Rollentausch: College-Bewerbungsessays von US-Hochschulpräsidenten

Der Gedanke, einmal den Spieß umzudrehen und Lehrer, Professoren und andere schlaue Leute mit ihren eigenen Fragen und Prüfungen zu quälen, bereitet den meisten Schülern und Studierenden diebische Freude. In den USA kämpfen jedes Jahr Millionen von Schülern mit den Bewerbungsessays, die sie für ihre College-Bewerbung verfassen müssen. Gefragt wird dabei nicht nach konkreten Studienplänen, sondern nach Personen, Büchern, Filmen oder Ereignissen, die einen bedeutenden Einfluss auf die eigene Entwicklung hatten, oder nach Hindernissen und Schwierigkeiten, die man aus dem Weg räumen konnte. Die Zulassungsgremien der Hochschulen möchten daraus etwas über Persönlichkeit und charakterliche Reife der Bewerber erfahren. Die meisten Elftklässler kostet es viel Blut, Schweiß und Tränen, in rund 500 Wörtern etwas Überzeugendes über sich selbst so elegant zu Papier zu bringen, dass sie aus der Masse der Bewerber herausragen. So mancher wird sich dabei fluchend gewünscht haben, die Verantwortlichen an den Unis sollten sich doch einmal selbst dieser Tortur unterziehen.

Genau dies ist nun geschehen: Das Wall Street Journal hat zehn Präsidenten von renommierten amerikanischen Colleges und Universitäten gebeten, sich hinzusetzen und eine Essay-Frage aus den eigenen Bewerbungsunterlagen zu beantworten. Die Spielregeln: drei Wochen Zeit, nicht mehr als 500 Wörter, fremde Hilfe von professionellen PR-Leuten und Redenschreibern nicht erlaubt. Herausgekommen sind zehn Essays zu Fragen wie "Schreiben Sie Seite 217 aus Ihrer 300-seitigen Autobiografie" oder "Beschreiben Sie eine Person, die einen wichtigen Einfluss auf Sie hatte." Nach eigenen Angaben ist den schreibenden Präsidenten dabei deutlich geworden, welch schwierige Gratwanderung zwischen Allgemeinplätzen, Effekthascherei, authentisch Erlebtem und der Preisgabe von sehr persönlichen Details ihre Bewerber da zu bewältigen haben. Ein interessantes Experiment, mit recht unterschiedlichen Ergebnissen. Besonders überzeugt haben mich die Essays von Colin Diver (Reed College), der von einer Begebenheit erzählt, die sein linksliberales Multikulti-Verständnis infrage stellte, und von Michael Roth (Wesleyan College), der sehr eindringlich vom großen Einfluss seines Bruders erzählt, der mit fünf Jahren starb und den er nie kennen lernte.

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