"Bewerbungsirrsinn" an US-Colleges
Nur noch wenige Tage, dann bekommen Millionen von US-Oberschülern Post von den Colleges und Universitäten, an denen sie sich für ein Bachelorstudium beworben haben. Die ersehnten Zusagen kommen im dicken Umschlag, die Absagen als kleiner Brief. Welcher logistische Aufwand für diese Massen- versendung seitens der Universitäten betrieben werden muss, zeigt ein Blog der University of Virginia: In der Zulassungsstelle stapeln sich kistenweise neues Briefpapier und Toner, und alle Drucker werden noch einmal gründlich kontrolliert, damit im bevorstehenden 24-Stunden-Dauereinsatz keiner schlapp macht. Doch dieser Aufwand ist nichts im Vergleich mit den Strapazen, die viele Schülerinnen und Schülern in den Monaten vor Abgabe ihrer Bewerbungen auf sich genommen haben, um sich für die Aufnahme an ihrer Traumuniversität bestmöglich in Position zu bringen. Die aktuelle Ausgabe der ZEIT enthält einen sehr lesenswerten Artikel über "Den großen Bewerbungsirrsinn", der jedes Jahr im Herbst zahllose amerikanische Familien in Schach hält. Denn der soziale Druck, die Kinder an einer der renommierten Hochschulen des Landes unterzubringen, deren Abschluss man später ein Leben lang als Statussymbol vor sich hertragen kann, ist insbesondere in der bildungsbeflissenen Mittel- klasse an der US-Ostküste enorm, wie Autor Martin Spiewak kenntnisreich am Beispiel einer ausgewählten Bewerberin zeigt.
"In keinem anderen Land der westlichen Welt investieren Schulabgänger so viel Zeit, Energie und Nerven bei der Suche nach einem Studienplatz wie in den USA," schreibt Spiewak. "In der heißen Phase der Bewerbungen zwischen September und Dezember gibt es in den Familien kein anderes Thema." Schaut man sich die Unterlagen an, die zu einer College-Bewerbung gehören, wird sofort verständlich, warum viele Schüler vom riesigen Aufwand überfordert sind: Neben dem Nachweis guter Schulnoten und hoher Punktzahlen in den Eignungstests gilt es vor allem, die persönlichen Stärken in Essays, Empfehlungsschreiben und einer Liste außerunterrichtlicher Aktivitäten wie Sport oder bürgerschaftlichem Engagement eindrucksvoll herauszustellen. Davor steht jedoch zunächst die Aufgabe, unter den Tausenden US-Hochschulen diejenigen herauszufiltern, die am besten zu den eigenen Interessen passen und zudem eine realistische Chance auf Zulassung bieten. Wer es sich leisten kann, stattet den Unis in der engeren Auswahl einen Besuch ab, um einen persönlichen Eindruck von der Atmosphäre zu bekommen. Die im Artikel beschriebene Führung über den Campus der University of Michigan in Ann Arbor habe ich im vergangenen Jahr selbst miterlebt. In meiner Gruppe stellten allerdings höchstens die Eltern ein paar Fragen, während die Sprösslinge erstaunlich passiv blieben. Inzwischen gibt es auch Online-Plattformen, die Campusführungen per Video anbieten.
Wer Spiewaks Bericht liest, gewinnt leicht den Eindruck, dass der "Bewerbungsirrsinn" in den USA der Normalfall ist. Auch die US-Medien verstärken die admissions angst, indem sie sich jedes Jahr auf die schlagzeilenträchtige college admissions frenzy mit ihren schwindelerregenden Absagequoten konzentrieren, ohne in gleichem Maße darauf hinzuweisen, dass immerhin rund 80% der US-Schüler an der Hochschule ihrer Wahl angenommen werden und die landesweite Zulassungsrate bei durchschnittlich 70% liegt. Die ganze Aufregung betrifft hauptsächlich die Welt der selective college admissions, also die Bewerbung an den vergleichsweise wenigen US-Hochschulen, die nur jeden Dritten, Vierten oder - im Falle von Harvard, Yale & Co - nur jeden zehnten Bewerber annehmen. Wie Spiewak richtig erläutert, legen es viele Unis sogar bewusst darauf an, möglichst viele Bewerber abzulehnen, weil eine niedrige Aufnahmequote ihre Position in den Rankings verbessert. Und so gilt vielen Amerikanern allein die Tatsache, dass es schwer ist, an einer bestimmten Hochschule angenommen zu werden, als untrügliches Indiz dafür, dass es sich um eine erstklassige Einrichtung handelt. Diese weit verbreitete Fixierung auf das Prestige einer Hochschule statt auf die tatsächliche Qualität der Ausbildung findet auch in den USA zahlreiche Kritiker, allen voran meine eigene Zunft: die Studienberater an den US-High Schools. Wer hier von Anfang an auf die richtige Spur gebracht und in seinem Selbstbewusstsein gestärkt wird, erspart sich mancherlei Enttäuschung.
