Heimat der X-Ringe: St. Francis Xavier University
TransatlanTicker on Tour: Im Sommer 2008 war ich zu Gast in der kanadischen Provinz Nova Scotia, die aufgrund ihres exzellenten Bildungssystems auch als "Canada's education province" gilt. Während meiner zehntägigen Campusreise hatte ich die Gelegenheit, neben einigen ausgewählten High Schools und Sprachschulen vor allem die zahlreichen Universitäten der Provinz näher kennen zu lernen, die zu den besten in ganz Kanada gehören. Heute im Porträt: die St. Francis Xavier University.
Treffen sich irgendwo auf der Welt zwei Absolventen der St. Francis Xavier University, der zweiten Station meiner Campusreise durch die kanadische Provinz Nova Scotia, erkennen sie sich meistens, ehe auch nur ein Wort gewechselt wird. Ein kurzer Blick auf den Ringfinger genügt, denn dort blitzt in aller Regel ein schwarzes X in goldener Fassung: der berühmte X-Ring, den fast alle Studierenden der Hochschule kurz vor Abschluss ihres Studiums in einer feierlichen Zeremonie jeweils am 3. Dezember, dem Namenstag des Heiligen Franz Xaver, verliehen bekommen. Diesem Ereignis, zu dem weder Eltern noch Verwandte, sondern ausschließlich andere Träger des Rings Zutritt haben, fiebern die meisten schon im ersten Semester entgegen, denn der X-Ring, den viele ein Leben lang wie einen Ehering tragen, symbolisiert neben der Mitgliedschaft in einem exklusiven Club alles, wofür die mehr als 150 Jahre alte staatliche Hochschule mit katholischen Wurzeln steht: identitätsstiftende Tradition, ganzheitliche Bildung und eine eingeschworene, fast familiäre Gemeinschaft.
Die St. Francis Xavier University, überall nur kurz St. FX (sprich: Saint-Eff-Ex) genannt, liegt in Antingonish, einer Kleinstadt mit rund 4000 Einwohnern, die überregional als Austragungsort der ältesten Highland- Games auf dem nordamerikanischen Kontinent bekannt ist. (Immerhin befinden wir uns hier in Neuschottland.) Aber auch das dreitägige Evolve-Festival mit alternativer Musik zieht jeden Sommer die Massen an. In der kanadischen Hochschullandschaft, die überwiegend von großen Forschungsuniversitäten bestimmt ist, punkten die Atlantikprovinzen vor allem mit hervorragenden kleinen Hochschulen, die sich auf die Bachelorausbildung konzentrieren, besonderen Wert auf die Lehre legen, individuelle Betreuung bieten und der Großteil ihrer selten mehr als 4000 Studierenden in Wohnheimen auf dem Campus unterbringen. So entsteht eine für Kanada eher untypische Lern- und Lebensgemeinschaft, wie man sie von Colleges aus den USA kennt. Und in der Gruppe der kleineren kanadischen Hochschulen belegt St. FX in den Rankings regelmäßig einen der Spitzenplätze.
Tradition und High Tech
Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr, denn die altehrwürdige Hochschule, einst von der katholischen Diözese Antingonish mit Unterstützung der einheimischen Fischer, Bauern und Minenarbeiter gegründet, befindet sich seit gut einem Jahrzehnt in einer Phase der Rundum-Erneuerung, die zuallererst am äußeren Erscheinungsbild deutlich wird: Mehr als 100 Millionen kanadische Dollar sind seit 1999 investiert worden, um Lehrgebäude, Forschungs- einrichtungen, Wohnheime und technische Ausstattung Schritt für Schritt auf den neuesten Stand zu bringen und Tradition und Moderne miteinander zu verschmelzen. "Wir blicken in die Zukunft, aber wir haben nicht vor, unsere Wurzeln aufzugeben", betont Hochschulpräsident Sean Riley, der gerne alle neuen Studenten und deren Eltern am ersten Tag des Semesters persönlich begrüßt und sie einlädt, ihn in Zukunft nur noch beim Vornamen zu nennen.
