Austauschprogramme

Deutschland Vizeweltmeister im Kulturaustausch mit den USA

Glaubt man den Meinungsumfragen, dann ist das Ansehen der USA (nicht nur) in Deutschland während der Bush-Jahre auf einen historischen Tiefpunkt gesunken. Mag sein, dass sich das mit Barack Obamas Präsidentschafts- kandidatur und dem spannenden Vorwahlkampf bereits wieder gebessert hat. Doch trotz aller Negativschlagzeilen und wachsendem Antiamerikanismus ist das Interesse insbesondere der jungen Deutschen an einem längeren Aufenthalt in den USA auch in den letzten Jahren unvermindert hoch gewesen, wie ein Blick auf die Visums-Statistiken des US-Außenministeriums zeigt.

Interessant an diesen ansonsten recht drögen Zahlenkolonnen ist in diesem Zusammenhang vor allem die Anzahl der J-Visa, die beispielsweise im Fiskaljahr 2007 [pdf] ausgestellt wurden: In dieser Kategorie, die für den Kulturaustausch ("Exchange Visitor Program") vorgesehen ist, liegt Deutschland im weltweiten Vergleich nur hinter Russland und noch vor China, was angesichts der Bevölkerungszahlen doppelt bemerkenswert ist:
  1. Russland (29.266 ausgestellte J-Visa FY 2007)
  2. Deutschland (25.501)
  3. China (20.024)
  4. Brasilien (19.009)
  5. Großbritannien (17.495)
  6. Südkorea (17.452)
  7. Polen (13.089)
  8. Thailand (12.870)
  9. Frankreich (12.374)
  10. Japan (9.915)
Zu den Personen, die üblicherweise mit einem solchen J-Visum in die USA einreisen, zählen vor allem Austauschschüler, Au Pairs, Praktikanten und Work & Travel-Teilnehmer, aber auch Studenten, Doktoranden und Wissenschaftler, die beispielsweise mit einem Stipendium der Fulbright-Kommission in die USA gehen sowie Mediziner, die an einem amerikanischen Universitätsklinikum ihre Facharztausbildung absolvieren. Im Vordergrund steht dabei oft die Neugier auf die fremde Kultur, aber von Beginn an auch die anschließende Rückkehr ins Heimatland, wo die ehemaligen Exchange Visitors häufig zunächst zwei Jahre warten müssen, bis sie ein Visum der nächsthöheren Kategorie beantragen dürfen, um z.B. eine feste Stelle anzutreten.

Nun darf man bei dieser Statistik nicht verschweigen, dass die Zahl der deutschen Studierenden in den USA seit einigen Jahren leicht rückläufig ist. Bei der Anzahl der ausgestellten F-Visa, die in der Regel für einen Studienaufent- halt nötig sind, sieht Deutschland 2007 mit seinen 4.769 Visa gegenüber dem Spitzenreiter Südkorea (53.169) doch etwas mickrig aus. Die hohe Platzierung im Bereich des Kulturaustauschs ist dann auch hauptsächlich auf die enorme Menge der deutschen Schülerinnen und Schüler zurückzuführen, die für ein halbes oder ganzes Jahr eine amerikanische High School besuchen. Kein anderes Land schickt auch nur annähernd so viele Austauschschüler in die USA. Warum diese Form des Kulturaustauschs gerade in Deutschland so populär ist, dass eine ganze Industrie von mehr als 70 Austauschorgani- sationen damit Geld verdienen kann, bleibt ein Phänomen, das noch nach einer Erklärung sucht.

Vorläufig halten wir fest: Der Kulturaustausch zwischen Deutschen und Amerikanern war auch während der Amtszeit von George W. Bush in gutem Zustand -- woran deutlich wird, dass Neugier und Interesse auf die amerikanische Kultur, Lebens- und Arbeitsweise tiefer gehen als die jeweils aktuelle Außenpolitik der US-Regierung. Das ist doch erfreulich und lässt für die nächsten Jahre Positives erwarten. Dank an JT für den Link.

