Links und grün: Oberlin College, Ohio

Am Rande der Jahreskonferenz des Berufsverbandes OACAC in Michigan hatte ich im Juli 2008 Gelegenheit, einige Hochschulen im US-Staat Ohio zu besuchen. Wie andere Staaten im Mittleren Westen hat auch Ohio eine beeindruckende Anzahl hervorragender Liberal Arts Colleges vorzuweisen – das sind zumeist kleine, private Hochschulen, die sich auf die Bachelorausbildung konzentrieren und dabei einen breiten interdisziplinären Ansatz verfolgen, der die umfassende Förderung des Wissens und der Kreativität in mehreren Fächern zum Ziel hat. Heute in der dritten und letzten Folge dieser kleinen Reihe: das Oberlin College.

Johannes Friedrich Oberlin (1740-1826) war ein evangelischer Theologe und Sozialreformer, der in einer verarmten Gemeinde in den Vogesen tätig war. Bildung und Ausbildung gehörten zu seinen Lebensthemen, und mit seinem wegweisenden sozialpädagogischen Wirken eröffnete er auch Frauen den Einstieg in die anerkannte Berufswelt. Nach dem Elsässer Pfarrer sind weltweit zahlreiche Einrichtungen zur Ausbildung von Kindern benannt, und auch die US-Kleinstadt Oberlin einschließlich der dort ansässigen Hochschule trägt seinen Namen: Oberlin College, die dritte und letzte Station auf meiner Campustour durch Ohio, gilt als eine der progressivsten und anspruchsvollsten Hochschulen der USA. Unter den rund 2.800 Studierenden wimmelt es nur so vor sozialen Aktivisten, Querdenkern und quirligen Querulanten. Gleichzeitig bringt Oberlin mehr hochkarätige Nachwuchswissenschaftler hervor als jedes andere amerikanische Liberal Arts College und beherbergt nebenbei auch noch eines der besten Musikkonservatorien des Landes.

fearlessDer radikale Bruch mit Konventionen hat an Oberlin Tradition: Zu Zeiten der Sklaverei gewährte die 1833 gegründete Hochschule geflohenen Schwarzen Unterschlupf; viele Absolventen waren glühende Abolitionisten, die durch den amerikanischen Süden zogen, um Sklaven bei der Flucht zu helfen. Lange vor dem amerikanischen Bürgerkrieg war Oberlin die landesweit erste und einzige Hochschule, die farbige Bewerber zum Studium zuließ und gleichfalls die erste, die akademische Grade an Frauen verlieh. Gemischtgeschlechtliche Studentenwohnheime gab es 1970 zuerst an Oberlin, was dem LIFE Magazine damals sogar eine Titelgeschichte [pdf] wert war. Bis heute zieht die Hochschule Studierende an, die intellektuell vielseitig interessiert, risikofreudig und sozial engagiert sind. Zu den Absolventen zählen Ex-Hippies wie Jerry Greenfield, Mitbegründer der Eismarke "Ben & Jerry's", genauso wie der ehemalige Amnesty International- Chef Bill Schulz sowie gleich drei Nobelpreisträger aus Physik und Medizin.

Klassik und Jazz am Konservatorium

Unser Rundgang beginnt jedoch zunächst im Oberlin Conservatory of Music, das zu den ältesten in den USA zählt. Es ist zudem das einzige, das an ein reguläres College angeschlossen ist und seine jungen Musiker verpflichtet, auch Kurse aus den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften zu belegen, um den doppelten Abschluss Bachelor of Arts plus Bachelor of Music zu erwerben, der so etwas wie ein Markenzeichen der Hochschule ist. Dank des Konservatoriums können Studierende und Hochschullehrer an Oberlin jährlich mehr als 400 Live-Konzerte erleben - höchst erstaunlich für eine Kleinstadt im Mittleren Westen. Der abgelegene Standort der Hochschule wirke zwar auf interessierte Nachwuchsmusiker zunächst oft ein wenig abschreckend, verrät uns Michael Manderen, der am Oberlin Konservatorium die Zulassung leitet und selbst klassische Gitarre und Laute unterrichtet - schließlich liegen alle anderen US-Konservatorien in großen Städten mit vielerlei Möglichkeiten zum Auftreten und Kontakte knüpfen.

oberlinconservatory"Aber bei uns können sich die Studierenden in aller Ruhe darauf konzentrieren, die Grundlagen ihres Instruments zu erarbeiten," gibt Manderen zu bedenken. "Andere Konservatorien bieten vielleicht mehr Superstars, aber die sind häufig nur Gastdozenten. Die Professoren an Oberlin dagegen sind Vollzeit engagiert und ermöglichen eine langfristige, vertiefte Zusammenarbeit. Und bei 400 Konzerten im Jahr bieten sich für alle Musiker genügend Gelegenheiten, um Bühnenerfahrung zu sammeln." Und so ist die Konkurrenz um die rund 600 Studienplätze groß: Nur ein knappes Viertel der Bewerber wurden in diesem Jahr am Konservatorium angenommen. Besonders begehrt sind die Fächer Gesang, Violine und Klavier. Aber auch der Jazz ist stark vertreten: Die Bauarbeiten für die brandneue Jazzfakultät, die durch eine private Rekordspende ermöglicht wurde und ab Herbst 2009 die größte und modernste in ganz Nordamerika sein wird, haben vor kurzem begonnen. Wer sich Chancen auf eine Zulassung am Konservatorium ausrechnet, sollte eine hochwertige DVD oder CD mit konstrastierenden Stücken aus verschiedenen Epochen aufnehmen und den persönlichen Kontakt zu Dozenten und Zulassungspersonal suchen, empfiehlt Manderen. Oder besser noch: zum Vorspielen nach Ohio kommen.