Unser Rundgang über den prächtigen Campus beginnt in der "Governor’s Hall", einem von zwei brandneuen Wohnheimen, deren Ausstattung keine Wünsche offen lässt. Staunend begutachten wir Doppelzimmer und Gemeinschafts- räume, die auch einem 4-Sterne-Hotel keine Schande machen würden. Tatsächlich wird das Gebäude im Sommer als Hotel und Konferenzzentrum von der Geschäftswelt genutzt. Für Erstsemester gibt es hier zwar keine Plätze, doch bereits im zweiten Studienjahr kann man sich für ein Zimmer bewerben. Gleich nebenan liegt der 2000 eingeweihte, nicht minder atemberaubende Charles V. Keating Millenium Centre: ein hochmoderner Multifunktionskomplex, der zu gleichen Teilen von der Hochschule und der Stadt Antingonish für Sport, Konzerte und Konferenzen genutzt wird, mit kostenlosem Zugang zu Turnhallen, Krafträumen und einem Schwimmbad.
Doch nicht nur die schicken Fassaden, auch das Fächerangebot an St. FX hat es in sich: In den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften können die Bachelorstudenten aus mehr als 80 interdisziplinären Studiengängen auswählen, darunter z.B. Entwicklungspolitik oder Wasserressourcenmanagement. Dabei haben sie von Anfang an Zugang zu erstklassigen Professoren und Forschungsmöglichkeiten: "Wir haben hier hochrangige Wissenschaftler, die im Rahmen des Canada Research Chair-Programms gefördert werden und trotzdem Erstsemester unterrichten, und viele Bachelorstudenten lernen das Forschungshandwerk in professionellen Labors," erzählt uns Bill Marshall, der Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät. Und auch die Studierenden schwärmen vom Engagement und der individuellen Betreuung durch die Hochschullehrer: "All professors love to teach", ist in Gesprächen immer wieder zu hören, und wer jemals Vorlesungen und Seminare mit unmotivierten Professoren erlebt hat, weiß, dass eine solche Einstellung auch in Kanada keine Selbstverständlichkeit ist.
Eine große Familie
Spricht man mit St. FX-Studenten über ihre Hochschule, zählen "Heimat", "Stolz" und vor allem "Familie" zu den am häufigsten fallenden Begriffen. Das große Zusammengehörigkeitsgefühl und Füreinander-Einstehen ist eines der Kernmerkmale der Universität, das sie von anderen Einrichtungen unterscheidet. Die Wurzeln für diese Mentalität liegen in der Geschichte, denn als eine der wenigen Hochschulen in Kanada ist St. FX entschlossen, sein katholisches Erbe zu erhalten - ohne dabei Angehörige anderer Religionen auszuschließen, versteht sich. Werte wie Nächstenliebe und soziale Gerechtigkeit ziehen sich durch das gesamte Campusleben, und Service Learning, also das Lernen in gemeinnützigen Projekten im In- und Ausland, wird zunehmend fester Bestandteil des Lehrplans. Zac Mills, ein Student aus Antigonish, der uns über den Campus führt, absolvierte z.B. Praktika in Bangladesch und im Libanon, wo er Entwicklungsorganisationen half, kleine Unternehmer mit Mikrokrediten zu unterstützen. "St. FX erlaubt dir, Dinge zu tun, die du sonst nie machen würdest."

Ein wesentlicher Grund für die familiäre Atmosphäre an St. FX ist ohne Frage das Zusammenleben in Wohnheimen, das sich inzwischen nicht nur in "Governor’s Hall", sondern auch in den renovierten älteren Gebäuden recht komfortabel gestaltet. Wichtiger als die neuen Möbel und die Flatscreen-Fernseher in den Gemeinschaftsräumen ist das starke Zusammengehörigkeits- gefühl, das hier entsteht: Die Studierenden sollen sich aktiv einbringen, Beziehungen aufbauen und soziale Netzwerke knüpfen. In einem "community code" sind die Rechte und Freiheiten der Bewohner geregelt, und eine studentische Selbstverwaltung wacht über alle Aspekte des Wohnheimlebens, einschließlich des Alkoholkonsums. Wer das dann doch als etwas zu beengend empfindet, findet außerhalb des Campus leicht eine eigene WG oder Wohnung. Dass die St. FX-Absolventen die aktivste und sichtbarste Gruppe von Hochschulalumni in Kanada sind, überrascht nach alldem jedenfalls nicht mehr.
