Nicht nur für Bauern: Nova Scotia Agricultural College

TransatlanTicker on Tour: Im Sommer 2008 war ich zu Gast in der kanadischen Provinz Nova Scotia, die aufgrund ihres exzellenten Bildungssystems auch als "Canada's education province" gilt. Während meiner zehntägigen Campusreise hatte ich die Gelegenheit, neben einigen ausgewählten High Schools und Sprachschulen vor allem die zahlreichen Universitäten der Provinz näher kennen zu lernen, die zu den besten in ganz Kanada gehören. Heute im Porträt: das Nova Scotia Agricultural College.

Rund 90 Autominuten sind es von Halifax nach Truro, der ersten Station meiner Campusreise durch die kanadische Provinz Nova Scotia. Truro wird gerne als das Drehkreuz Nova Scotias bezeichnet, weil hier alle wichtigen Fernstraßen zusammenlaufen und Umsteigemöglichkeiten zwischen den verschiedenen Buslinien bestehen. Dass viele Touristen das 11.500-Einwohner-Städtchen nur auf der Durchreise erleben, mag daran liegen, dass Truro der malerisch-maritime Charme fehlt, mit dem andere Ortschaften wie Lunenburg oder Mahone Bay ihre Besucher für sich einnehmen. Dafür sind die Menschen hier ganz besonders gastfreundlich, und entsprechend warmherzig ist der Empfang am etwas außerhalb gelegenen Nova Scotia Agricultural College (NSAC), meiner ersten Station.

NSAC_streamDie Bezeichnung "College" ist im Falle des NSAC etwas irreführend, denn in Kanada denkt man bei diesem Begriff unwillkürlich an Institutionen, die hauptsächlich berufspraktische Ausbildungsgänge in Form von Zertifikaten und Diplomen anbieten. Tatsächlich ist NSAC seit langem eine vollwertige Universität mit Bachelor- und Masterstudiengängen, darunter z.B. Kanadas einzigem Bachelorprogramm in Aquakultur. Auch der Titel "Agricultural" ist schon lange nicht mehr zeitgemäß, findet Prof. Robin Robinson, den wir in seinem Labor besuchen: "Beim Stichwort Landwirtschaft denken die meisten Leute, dass wir uns um Kühe und Schweine kümmern", schmunzelt der Leiter des Fachbereichs Umweltwissenschaften. "Das stimmte vielleicht vor fünfzig Jahren, aber heute umfassen die Agrarwissenschaften viel, viel mehr."

Mehr als Rinder, Schweine und Geflügel

Zwar unterhält das NSAC noch immer einen großen Farmkomplex mit Rindern, Schafen und Geflügel, und das 9,8 Millionen Dollar teure Atlantic Poultry Research Centre zur Erforschung der Geflügelhaltung ist erst vor kurzem eröffnet wurden. Aber zum vielschichtigen Bereich Landwirtschaft gehört heute weit mehr als die Entwicklung innovativer Technologien zur Herstellung von Nahrungsmitteln und anderen Produkten. "Ein wichtiger Schwerpunkt unserer Ausbildung liegt in den Lebens- und Umweltwissenschaften", betont Robinson. "Darüber hinaus vermitteln wir unseren Studierenden Kenntnisse im Bereich Betriebswirtschaft und Unternehmertum, um sie auf das Berufsleben vorzubereiten. Auch die Natur- und Ingenieurwissenschaften spielen eine wichtige Rolle." Wie intensiv am NSAC geforscht wird, zeigt die Höhe der Forschungsgelder, die die Universität jedes Jahr einwirbt - mehr als die meisten anderen kanadischen Hochschulen.

Und dann gewährt uns der Biochemiker einen Einblick in seine eigene Forschung, in die sich auch die Bachelorstudenten in ihrem letzten Studienjahr einbringen können - und dabei an den 200 Million Dollar teuren Laborgeräten arbeiten dürfen, versteht sich. In den neunziger Jahren entdeckte Robinson, dass jede Tierart über ein ganz spezifisches Proteinprofil verfügt, das sich mithilfe eines chromatografischen Verfahrens ermitteln lässt: Man lässt die Proteinmoleküle von Rindern, Schweinen, Schafen etc. in einem elektrischen Feld durch die Poren eines Gels wandern und erhält wie bei der DNA ein charakteristisches Bandenmuster. Eine unbekannte Fleischprobe kann auf diese Weise einwandfrei z.B. als Rindfleisch oder Schweinefleisch identifiziert werden - oder eben eine Mischung aus beiden.

