M.I.T. macht Schluss mit Massenvorlesungen
Bei überfüllten Hörsälen, Frontalunterricht und Massenabfertigung der Studierenden denkt man gemeinhin eher an die Verhältnisse an vielen deutschen Universitäten als an die USA, wo angeblich die Kurse klein sind und die Betreuung individuell. Doch dieses Klischee trifft allenfalls auf die vielleicht 150 kleinen Liberal Arts Colleges zu, die sich ausschließlich auf die Bachelorausbildung konzentrieren und ihren Studierenden tatsächlich von Beginn an intensive Lernerfahrungen in vergleichsweise kleinen, diskussionsorientierten Seminaren bieten. An den großen privaten und staatlichen Universitäten dagegen bestehen die ersten Studienjahre fast immer aus Einführungsvorlesungen mit 300 bis 400 Zuhörern, wo stur mitgeschrieben wird und die Inhalte in regelmäßigen Ankreuztests abgefragt werden. Das gilt übrigens auch für die renommierten Eliteuniversitäten, wo in der Studieneingangsphase nur geringfügig weniger Massenbetrieb herrscht als an anderen größeren Einrichtungen. Dass sich die Zahl der Vorlesungs- besucher im Laufe des Semesters aus Desinteresse immer mehr reduziert, ist dort genauso üblich wie bei uns. Warum einem monotonen Monolog zuhören, wenn sich dasselbe auch aus dem Lehrbuch erarbeiten lässt?
Geändert werden diese Zustände zurzeit z.B. am Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.), wo die traditionellen 50-minütigen Massenvorlesungen in Physik durch kleinere, interaktive Kurse ersetzt wurden, wie die New York Times kürzlich berichtete. Mithilfe modernster Technik lernen die Studierenden nun gemeinsam in kleinen Gruppen, diskutieren und experimentieren zusammen. Technology Enhanced Active Learning (TEAL) nennt sich der neue Ansatz, der auch an anderen US-Universitäten bereits praktiziert wird. Ausgangspunkt für die Reformen am M.I.T. war die traurige Erfahrung, dass selbst in lebhaften Vorlesungen der engagiertesten Professoren nur wenig Stoff in den Köpfen der Studierenden hängen blieb, die Durchfallquoten bei den Abschlussprüfungen erstaunlich hoch waren und sich die Anwesenheit bis zum Semesterende nicht selten halbierte. Dass das menschliche Gehirn allein durch passives Zuhören nur einen Bruchteil von Informationen dauerhaft speichern kann, ist längst bekannt, und dennoch fällt den Unis der Abschied vom jahrhundertealten Vorlesungsformat offensichtlich fast überall reichlich schwer. Das aktivierende, kooperative Lernen in kleinen Gruppen zeitigt dagegen bereits erste Erfolge: Die Durchfallquote in Physik hat sich am M.I.T. um 50 Prozent verringert.
Vom neuen Modell profitieren vor allem all jene Studierenden, die sich eigentlich nicht sonderlich für Physik interessieren. Die New York Times zitiert Eric Mazur, einen Physikprofessor an Harvard, der die neue Methode am M.I.T. mitentwickelt hat: "Die traditionelle, 50-minütige Vorlesung richtete sich hauptsächlich an Studierende mit Hauptfach Physik. Diejenigen, die verstehen wollten, hatten auch die Disziplin und den Drang, sich hinterher hinzusetzen und das Ganze nachzubereiten. Aber für die Mehrheit ist ein anderer Ansatz notwendig." Wer sich mit dem Bachelorstudium in den USA nicht auskennt, stolpert vielleicht an dieser Stelle und fragt sich, warum denn die Mehrheit der 300-400 Zuhörer in der Physikvorlesung gar keine Physikstudenten sind? Ganz einfach: Weil das Bachelorstudium an fast allen amerikanischen Universitäten zu Beginn eher allgemeinbildenden Charakter hat und die Studierenden Kurse aus ganz verschiedenen Fachbereichen belegen müssen -- egal, welches Hauptfach sie später wählen. Und am M.I.T. müssen eben ausnahmslos alle Studienanfänger die Einführungsveranstaltung in Physik belegen. Gleiches gilt für die Einführungen in Mathematik, Biologie und Chemie, die allerdings noch immer im Frontalformat unterrichtet werden. Auch hier zeigt sich mit Blick auf die neuen europäischen Studiengänge also wieder: Bachelor ≠ Bachelor.
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TransatlanTicker - 13. Feb, 12:13




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