Von Oberhausen nach Antigonish
Christine Krause aus Oberhausen wurde auf die St. Francis Xavier University aufmerksam, als sie während der 11. Klasse ein halbes Jahr als Austauschschülerin in Nova Scotia verbrachte. "Sowohl der gute Ruf als auch die Kursauswahl und die freundliche Atmosphäre der Universität waren Bestandteil meiner letztendlichen Entscheidung, nach Kanada an diese Universität zu gehen", erläutert die 17-jährige. Im Herbst beginnt sie ihr Bachelorstudium in Neuerer europäischer Geschichte und Psychologie. Die Entscheidung zum Studium an St. FX wurde ihr nicht zuletzt dadurch schmackhaft gemacht, dass sie aufgrund ihrer deutschen und kanadischen Zeugnisse direkt zum Bachelorstudium zugelassen wurde, ohne in Deutschland noch die 12. und 13. Klasse besuchen zu müssen. "Ich denke, dass meine Noten ausschlaggebend dafür waren, dass ich unter dieser 'Sonderregelung' schon an der Universität angenommen wurde."
Die Studienkosten von rund 25.000 kanadischen Dollar pro Jahr (Studiengebühren plus Kosten für Unterkunft und Verpflegung) muss Christine Krause wie viele andere Kommilitonen zunächst selbst aufbringen, denn Teilstipendien für Studienanfänger vergibt St. FX nicht so häufig wie manche andere kanadische Universität. Stattdessen gibt es zahlreiche Möglichkeiten, während des Studiums eine leistungsbezogene Förderung zu erhalten. Wer es schafft, einen Notendurchschnitt von mindestens 80% zu halten, bekommt zum Beispiel jedes Jahr 1000 Dollar aufs Konto gutgeschrieben. Weitere Stipendien und Preise gibt es für herausragendes ehrenamtliches Engagement oder die Teilnahme an spezifischen Projekten. Um zum Studium zugelassen zu werden, ist ein Notendurchschnitt von mindestens 75-80% nötig, was in etwa einem "befriedigend" im deutschen Abitur entspricht. Doch auch diese Zahl ist nicht in Stein gemeißelt, denn jede Bewerbung wird einer Einzelprüfung unterzogen. Bewerbungen aus Europa sind hochwillkommen - gerne auch für ein oder zwei Gastsemester.
Wer jedoch am Ende den begehrten X-Ring am Finger tragen will, muss ein komplettes Bachelorstudium in Antigonish absolvieren. Die Regeln zur Vergabe und Verwendung der Ringe sind streng und werden von einem eigens dafür eingerichteten Rat der Ringe überwacht. Einmal, erzählt uns zum Abschluss Mark Kolanko, der an St. FX für die Beratung ausländischer Studenten zuständig ist, wollte eine Ehemaliger der Universität seinen Ring auf E-Bay versteigern, woraufhin der Alumni-Verein intervenierte und bei dem Online-Auktionshaus durchsetzte, dass X-Ringe niemals zum Verkauf angeboten werden dürfen. Ein guter Preis ließe sich sicher erzielen, denn zumindest an der St. Francis Xavier University hält sich hartnäckig der Mythos, der X-Ring sei nach dem Siegelring des Papstes und dem Super-Bowl-Ring, den die Mitglieder des siegreichen Teams im American-Football-Finale verliehen bekommen, der drittbekannteste Ring der Welt. Einziger Beweis für diese Behauptung: eine Frage in der US-Quizsendung Jeopardy!, an die sich allerdings niemand mehr genau erinnern kann oder will.
Solche Geschichten lieben sie in Antigonish, wo Tradition und Folklore hoch im Kurs stehen. Ich jedenfalls habe eine Universität gesehen, die hohe akademische Standards setzt, voll und ganz für ihre Studierenden da ist, ihnen einen Sinn für globale Verantwortung vermittelt und massiv in die Zukunft investiert. Und wie zum Beweis der Macht der Ringe sitze ich ein paar Tage später im Lower Deck, einer populären Kneipe mit Live-Musik im Hafen von Halifax, zufällig neben einem kanadischen Top-Manager, an dessen Ringfinger tatsächlich das berühmte X prangt. Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde und der, sagen wir, ausgelassenen Stimmung ist das entsprechende Beweisfoto jedoch nicht zur Veröffentlichung geeignet.
