Buchtipp: Das amerikanische Hochschulsystem, kompetent erklärt

"Amerikanische Verhältnisse" werden oft beschworen, wenn es um die aktuellen Hochschulreformen in Deutschland geht - sei es als leuchtendes Vorbild für Spitzenforschung und internationale Wettbewerbsfähigkeit oder als abschreckendes Beispiel für gnadenlose Konkurrenz, hohe Studiengebühren und die Diktatur des Marktes. Wie die US-Hochschulwelt jedoch wirklich aussieht, interessiert die Wenigsten: Wie so oft, wenn es um Amerika geht, genügen Halbwahrheiten und Unterstellungen, um in hochschulpolitischen Diskussionen zu punkten. Für alle, die genauer hinschauen möchten, liegt seit kurzem erstmals ein deutschsprachiges Buch vor, das die bunt schillernde US-Hochschulwelt umfassend und mit großer Sachkenntnis beleuchtet.

traumfabrikTraumfabrik Harvard: Warum amerikanische Hochschulen so anders sind (Campus Verlag 2008, 266 Seiten, 24,90 Euro) bietet keine Belehrungen oder Patentrezepte für das perfekte Hochschulsystem, sondern möchte das "Gesamtkunstwerk der amerikanischen Hochschulen" aus dem spezifischen kulturellen Gepräge der amerikanischen Gesellschaft heraus erklären und zeigen, dass sich hinter den ikonischen Eliteuniversitäten eine ungeheuer vielfältige und dynamische Hochschullandschaft mit sehr verschiedenen Einrichtungen verbirgt, von der in Deutschland kaum die Rede ist. Der Autor, Ulrich Schreiterer, ist Soziologe am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und arbeitete zuvor fünf Jahre als Senior Research Scholar an der Yale University in Connecticut.

Dass Schreiterer ausgiebig über den Tellerrand seines Ivy-League-Universums geblickt hat, wird allein daran deutlich, dass er auf einen weiteren Lobgesang auf die traumhaften Arbeitsbedingungen und üppigen Gehälter, die so viele renommierte Wissenschaftler in die USA locken, verzichtet. Auch als Ratgeber für ein Studium in den USA ist das Buch nicht gedacht. (Den gibt es ja auch bereits.) Vielmehr geht es neben einem etwas zähen historischen Abriss der Entwicklung vom Colonial College zur Spitzenforschung vor allem darum, den Leitmotiven und Regularien nachzuspüren, die die extrem zersplitterte amerikanische Hochschulwelt zusammenhalten.

Wie unübersichtlich und unabhängig von staatlicher Aufsicht diese Welt tatsächlich ist, können deutsche Beobachter, die an ein ordentliches, staatlich reguliertes und finanziertes Hochschulsystem gewöhnt sind, nur schwer in vollem Ausmaß erfassen. Doch gerade aus diesem losen institutionellen Arrangement ergeben sich die große Elastizität und die hohe Dynamik, die das amerikanische Hochschulwesen so leistungsstark machen. Dass das freie Spiel gesellschaftlicher Kräfte, sozialer Interessen und kultureller Strömungen auch Schattenseiten hat, die sich am deutlichsten in den explodierenden Studienkosten und dem privilegierten Zugang der Studienbewerber aus höheren sozialen Schichten manifestieren, wird im Buch genauso diskutiert wie die Strategien, die man in den USA zur Linderung dieser Schieflagen ins Auge fasst.

Kenntnisreich stellt Schreiterer eine Auswahl von Hochschultypen vor, für die es in anderen Ländern kaum eine Entsprechung gibt, z.B. private Forschungsuniversitäten, Liberal Arts Colleges oder Community Colleges. Mit Blick auf die deutsche Exzellenzinitiative erläutert er, was nach amerikanischen Maßstäben eine Einrichtung zur Eliteuniversität macht: Mit Vermögen, Größe und überragenden Forschungsleistungen hat dieses Prädikat jenseits des Atlantiks überraschenderweise wenig zu tun, sondern in erster Linie mit einer hohen Selektivität bei der Zulassung zum Bachelorstudium und einem breit gefächerten Studienangebot, das die Bachelorstudenten explizit nicht auf bestimmte berufliche Tätigkeiten vorbereitet. Auch dem sagenhaften Reichtum der US-Universitäten und dem vermeintlich hohen Einfluss privater Sponsoren ist ein ausführliches Kapitel gewidmet.

Der besondere Verdienst von Traumfabrik Harvard besteht vor allem darin, den kulturellen Kontext sichtbar zu machen, in den Hochschulbildung in den USA eingebettet ist. Völlig zu Recht weist Schreiterer darauf hin, dass die in internationalen Vergleichen üblichen statistischen Daten nur einen geringen Erkenntnisgewinn bieten, wenn nicht gleichzeitig die politischen, historischen, sozialen und kulturellen Gründe für die messbaren Unterschiede mitgedacht werden. Im meritokratischen Begründungszusammenhang der US-Gesellschaft nimmt education demnach eine "Schlüsselrolle im Drehbuch des American dream" ein und wird von einer mit Erwartungen, Hoffnungen und Versprechungen aufgeladenen Semantik eingerahmt, die Europäern weitestgehend fremd ist. Going to college wird somit gerade für Angehörige unterer sozialer Schichten zum Mantra für gesellschaftlichen Aufstieg und ein erfülltes Leben.

Stichwort College: Wie fremdartig, ja exotisch die US-Hochschulwelt im Vergleich zur deutschen ist, tritt am Beispiel des American College am deutlichsten zu Tage. Das College - also entweder eine unabhängige Hochschule oder der Teil einer Universität, der für die Bachelorausbildung zuständig ist - ist das "Herzstück und die Ikone der amerikanischen Hochschule", so der treffende Titel des Kapitels, das sich mit dieser weltweit einmaligen Institution beschäftigt. Denn das Bachelorstudium in den USA hat mit dem Fachstudium, wie es überall sonst praktiziert wird, nur wenig zu tun. Charakterbildung, Erziehung zum bürgerschaftlichen Engagement und Gemeinsinn sind dabei mindestens genauso wichtig wie Wissensvermittlung und der Erwerb kognitiver Kompetenzen, während das bei uns derzeit so wichtige Kriterium der "Berufsbefähigung" nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Eine unvoreingenommene und umfassende Darstellung des amerikanischen Hochschulwesens in deutscher Sprache hat angesichts der Prominenz, die Harvard & Co. als Projektionsfläche für Hoffnungen und Befürchtungen deutscher Hochschulreformer in der öffentlichen Debatte einnehmen, lange gefehlt. Wer will, kann nun mehr wissen als die gängigen Stereotype von Spitzenforschung, Spitzenverdiensten und Spitzenprofessoren oder dem großen Qualitätsgefälle zwischen Elite und Massenbetrieb. Und dass die Transplantation einzelner charakteristischer Merkmale des US-Hochschul- wesens in das deutsche nicht klappen kann, ohne den kulturellen Kontext zu beachten, in dem diese dort funktionieren, dürfte nach der Lektüre von Traumfabrik Harvard auch dem und der Letzten klar sein.

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Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog von Academics.de.

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