Tuning USA: Bologna goes America
Lange hat es gedauert, bis das US-Hochschulestablishment anfing, von den monumentalen Bologna-Reformen in Europa Notiz zu nehmen. Ernsthafte Diskussionen gab es erst, als die ersten Bachelorabsolventen aus Europa sich für ein Master- oder Doktorandenstudium in den USA bewarben und sich zahlreiche US-Hochschulen zunächst weigerten, den dreijährigen Bologna-Bachelor als dem vierjährigen US-Bachelor gleichwertig einzustufen. Inzwischen wird fast überall im Einzelfall geprüft und (meist positiv) entschieden. Schwerer jedoch wiegt die Konkurrenz, die den USA durch den gemeinsamen europäischen Hochschulraum erwachsen ist und ihnen zunehmend die besten Köpfe abspenstig zu machen droht. Gerade noch rechtzeitig ist man deshalb aufgewacht, und inzwischen vergeht in den USA keine wichtige Bildungskonferenz ohne eine Session über den Bologna-Prozess und mögliche Lektionen, die amerikanische Hochschulen daraus ziehen können, um im globalisierten Wettbewerb um internationale Studierende die Nase vorn zu behalten.
Während also in Deutschland das Image der neuen Studienabschlüsse gegenwärtig auf dem Tiefpunkt angekommen ist, schreibt Jan-Martin Wiarda heute in einem Seitenhieb in der aktuellen Ausgabe der ZEIT, "picken sich die Amerikaner heraus, was gut funktioniert, vom sogenannten Diploma Supplement über die Definition von Lernergebnissen bis hin zur Neubestimmung des studentischen Workloads." Kürzlich startete in Indiana, Indianapolis und Utah sogar das Pilotprojekt Tuning USA, bei dem die öffentlichen Hochschulen dieser US-Staaten in sechs ausgewählten Fächern (Biologie, Chemie, Pädagogik, Geschichte, Physik und Grafikdesign) bestimmte Aspekte der Bologna-Reformen übernehmen und die Ergebnisse im Hinblick auf die Kompetenzen, die Studierende in diesen Fächern erwerben, evaluiert werden. Von besonderem Interesse ist hierbei das sogenannte Tuning Model, mit dem Studiengänge anhand von Referenzpunkten vergleichbar, kompatibel und transparent gemacht werden können, ohne sie zu vereinheitlichen.
Das US-Pilotprojekt wird unterstützt von der in Indianapolis ansässigen Lumina-Stiftung, die zuletzt auch zwei einflussreiche Berichte in Auftrag gegeben hat, mit denen US-Hochschulen auf den neuesten Stand der Dinge bezüglich Bologna gebracht werden sollen: The Bologna Club: What U.S. Higher Education Can Learn From a Decade of European Reconstruction [PDF] (2008) und The Bologna Process for U.S. Eyes: Re-Learning Higher Education in the Age of Convergence [PDF], der gestern vorgestellt wurde. Beide Berichte stammen aus der Feder von Clifford Adelman, einem Wissenschaftler am Institute for Higher Education Policy, der sich wie kaum ein anderer für eine Verbreitung des Wissens über die europäischen Hochschulreformen in den USA einsetzt. Mit Erfolg: Noch vor einem Jahr wäre ein Projekt wie Tuning USA undenkbar gewesen. Zum ersten Mal werden die USA überdies Ende dieses Monats einen offiziellen Beobachter zum Bologna-Treffen der europäischen Bildungsminister in Leuven (Belgien) entsenden.
Dass man jenseits des Atlantiks nicht schon früher auf den Gedanken gekommen ist, dass die Bologna-Reformen auch einiges Nützliches für eine Reform der amerikanischen Hochschullandschaft zu bieten haben könnten, überrascht: Immerhin ist die bunt schillernde, hoch differenzierte und widersprüchliche US-Hochschulwelt allenfalls dem Namen nach ein System, dessen Spielregeln indes nirgendwo explizit festgehalten oder gar in Gesetzestexten niedergelegt sind. "Es gibt inzwischen eine breit gefächerte Diskussion darüber, was wir als Nation oder auch auf der Ebene der Einzelstaaten von den europäischen Reformanstrengungen, 46 sehr unterschiedliche Hochschulsysteme unter einen Hut zu bringen und zu 'harmonisieren', lernen können, denn schließlich haben wir das gleiche Problem mit unseren 50 Einzelstaaten," sagte Madeleine Green vom American Council on Education der Zeitschrift Chronicle of Higher Education [kostenpflichtig]. Europa wird für die Amerikaner zum Versuchslabor, schreibt Wiarda: "Je mehr hier funktioniert, desto mehr werden sie kopieren - aus der komfortablen Position des Beobachters heraus." Auch in Australien, Neuseeland, Indien und China wird der Tuning-Ansatz übrigens aufmerksam beobachtet, und in 18 Ländern Lateinamerikas läuft sogar schon ein Pilotprojekt.