Weitere Folgen in dieser Reihe:
1) Nova Scotia Agricultural College
2) St. Francis Xavier University
3) Cape Breton University
4) Dalhousie University
5) Saint Mary’s University
6) University of King’s College
7) Noca Scotia College of Art and Design
8) Mount Saint Vincent University
9) Acadia University
10) Université Sainte-Anne
Treffen sich irgendwo auf der Welt zwei Absolventen der St. Francis Xavier University, der zweiten Station meiner Campusreise durch die kanadische Provinz Nova Scotia, erkennen sie sich meistens, ehe auch nur ein Wort gewechselt wird. Ein kurzer Blick auf den Ringfinger genügt, denn dort blitzt in aller Regel ein schwarzes X in goldener Fassung: der berühmte X-Ring, den fast alle Studierenden der Hochschule kurz vor Abschluss ihres Studiums in einer feierlichen Zeremonie jeweils am 3. Dezember, dem Namenstag des Heiligen Franz Xaver, verliehen bekommen. Diesem Ereignis, zu dem weder Eltern noch Verwandte, sondern ausschließlich andere Träger des Rings Zutritt haben, fiebern die meisten schon im ersten Semester entgegen, denn der X-Ring, den viele ein Leben lang wie einen Ehering tragen, symbolisiert neben der Mitgliedschaft in einem exklusiven Club alles, wofür die mehr als 150 Jahre alte staatliche Hochschule mit katholischen Wurzeln steht: identitätsstiftende Tradition, ganzheitliche Bildung und eine eingeschworene, fast familiäre Gemeinschaft.
Die St. Francis Xavier University, überall nur kurz St. FX (sprich: Saint-Eff-Ex) genannt, liegt in Antingonish, einer Kleinstadt mit rund 4000 Einwohnern, die überregional als Austragungsort der ältesten Highland- Games auf dem nordamerikanischen Kontinent bekannt ist. (Immerhin befinden wir uns hier in Neuschottland.) Aber auch das dreitägige Evolve-Festival mit alternativer Musik zieht jeden Sommer die Massen an. In der kanadischen Hochschullandschaft, die überwiegend von großen Forschungsuniversitäten bestimmt ist, punkten die Atlantikprovinzen vor allem mit hervorragenden kleinen Hochschulen, die sich auf die Bachelorausbildung konzentrieren, besonderen Wert auf die Lehre legen, individuelle Betreuung bieten und der Großteil ihrer selten mehr als 4000 Studierenden in Wohnheimen auf dem Campus unterbringen. So entsteht eine für Kanada eher untypische Lern- und Lebensgemeinschaft, wie man sie von Colleges aus den USA kennt. Und in der Gruppe der kleineren kanadischen Hochschulen belegt St. FX in den Rankings regelmäßig einen der Spitzenplätze.Tradition und High Tech
Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr, denn die altehrwürdige Hochschule, einst von der katholischen Diözese Antingonish mit Unterstützung der einheimischen Fischer, Bauern und Minenarbeiter gegründet, befindet sich seit gut einem Jahrzehnt in einer Phase der Rundum-Erneuerung, die zuallererst am äußeren Erscheinungsbild deutlich wird: Mehr als 100 Millionen kanadische Dollar sind seit 1999 investiert worden, um Lehrgebäude, Forschungs- einrichtungen, Wohnheime und technische Ausstattung Schritt für Schritt auf den neuesten Stand zu bringen und Tradition und Moderne miteinander zu verschmelzen. "Wir blicken in die Zukunft, aber wir haben nicht vor, unsere Wurzeln aufzugeben", betont Hochschulpräsident Sean Riley, der gerne alle neuen Studenten und deren Eltern am ersten Tag des Semesters persönlich begrüßt und sie einlädt, ihn in Zukunft nur noch beim Vornamen zu nennen.
Unser Rundgang über den prächtigen Campus beginnt in der "Governor’s Hall", einem von zwei brandneuen Wohnheimen, deren Ausstattung keine Wünsche offen lässt. Staunend begutachten wir Doppelzimmer und Gemeinschafts- räume, die auch einem 4-Sterne-Hotel keine Schande machen würden. Tatsächlich wird das Gebäude im Sommer als Hotel und Konferenzzentrum von der Geschäftswelt genutzt. Für Erstsemester gibt es hier zwar keine Plätze, doch bereits im zweiten Studienjahr kann man sich für ein Zimmer bewerben. Gleich nebenan liegt der 2000 eingeweihte, nicht minder atemberaubende Charles V. Keating Millenium Centre: ein hochmoderner Multifunktionskomplex, der zu gleichen Teilen von der Hochschule und der Stadt Antingonish für Sport, Konzerte und Konferenzen genutzt wird, mit kostenlosem Zugang zu Turnhallen, Krafträumen und einem Schwimmbad.