Fulbright-Rekord für US-Germanisten aus Boston

Der winzige Fachbereich Germanistik am privaten Boston College macht auf den erste Blick nicht sonderlich viel her: Die Kursauswahl ist klein und unspektakulär, es gibt lediglich drei volle Professorenstellen, und ein Master- oder Doktorandenstudium wird gar nicht erst angeboten. Und dennoch schickt der Fachbereich regelmäßig mehr Studierende mit einem der begehrten Fulbright-Stipendien zum Studium nach Deutschland als jede andere Hochschule in die USA. In diesem Jahr haben sage und schreibe 13 Studierende ein solches Stipendium erhalten, meldete am Samstag die Zeitung The Boston Globe – das ist fast die Hälfte derjenigen, die nächstes Jahr in Germanistik ihren Bachelorabschluss am Boston College machen werden!! Ein einsamer Rekord.

Das Geheimnis für diesen Erfolg ist dem Globe-Bericht zufolge hauptsächlich im Engagement des Fachbereichsvorsitzenden Prof. Michael Reseler zu suchen: Der Experte für Artusepik und mittelhochdeutsche Klassik begeistert seine Studenten bereits bei der ersten Begegnung von der Möglichkeit eines Deutschlandstudiums mittels Fulbright-Stipendium und weiß genau, mit welchen Tricks sich das Maximum aus den Fördertöpfen herausholen lässt. Zum Beispiel rät er davon ab, als Wunschstudienort Berlin anzugeben, weil dort sowieso alle hinwollen. Bessere Chancen haben Bewerber, die in den ostdeutschen Ländern forschen möchten, die wegen ihrer kommunistischen Vergangenheit für weitaus weniger Amerikaner attraktiv sind. Außerdem muss man sein Forschungsprojekt so ausrichten, dass es sich ausschließlich vor Ort in Deutschland durchführen lässt. Auch Reseler selbst musste sich dieses Jahr mächtig ins Zeug legen: Für die letzte Bewerberrunde hatte er 18 Empfehlungsschreiben zu verfassen, von denen keines dem anderen gleichen durfte, denn schließlich werden alle von demselben Auswahlkomitee gelesen. Hoffen wir, dass den Stipendiaten in Deutschland weniger antiamerikanische Vorurteile entgegenschlagen als vielen ihrer Landsleute.

Schüleraustausch USA: Eine deutsche Spezialität

Schüleraustausch ist ja eigentlich nicht mein Thema im TransatlanTicker, aber die Zahlen, die der Council on Standards for International Educational Travel (CSIET) jetzt veröffentlicht hat, fand ich doch verblüffend genug, um sie hier kurz vorzustellen. Dass unter deutschen Schülern seit langer Zeit ein anhaltend großes Interesse daran besteht, ein Schuljahr an einer amerikanischen High School zu verbringen, ist kein Geheimnis. Fast jede(r) dürfte sich aus der eigenen Schulzeit an Mitschüler erinnern, die während der 11. Klasse in den USA waren. Auch während meiner Zeit als Bildungsreferent im Amerika Haus Berlin habe ich viele Gespräche mit Eltern und Schülern zu diesem Thema geführt. Nach dem 11. September 2001 ist die Zahl der Austauschschüler zunächst etwas eingebrochen, und in den Medien waren nach Beginn des Irakkrieges Berichte über antideutsche Ressentiments zu lesen, mit denen einige Austauschschüler in den USA zu kämpfen hatten. Inzwischen hat sich das alles wieder normalisiert, und die Zahl der deutschen Austauschschüler hat wieder ihr altes Niveau erreicht. Im laufenden Schuljahr sind es laut CSIET-Bericht 8.129 Deutsche, die für ein halbes oder ganzes Jahr eine US High School besuchen. Deutschland ist damit unangefochten das Entsendeland Nummer Eins im Bereich Schüleraustausch. Auf Platz 2 folgt Brasilien, das in diesem Jahr 2.252 Schüler in die USA geschickt hat, gefolgt von Südkorea auf Platz 3 mit 1.804 Schülern.