Verwandte Einträge:
>> Bologna-USA: Neues zur Anerkennung deutscher Bachelorabschlüsse in den USA
>> Hochschulen in den USA und der Bologna-Prozess: Neuer Bericht zum Stand der Dinge (2007)
Während also in Deutschland das Image der neuen Studienabschlüsse gegenwärtig auf dem Tiefpunkt angekommen ist, schreibt Jan-Martin Wiarda heute in einem Seitenhieb in der aktuellen Ausgabe der ZEIT, "picken sich die Amerikaner heraus, was gut funktioniert, vom sogenannten Diploma Supplement über die Definition von Lernergebnissen bis hin zur Neubestimmung des studentischen Workloads." Kürzlich startete in Indiana, Indianapolis und Utah sogar das Pilotprojekt Tuning USA, bei dem die öffentlichen Hochschulen dieser US-Staaten in sechs ausgewählten Fächern (Biologie, Chemie, Pädagogik, Geschichte, Physik und Grafikdesign) bestimmte Aspekte der Bologna-Reformen übernehmen und die Ergebnisse im Hinblick auf die Kompetenzen, die Studierende in diesen Fächern erwerben, evaluiert werden. Von besonderem Interesse ist hierbei das sogenannte Tuning Model, mit dem Studiengänge anhand von Referenzpunkten vergleichbar, kompatibel und transparent gemacht werden können, ohne sie zu vereinheitlichen.
Das US-Pilotprojekt wird unterstützt von der in Indianapolis ansässigen Lumina-Stiftung, die zuletzt auch zwei einflussreiche Berichte in Auftrag gegeben hat, mit denen US-Hochschulen auf den neuesten Stand der Dinge bezüglich Bologna gebracht werden sollen: The Bologna Club: What U.S. Higher Education Can Learn From a Decade of European Reconstruction [PDF] (2008) und The Bologna Process for U.S. Eyes: Re-Learning Higher Education in the Age of Convergence [PDF], der gestern vorgestellt wurde. Beide Berichte stammen aus der Feder von Clifford Adelman, einem Wissenschaftler am Institute for Higher Education Policy, der sich wie kaum ein anderer für eine Verbreitung des Wissens über die europäischen Hochschulreformen in den USA einsetzt. Mit Erfolg: Noch vor einem Jahr wäre ein Projekt wie Tuning USA undenkbar gewesen. Zum ersten Mal werden die USA überdies Ende dieses Monats einen offiziellen Beobachter zum Bologna-Treffen der europäischen Bildungsminister in Leuven (Belgien) entsenden.
Dass man jenseits des Atlantiks nicht schon früher auf den Gedanken gekommen ist, dass die Bologna-Reformen auch einiges Nützliches für eine Reform der amerikanischen Hochschullandschaft zu bieten haben könnten, überrascht: Immerhin ist die bunt schillernde, hoch differenzierte und widersprüchliche US-Hochschulwelt allenfalls dem Namen nach ein System, dessen Spielregeln indes nirgendwo explizit festgehalten oder gar in Gesetzestexten niedergelegt sind. "Es gibt inzwischen eine breit gefächerte Diskussion darüber, was wir als Nation oder auch auf der Ebene der Einzelstaaten von den europäischen Reformanstrengungen, 46 sehr unterschiedliche Hochschulsysteme unter einen Hut zu bringen und zu 'harmonisieren', lernen können, denn schließlich haben wir das gleiche Problem mit unseren 50 Einzelstaaten," sagte Madeleine Green vom American Council on Education der Zeitschrift Chronicle of Higher Education [kostenpflichtig]. Europa wird für die Amerikaner zum Versuchslabor, schreibt Wiarda: "Je mehr hier funktioniert, desto mehr werden sie kopieren - aus der komfortablen Position des Beobachters heraus." Auch in Australien, Neuseeland, Indien und China wird der Tuning-Ansatz übrigens aufmerksam beobachtet, und in 18 Ländern Lateinamerikas läuft sogar schon ein Pilotprojekt.
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TransatlanTicker - 9. Apr, 13:15