Spitze im Umweltschutz

Beim Spaziergang über den hübschen Campus fällt vor allem das Allen Memorial Art Museum ins Auge, das bisweilen in einem Atemzug mit den Kunstmuseen an Harvard und Yale genannt wird. Zurzeit läuft unter dem Titel "Aux Barricades!" z.B. eine Ausstellung mit Plakaten der französischen Studentenbewegung aus dem Jahr 1968. Im blumenumrankten Innenhof mit rotem Ziegelsteinpflaster und dem Springbrunnen in der Mitte lässt es sich aushalten. Auch sonst bietet das weitläufige Hochschulgelände viele grüne Flächen zum Ausruhen, Diskutieren oder Leute treffen. "Es ist ziemlich schwer, über den Campus zu laufen und sich nicht von einem Frisbee-Spiel ablenken zu lassen, im Winter beim Bau einer Schneeburg mitzuhelfen oder anderen Studenten beim Improvisationstanz zuzusehen", erklärt Kurt Isaacson, ein Musikstudent, der uns über den Campus führt.

Grün ist an Oberlin jedoch nicht nur der Campusrasen: Wie man es von einem progressiven College erwarten würde, spielen die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit eine bedeutende Rolle. Dass Energiesparen, Bio-Essen und CO2-Neutralität, kurz: "Going Green", an immer mehr amerikanischen Hochschulen im Vormarsch sind, war neulich sogar bei SPIEGEL Online nachzulesen. Doch wie schon so oft in seiner Geschichte ist Oberlin auch hier Vorreiter: Das Öko-Magazin Plenty kürte die Hochschule im September zum US-College mit dem "grünsten Gewissen". Die Studierenden können im Internet jederzeit ihren aktuellen Energiekonsum abfragen, alle Studentenwohnheime überwachen im Minutentakt ihren Strom- und Wasserverbrauch, und in den Gemeinschaftsräumen gibt es sogenannte Energy Orbs -- das sind runde Lampen, die grün glühen, sobald das Wohnheim weniger als 50% seines durchschnittlichen Energieverbrauchs erreicht und rot, wenn es mehr gerade mehr als 50% darüber liegt, sowie alle möglichen Farbschattierungen dazwischen.

oberlin3Noch weiter gingen einige Bachelorstudenten mit ihrem Projekt SEED (Student Experiment in Ecological Design), bei dem sie mit finanzieller Unterstützung der Hochschule ein renovierungs- bedürftiges Haus auf dem Campus umweltgerecht herrichteten und anschließend selbst einzogen. Seitdem wird in der Öko-WG strengstens auf sparsame Energieverwendung geachtet und selbst im kalten Ohio-Winter lieber noch ein Pulli mehr angezogen, als die Heizung anzudrehen. Mit dem verbrauchten Duschwasser wird anschließend die Toilette gespült. Beeindruckend ist auch das neue Gebäude der Fakultät für Umweltwissenschaften, das hinsichtlich der Energieversorgung komplett autark ist, viel mit natürlichem Licht arbeitet und sogar das Abwasser intern reinigt, um es in den gebäudeeigenen Kreislauf zurückzuführen. In der Lobby lagern sinnbildlich kistenweise alte Glühlampen, die die Studierenden überall auf dem Campus herausgeschraubt und gegen Energiesparlampen ausgetauscht haben (Foto). Angesichts solcher ökologischer Innovation dürfte sogar jedem Bio-Besserwisser aus Europa die Spucke wegbleiben.

Auch der 2002 eingeweihte, brandneue Science Center, der Labore und Seminarräume für alle Naturwissenschaften unter einem Dach vereint, setzt Maßstäbe in modernster Ausstattung und interdisziplinärer Zusammenarbeit. Die naturwissenschaftliche Ausbildung in Chemie, Physik, Biologie und den Neurowissenschaften ist seit jeher eine der ganz großen akademischen Stärken des Oberlin College. Seit den zwanziger Jahren hat die Hochschule regelmäßig mehr promovierte Naturwissenschaftler hervorgebracht als jede andere US-Hochschule, die sich wie Oberlin hauptsächlich auf die Bachelorausbildung konzentriert. Dass die Oberlin-Absolventen so gut auf die Bewerbung an den besten Graduate und Medical Schools des Landes vorbereitet sind, liegt nicht zuletzt an den zahlreichen Möglichkeiten für erste eigene Forschungsarbeiten, die ihnen bereits während des Bachelorstudiums an Oberlin geboten werden. Pflichtkurse für Erstsemester gibt es keine, aber alle Studierenden müssen unabhängig vom späteren Hauptfach in den ersten Semestern eine Auswahl an Kursen aus den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften belegen.

