt wird: den sogenannten Community Colleges. Mit ihren liberalen Zulassungsregelungen und niedrigen Studiengebühren eröffnen sie auch jenen den Zugang zu den besten Universitäten des Landes, die (noch) nicht die nötigen akademischen Voraussetzungen mitbringen oder nicht über die finanziellen Mittel verfügen, um sich ein komplettes vierjähriges Bachelorstudium an einer Universität leisten zu können. So sorgen die Community Colleges für die Durchlässigkeit im US-Hochschulsektor, an der es in Deutschland noch immer gewaltig hapert.

Auch deutsche Schulabgänger mit USA-Ambitionen können davon profitieren. Denn machen wir uns nichts vor: Um als deutscher Bewerber Chancen auf eine Zulassung zum Bachelorstudium an Spitzenuniversitäten wie Berkeley oder UCLA zu haben, braucht es in der Regel ein Einser-Abitur, denn die Konkurrenz ist groß: Nur rund 25% aller Bewerber werden angenommen. Und da Berkeley und UCLA als staatliche Unis den kalifornischen High School-Absolventen bei der Zulassung Priorität einräumen müssen, liegt die Aufnahmequote für internationale Bewerber sogar noch weit darunter.

Wer folglich als mittelprächtiger Schüler mit Fachhochschulreife oder sogar ganz ohne Abitur seinen Traum vom Bachelorstudium an Berkeley und anderen führenden US-Hochschulen verwirklichen möchte, sollte sich nicht direkt an diesen Unis bewerben (aussichtslos!), sondern den Einstieg über das Hintertürchen eines der mehr als 1.200 Community Colleges versuchen, die es derzeit in den USA gibt. Es handelt sich dabei um zumeist staatliche Institutionen, die neben kürzeren Zertifikatskursen vor allem zweijährige Studien- und Ausbildungsgänge anbieten, die mit dem Titel "Associate" abschließen. Eine direkte deutsche Entsprechung existiert nicht; Community Colleges sind vielmehr eine Mischung aus Sekundarstufe II, Berufsfachschule, Volkshochschule und Fachhochschule.

Während das berufsbildende Angebot für Deutsche aufgrund von Anerkennungsproblemen eher uninteressant ist, hat es die akademische Studienvariante in sich: Im Rahmen der so genannten "transfer programs" ist es nämlich möglich, die ersten beiden, eher allgemeinbildenden Studienjahre in den USA an einem Community College zu absolvieren, um anschließend auf eine Universität zu wechseln und dort nach zwei weiteren Jahren einen regulären Bachelorabschluss zu erwerben. Inhalt und Qualität der Kurse sind dabei in der Regel identisch mit dem entsprechenden Angebot der staatlichen Hochschulen.

Fast die Hälfte aller amerikanischen Studienanfänger nutzt inzwischen diese als "2+2-System" bekannte Möglichkeit, vor allem aufgrund der erheblich geringeren Kosten: Die Studiengebühren betragen häufig nur ein Bruchteil dessen, was an vielen Universitäten verlangt wird. Außerdem haben Community Colleges so gut wie keine Zulassungsbeschränkungen, d.h. auch Bewerber mit schwächerem Profil bekommen ihre Chance. Die Kurse sind mit durchschnittlich 25 bis 35 Studierenden meist kleiner als an den großen Universitäten, die persönliche Betreuung häufig intensiver. Und dass man nicht volle vier Jahre an der Universität war, interessiert später keinen Menschen, denn die Hochschulwechsler erhalten den gleichen Abschluss wie alle anderen auch.