Doch nicht nur die schicken Fassaden, auch das Fächerangebot an St. FX hat es in sich: In den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften können die Bachelorstudenten aus mehr als 80 interdisziplinären Studiengängen auswählen, darunter z.B. Entwicklungspolitik oder Wasserressourcenmanagement. Dabei haben sie von Anfang an Zugang zu erstklassigen Professoren und Forschungsmöglichkeiten: "Wir haben hier hochrangige Wissenschaftler, die im Rahmen des Canada Research Chair-Programms gefördert werden und trotzdem Erstsemester unterrichten, und viele Bachelorstudenten lernen das Forschungshandwerk in professionellen Labors," erzählt uns Bill Marshall, der Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät. Und auch die Studierenden schwärmen vom Engagement und der individuellen Betreuung durch die Hochschullehrer: "All professors love to teach", ist in Gesprächen immer wieder zu hören, und wer jemals Vorlesungen und Seminare mit unmotivierten Professoren erlebt hat, weiß, dass eine solche Einstellung auch in Kanada keine Selbstverständlichkeit ist.Eine große Familie
Spricht man mit St. FX-Studenten über ihre Hochschule, zählen "Heimat", "Stolz" und vor allem "Familie" zu den am häufigsten fallenden Begriffen. Das große Zusammengehörigkeitsgefühl und Füreinander-Einstehen ist eines der Kernmerkmale der Universität, das sie von anderen Einrichtungen unterscheidet. Die Wurzeln für diese Mentalität liegen in der Geschichte, denn als eine der wenigen Hochschulen in Kanada ist St. FX entschlossen, sein katholisches Erbe zu erhalten - ohne dabei Angehörige anderer Religionen auszuschließen, versteht sich. Werte wie Nächstenliebe und soziale Gerechtigkeit ziehen sich durch das gesamte Campusleben, und Service Learning, also das Lernen in gemeinnützigen Projekten im In- und Ausland, wird zunehmend fester Bestandteil des Lehrplans. Zac Mills, ein Student aus Antigonish, der uns über den Campus führt, absolvierte z.B. Praktika in Bangladesch und im Libanon, wo er Entwicklungsorganisationen half, kleine Unternehmer mit Mikrokrediten zu unterstützen. "St. FX erlaubt dir, Dinge zu tun, die du sonst nie machen würdest."

Ein wesentlicher Grund für die familiäre Atmosphäre an St. FX ist ohne Frage das Zusammenleben in Wohnheimen, das sich inzwischen nicht nur in "Governor’s Hall", sondern auch in den renovierten älteren Gebäuden recht komfortabel gestaltet. Wichtiger als die neuen Möbel und die Flatscreen-Fernseher in den Gemeinschaftsräumen ist das starke Zusammengehörigkeits- gefühl, das hier entsteht: Die Studierenden sollen sich aktiv einbringen, Beziehungen aufbauen und soziale Netzwerke knüpfen. In einem "community code" sind die Rechte und Freiheiten der Bewohner geregelt, und eine studentische Selbstverwaltung wacht über alle Aspekte des Wohnheimlebens, einschließlich des Alkoholkonsums. Wer das dann doch als etwas zu beengend empfindet, findet außerhalb des Campus leicht eine eigene WG oder Wohnung. Dass die St. FX-Absolventen die aktivste und sichtbarste Gruppe von Hochschulalumni in Kanada sind, überrascht nach alldem jedenfalls nicht mehr.