Auf der Suche nach einer praktischen Anwendung für diesen wissenschaftlichen Fund nahm Robinson gemeinsam mit seinen Studenten Fleischproben bei verschiedenen Fast-Food-Ketten der Region. Und siehe da: Das Hackfleisch in den Hamburgern war keineswegs reines Rindfleisch, sondern stammte fast zur Hälfte vom Schwein. Weitere Proben ergaben, dass diese Lebensmittelfälschung kein Zufallsfund war, sondern von den Restaurantketten systematisch betrieben wurde. "Als wir die Ergebnisse veröffentlichten, hatten wir schnell millionenschwere Klagen am Hals, weil die Burger in den Regalen der Fast-Food-Restaurants liegen blieben. Aber die Prozesse haben wir allesamt gewonnen, und heute ist das NSAC offiziell mit der Kontrolle der Fleischqualität beauftragt."

Intensive Forschung und praxisnahe Ausbildung

NSAC_testingDer anschließende Rundgang durch den Fachbereich für Aquakultur mit Professor Jesse Ronquillo führt vorbei an großen Bottichen voller Felsenbarsche, Hummer, Austern, Algen (Foto) und anderer Meerestiere, deren Aufzucht und Lebensbedingungen hier erforscht werden. Ronquillo, ein Spezialist für Schalentiere, erzählt von der Bedeutung, die Umweltschutz und Nachhaltigkeit im Lehrplan der Universität einnehmen. Die intensive naturwissenschaftliche Forschung, die am NSAC betrieben wird, ist für viele Studierende ein wesentlicher Anreiz, um zum Bachelor- oder Masterstudium nach Truro zu kommen. Im hochschuleigenen DNA-Labor, bei der Vorbereitung pflanzlicher Zell- und Gewebekulturen oder in den klimatisierten Gewächskammern können sie in enger Zusammenarbeit mit den Professoren praktische Erfahrungen sammeln, die eine ideale Vorbereitung für die spätere Zulassung zum Master- oder Doktorandenstudium darstellen.

Am Abend treffe ich Robert Schicht (25), den derzeit einzigen deutschen Studenten am Nova Scotia Agricultural College. Der Passauer hat sein BWL-Studium in Deutschland nach wenigen Semestern abgebrochen: "zu anonym, und der Kontakt zu den Profs war auch eher unterdurchschnittlich." In Nova Scotia legte er sich ein knapp 90 Hektar großes Stück Land zu, auf dem der passionierte Reiter derzeit eine Pferdefarm mit dem Schwerpunkt Wanderreiten, natürlicher Pferdeausbildung und -korrektur aufbaut. Die nötigen Fachkenntnisse eignet er sich im Rahmen eines zweijährigen Diplomkurses in Pferdewirtschaft am NSAC an: "Die letzten zwei Semester fand ich am nützlichsten: Bodenkunde und Grünlandwirtschaft; ansonsten Tierbiologie, -ernährung, -verhalten und verschiedene Wirtschaftskurse. Aber vor allem intensive Betreuung und Englisch auf hohem Niveau, da man gefordert wird, gute Arbeiten abzuliefern."

NSAC_gardenMit nur rund 700 Studierenden bietet das Nova Scotia Agricultural College alle Vorteile einer kleinen Universität. Wer sich für ein Bachelorstudium in Truro interessiert, kann noch bis kurz vor Semesterbeginn eine Bewerbung einreichen. Auch eine Gastaufenthalt für ein oder zwei Semester lässt sich einrichten, dann jedoch ohne die Möglichkeit einer finanziellen Förderung durch die Hochschule. Ein Kurs am NSAC kostet für Nichtkanadier 1.100 Kanadische Dollar, sodass sich die Studienkosten auf knapp 10.000 Dollar pro Jahr summieren. Masterstudenten erhalten Studienbeihilfen aus den Forschungsbudgets der Professoren und hochschuleigenen Mitteln - allerdings ist infolgedessen die Konkurrenz um die Zulassung deutlich größer.

Für alle, die auf dem Campus wohnen möchten, gibt es rund 350 Wohnheim- zimmer, die in der Reihenfolge der Anmeldungen vergeben werden. In einem dieser Doppelzimmer verbringe ich meine erste Nacht in Nova Scotia: etwas renovierungsbedürftig, das Ganze, und mit ziemlich beengenden Gemeinschaftsduschen auf dem Flur. Aber ein bisschen Rustikalität gehört nun mal zum Landleben dazu.

>> In der nächsten Folge: St. Francis Xavier University

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