Verwandte Beiträge:
>> Der Wahnsinn geht weiter: An US-Eliteuniversitäten hagelt es Absagen wie nie zuvor
>> Ansturm auf amerikanische Eliteuniversitäten hält an
>> Harvard-Zulassung: Nur jeder Zehnte kam rein
"In keinem anderen Land der westlichen Welt investieren Schulabgänger so viel Zeit, Energie und Nerven bei der Suche nach einem Studienplatz wie in den USA," schreibt Spiewak. "In der heißen Phase der Bewerbungen zwischen September und Dezember gibt es in den Familien kein anderes Thema." Schaut man sich die Unterlagen an, die zu einer College-Bewerbung gehören, wird sofort verständlich, warum viele Schüler vom riesigen Aufwand überfordert sind: Neben dem Nachweis guter Schulnoten und hoher Punktzahlen in den Eignungstests gilt es vor allem, die persönlichen Stärken in Essays, Empfehlungsschreiben und einer Liste außerunterrichtlicher Aktivitäten wie Sport oder bürgerschaftlichem Engagement eindrucksvoll herauszustellen. Davor steht jedoch zunächst die Aufgabe, unter den Tausenden US-Hochschulen diejenigen herauszufiltern, die am besten zu den eigenen Interessen passen und zudem eine realistische Chance auf Zulassung bieten. Wer es sich leisten kann, stattet den Unis in der engeren Auswahl einen Besuch ab, um einen persönlichen Eindruck von der Atmosphäre zu bekommen. Die im Artikel beschriebene Führung über den Campus der University of Michigan in Ann Arbor habe ich im vergangenen Jahr selbst miterlebt. In meiner Gruppe stellten allerdings höchstens die Eltern ein paar Fragen, während die Sprösslinge erstaunlich passiv blieben. Inzwischen gibt es auch Online-Plattformen, die Campusführungen per Video anbieten.
Wer Spiewaks Bericht liest, gewinnt leicht den Eindruck, dass der "Bewerbungsirrsinn" in den USA der Normalfall ist. Auch die US-Medien verstärken die admissions angst, indem sie sich jedes Jahr auf die schlagzeilenträchtige college admissions frenzy mit ihren schwindelerregenden Absagequoten konzentrieren, ohne in gleichem Maße darauf hinzuweisen, dass immerhin rund 80% der US-Schüler an der Hochschule ihrer Wahl angenommen werden und die landesweite Zulassungsrate bei durchschnittlich 70% liegt. Die ganze Aufregung betrifft hauptsächlich die Welt der selective college admissions, also die Bewerbung an den vergleichsweise wenigen US-Hochschulen, die nur jeden Dritten, Vierten oder - im Falle von Harvard, Yale & Co - nur jeden zehnten Bewerber annehmen. Wie Spiewak richtig erläutert, legen es viele Unis sogar bewusst darauf an, möglichst viele Bewerber abzulehnen, weil eine niedrige Aufnahmequote ihre Position in den Rankings verbessert. Und so gilt vielen Amerikanern allein die Tatsache, dass es schwer ist, an einer bestimmten Hochschule angenommen zu werden, als untrügliches Indiz dafür, dass es sich um eine erstklassige Einrichtung handelt. Diese weit verbreitete Fixierung auf das Prestige einer Hochschule statt auf die tatsächliche Qualität der Ausbildung findet auch in den USA zahlreiche Kritiker, allen voran meine eigene Zunft: die Studienberater an den US-High Schools. Wer hier von Anfang an auf die richtige Spur gebracht und in seinem Selbstbewusstsein gestärkt wird, erspart sich mancherlei Enttäuschung.
Verwandte Beiträge:
>> Der Wahnsinn geht weiter: An US-Eliteuniversitäten hagelt es Absagen wie nie zuvor
>> Ansturm auf amerikanische Eliteuniversitäten hält an
>> Harvard-Zulassung: Nur jeder Zehnte kam rein
TransatlanTicker - 20. Mrz, 11:34




Trackback URL:
http://transatlanticker.twoday.net/stories/5595357/modTrackback