Was hat das Ganze nun mit Berkeley zu tun? Als staatliche Universitäten akzeptieren natürlich auch die zehn Hochschulen im University of California (UC) System jedes Jahr zahlreiche transfer students aus den kalifornischen Community Colleges. An einigen Unis (z.B. UC Irvine, UC San Diego, UC Santa Barbara) gibt es sogar eine Transfer Admission Guarantee-Vereinbarung (kurz: TAG), d.h. jedem Studienanfänger wird zu Beginn der Ausbildung ein späterer Studienplatz an einer dieser Universitäten garantiert, solange in den zwei Jahren am Community College bestimmte Mindestleistungen erbracht werden. Eine solche Aufnahmegarantie gibt es für die Aushängeschilder Berkeley und UCLA zwar nicht, aber dennoch sind die Chancen, dort zugelassen zu werden, erheblich höher, wenn man den "Umweg" über ein Community College in Kalifornien geht.

Genauso hat es auch Brian Davey gemacht und zunächst zwei Jahre an dem Community College studiert, das er heute in Europa repräsentiert: am Diablo Valley College (DVC) in Pleasant Hill. Dass er anschließend den Sprung nach Berkeley schaffte, war kein Zufall, den DVC transferiert von allen Community College jedes Jahr die meisten Studierenden nach Berkeley, darunter auch viele Studierende aus dem Ausland: 43 waren es allein im vergangenen Jahr. Unter der Voraussetzung, dass sie sich richtig ins Zeug legen und überdurchschnittliche Noten erzielen, können somit sogar deutsche Schulabgänger ohne Abitur die Aufnahme an Berkeley schaffen, denn für die Zulassung zum Diablo Valley College genügt es zunächst, ausreichend Englisch zu sprechen (61 Punkte im TOEFL iBT) und volljährig zu sein.

Auch hinsichtlich der Kosten ist der Weg über ein Community College eine attraktive Option: Während für ausländische Studenten an Berkeley jährliche Studiengebühren von rund 25.000 US-Dollar anfallen, sind es am Diablo Valley College nur etwas mehr als 4.000 US-Dollar. Noch nicht einmal auf das typisch amerikanische Campusleben muss man verzichten, denn mit 26.000 Studierenden bietet das College eine Vielzahl von Aktivitäten. Natürlich ist neben dem Wechsel nach Berkeley bei sehr guten Leistungen auch ein Transfer an viele andere staatliche und private Universitäten innerhalb und außerhalb Kaliforniens möglich.

Wer lieber in Los Angeles leben und studieren möchte, aber zurzeit weder das Geld noch die schulischen Leistungen für einen Direkteinstieg an der renommierten UCLA hat, kann das Studium am benachbarten Santa Monica College (30.000 Studierende) beginnen, das den Rekord hinsichtlich der jährlichen Transfers zur UCLA und einigen anderen Universitäten im UC-System hält. Auch an diesem Community College sind für die Zulassung lediglich ausreichendes Englisch und ein kurzer Essay zur Motivation erforderlich. Wer hier sein Studium beginnt, ist in bester Gesellschaft: James Dean, Dustin Hoffmann, Hilary Swank und Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger zählen zu den Ehemaligen. Santa Monica ist allerdings ein teures Pflaster und somit nichts für den knappen Geldbeutel.

Fazit: "Immer mehr ausländische Studierende stellen fest, dass die Community Colleges in Kalifornien eine exzellente Möglichkeit darstellen, an einer der renommierten Universitäten des Landes angenommen zu werden", sagt Brian Davey. Und der weiß, wovon er spricht.

>> Interview mit Brian Davey

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 

:: TransatlanTicker ::


XING

Wer schreibt hier?

Willkommen beim TransatlanTicker! Ich heiße Carsten Bösel und bin als Autor, Übersetzer und selbstständiger Studienberater mit Schwerpunkt USA und Kanada tätig. Auf dieser Seite blogge ich regelmäßig über Neuigkeiten aus der nordameri- kanischen Hochschulszene: Studiengänge, Stipendien, Bewerbungstipps, Sprach- und Eignungstests, Postdoc-Stellen, Campusleben und vieles mehr. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und Kommentare!

Mehr über meine Arbeit:

TransatlanTicker als RSS-Feed abonnieren!

xml version of this page

Suche im TransatlanTicker

 

Beliebteste Einträge

Kontakt

Status

Online seit 1559 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 11. Dez, 10:04

kostenloser Counter