Stipendien für Ausländer

Um die Zulassung zum Studium herrscht große Konkurrenz, auch unter den internationalen Bewerbern: In diesem Jahr wurden von rund 1000 Bewerbungen aus dem Ausland lediglich 65 akzeptiert. Diese geringe Quote erklärt sich vor allem dadurch, dass Oberlin College zu den wenigen US-Hochschulen gehört, die auch ausländischen Bewerbern garantieren, ihnen den Teil der Studienkosten, den sie nicht aus eigener Tasche bezahlen können, mithilfe von Stipendien, Darlehen und Arbeit auf dem Campus gegenzufinanzieren. Anders ausgedrückt: Wer zugelassen wird und aus sehr bescheidenen Verhältnissen kommt, erhält ein Vollstipendium. Da die finanziellen Mittel, die der Hochschulverwaltung zur Förderung internationaler Studenten zur Verfügung stehen, jedoch begrenzt sind, schaut sich das Zulassungsgremium sehr genau an, welche Bewerber wie viel Zuschuss benötigen. Das heißt: Wer auf ein Vollstipendium angewiesen ist, sollte schon ein Kandidat sein, um den sich alle Hochschulen reißen: mit herausragenden Noten und Testergebnissen, brillanten Referenzen und hohem außerschulischen Engagement -- ansonsten wird Oberlin dieses Geld eher verwenden, um zwei oder drei andere gute Bewerber zu finanzieren, die mehr aus eigenen Mitteln beisteuern können. Die obligatorische Bewerbungsgebühr immerhin wird allen Bewerbern aus dem Ausland erlassen.

oberlin2Bei unserer Abschlussrunde mit Vertretern verschiedener Fachbereiche und Präsident Marvin Krislov geht es noch einmal um die Frage, welche Studierenden sich an Oberlin mit seiner linksliberalen Atmosphäre und dem anspruchsvollen Kursprogramm am ehesten wohlfühlen würden. "Sie sollten charakterliche Reife besitzen, intellektuelle Neugier mitbringen, Freude am Hinterfragen von Konventionen haben und sich für eine Sache begeistern", sagt Charles Grim, der für die Zulassung internationaler Studenten zuständig ist. Aber auch konservativ eingestellten Studenten könnte es Spaß machen, solange sie bereit sind, sich auf Diskussionen einzulassen, wie sie an Oberlin an der Tagesordnung sind. Wer dagegen vor allem anwendungsorientiertes und praxisrelevantes Wissen für den Berufseinstieg erwerben möchte, sollte Oberlin fern bleiben, empfiehlt Englischprofessor Nick Jones: "Die Studierenden sind hier, um sich geistig zu betätigen und ihren Intellekt zu schärfen, nicht um etwas Praktisches zu lernen."

Am Ende unseres Besuchs gibt es noch für jeden ein T-Shirt mit dem aktuellen Oberlin-Slogan: "we are oberlin. fearless". Mit dieser Marketingkampagne soll 16- und 17jährigen vermittelt werden, worum es bei Oberlin geht: Risikobereitschaft, Innovation und Nonkonformismus in Wissenschaft und Gesellschaft. Doch Oberlin wäre nicht Oberlin, wenn es um diesen Slogan nicht heftige interne Diskussionen gegeben hätte, verrät Präsident Krislov. Darf eine kapitalismuskritische, um stetige Ausdifferenzierung bemühte Hochschule wirklich mit so einem plakativen, effekthascherischen Slogan, der noch dazu nach Persiflage und Parodie schreit, auf Studentenfang gehen? Jedesmal, wenn ich das T-Shirt daheim in Berlin anziehe, sorge ich jedenfalls für Neugier und Gesprächsstoff: Ob "oberlin" jetzt der neue Trendbegriff für Ost-Berlin sei? Oder ein neuer Club? Dass dahinter ein ziemlich cooles College in Ohio steckt, wusste (bislang) niemand. Dass DAHINTER nun wiederum ein furchtloser Elsässer Pfarrer und Bildungsreformer aus dem 18. Jahrhundert steckt, ist wahrscheinlich selbst den Oberlinern nicht immer bewusst.

>> Folge 1: Kenyon College
>> Folge 2: The College of Wooster

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Willkommen beim TransatlanTicker! Ich heiße Carsten Bösel und bin als Autor, Übersetzer und selbstständiger Studienberater mit Schwerpunkt USA und Kanada tätig. Auf dieser Seite blogge ich regelmäßig über Neuigkeiten aus der nordameri- kanischen Hochschulszene: Studiengänge, Stipendien, Bewerbungstipps, Sprach- und Eignungstests, Postdoc-Stellen, Campusleben und vieles mehr. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und Kommentare!

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