Von Oberhausen nach Antigonish
Christine Krause aus Oberhausen wurde auf die St. Francis Xavier University aufmerksam, als sie während der 11. Klasse ein halbes Jahr als Austauschschülerin in Nova Scotia verbrachte. "Sowohl der gute Ruf als auch die Kursauswahl und die freundliche Atmosphäre der Universität waren Bestandteil meiner letztendlichen Entscheidung, nach Kanada an diese Universität zu gehen", erläutert die 17-jährige. Im Herbst beginnt sie ihr Bachelorstudium in Neuerer europäischer Geschichte und Psychologie. Die Entscheidung zum Studium an St. FX wurde ihr nicht zuletzt dadurch schmackhaft gemacht, dass sie aufgrund ihrer deutschen und kanadischen Zeugnisse direkt zum Bachelorstudium zugelassen wurde, ohne in Deutschland noch die 12. und 13. Klasse besuchen zu müssen. "Ich denke, dass meine Noten ausschlaggebend dafür waren, dass ich unter dieser 'Sonderregelung' schon an der Universität angenommen wurde."
Die Studienkosten von rund 25.000 kanadischen Dollar pro Jahr (Studiengebühren plus Kosten für Unterkunft und Verpflegung) muss Christine Krause wie viele andere Kommilitonen zunächst selbst aufbringen, denn Teilstipendien für Studienanfänger vergibt St. FX nicht so häufig wie manche andere kanadische Universität. Stattdessen gibt es zahlreiche Möglichkeiten, während des Studiums eine leistungsbezogene Förderung zu erhalten. Wer es schafft, einen Notendurchschnitt von mindestens 80% zu halten, bekommt zum Beispiel jedes Jahr 1000 Dollar aufs Konto gutgeschrieben. Weitere Stipendien und Preise gibt es für herausragendes ehrenamtliches Engagement oder die Teilnahme an spezifischen Projekten. Um zum Studium zugelassen zu werden, ist ein Notendurchschnitt von mindestens 75-80% nötig, was in etwa einem "befriedigend" im deutschen Abitur entspricht. Doch auch diese Zahl ist nicht in Stein gemeißelt, denn jede Bewerbung wird einer Einzelprüfung unterzogen. Bewerbungen aus Europa sind hochwillkommen - gerne auch für ein oder zwei Gastsemester.
Wer jedoch am Ende den begehrten X-Ring am Finger tragen will, muss ein komplettes Bachelorstudium in Antigonish absolvieren. Die Regeln zur Vergabe und Verwendung der Ringe sind streng und werden von einem eigens dafür eingerichteten Rat der Ringe überwacht. Einmal, erzählt uns zum Abschluss Mark Kolanko, der an St. FX für die Beratung ausländischer Studenten zuständig ist, wollte eine Ehemaliger der Universität seinen Ring auf E-Bay versteigern, woraufhin der Alumni-Verein intervenierte und bei dem Online-Auktionshaus durchsetzte, dass X-Ringe niemals zum Verkauf angeboten werden dürfen. Ein guter Preis ließe sich sicher erzielen, denn zumindest an der St. Francis Xavier University hält sich hartnäckig der Mythos, der X-Ring sei nach dem Siegelring des Papstes und dem Super-Bowl-Ring, den die Mitglieder des siegreichen Teams im American-Football-Finale verliehen bekommen, der drittbekannteste Ring der Welt. Einziger Beweis für diese Behauptung: eine Frage in der US-Quizsendung Jeopardy!, an die sich allerdings niemand mehr genau erinnern kann oder will.Solche Geschichten lieben sie in Antigonish, wo Tradition und Folklore hoch im Kurs stehen. Ich jedenfalls habe eine Universität gesehen, die hohe akademische Standards setzt, voll und ganz für ihre Studierenden da ist, ihnen einen Sinn für globale Verantwortung vermittelt und massiv in die Zukunft investiert. Und wie zum Beweis der Macht der Ringe sitze ich ein paar Tage später im Lower Deck, einer populären Kneipe mit Live-Musik im Hafen von Halifax, zufällig neben einem kanadischen Top-Manager, an dessen Ringfinger tatsächlich das berühmte X prangt. Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde und der, sagen wir, ausgelassenen Stimmung ist das entsprechende Beweisfoto jedoch nicht zur Veröffentlichung geeignet.
Weitere Folgen in dieser Reihe:
1) Nova Scotia Agricultural College
2) St. Francis Xavier University
3) Cape Breton University
4) Dalhousie University
5) Saint Mary’s University
6) University of King’s College
7) Noca Scotia College of Art and Design
8) Mount Saint Vincent University
9) Acadia University
10) Université Sainte-Anne
TransatlanTicker - 13. Mai, 14:48




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