Mit anderen Worten: Der Schüleraustausch mit den USA – der ja im Grunde gar kein Austausch im wörtlichen Sinne ist, da viel weniger Amerikaner ein Schuljahr im Ausland verbringen – wird von den Deutschen auf beeindruckende Weise dominiert. Knapp ein Drittel aller ausländischen Schüler, die gegenwärtig eine amerikanische High School besuchen, kommt aus Deutschland. So erklärt sich auch, warum das Thema Schüleraustausch bei internationalen Konferenzen und Fortbildungen, an denen ich beteiligt war, nie eine Rolle gespielt hat: In anderen (auch europäischen) Ländern, ist das Interesse daran relativ gering, während sich bei uns mit mehr als 70 Austauschorganisationen ein riesiger Markt um diese interkulturelle Erfahrung herum gebildet hat, der Medien, Verbraucherschutz und den Gesetzgeber auf den Plan ruft. Das Alles ist mir selbstverständlich nicht neu, aber die Deutlichkeit der Zahlen im internationalen Vergleich hat mich doch überrascht.

Die interessante Frage ist nun: Warum ist das Interesse unter deutschen Schülern an einem Schuljahr in den USA (oder allgemein im Ausland) so deutlich höher als bei Schülern in anderen Ländern? Sind viele Deutsche schon in jungen Jahren abenteuerlustiger und neugieriger auf fremde Kulturen als ihre Altersgenossen im Ausland? Oder ist Deutschland infolge der Nachkriegszeit noch immer so stark von amerikanischer Kultur und dem American Way of Life begeistert, dass viele Schüler Land und Leute so früh wie möglich mit eigenen Augen sehen und erleben möchten? Die Faszination, in eine andere Kultur „einzutauchen“ und seinen Horizont zu erweitern, kann ich sehr gut nachvollziehen, schließlich habe ich selbst (als Student) ein Jahr in den USA gelebt. Aber warum scheint diese Faszination auf deutsche Schüler ungleich stärker zu wirken als auf Franzosen, Spanier oder zum Beispiel Inder, die zwar gegenwärtig als Top-Nation mit mehr als 76.000 Studierenden in den USA vertreten sind, aber nur mit 68 Schülern? Liegt es vielleicht gar nicht an der unterschiedlichen Mentalität der Schüler, sondern an den jeweiligen Schulstrukturen, die anders als in Deutschland einen längeren Auslandsaufenthalt gar nicht zulassen? Oder sind es die hohen Kosten? Da ich kein Fachmann auf diesem Gebiet bin, habe ich leider auch keine gut belegten Erklärungen für dieses hochinteressante interkulturelle Phänomen. Vielleicht weiß jemand aus der Praxis besser Bescheid? Comments most welcome.

Partnerschaft: FH Erfurt und Temple University

Studierende der Fachhochschule Erfurt und solche, die es werden wollen, haben in Kürze die Möglichkeit, einen Teil ihres Studiums in den USA zu absolvieren: Seit kurzem gibt es ein neues Kooperationsabkommen der FH mit der in Philadelphia ansässigen staatlichen Temple University. Die Zusammenarbeit soll sich auf verschiedene Bereiche erstrecken, wozu auch der Austausch von Studierenden und Dozenten gehört. Bereits im kommenden Wintersemester 2006/2007 sollen die ersten Austauschstudierenden im Bereich Sozialwesen nach Philadelphia geschickt werden.

Parlamentarisches Patenschaftsprogramm: USA-Praktika für junge Berufstätige

Beim Stichwort Parlamentarisches Patenschaftsprogramm (PPP) denken die meisten wahrscheinlich an das Thema Schüleraustausch. Tatsächlich wird im Rahmen dieses Stipendienprogramms, das seit 1983 gemeinsam vom Deutschen Bundestag und vom amerikanischen Kongress finanziert wird, jedes Jahr 300 Schülerinnen und Schüler ein einjähriger Aufenthalt an einer amerikanischen High School ermöglicht. Die Mitglieder des Bundestages übernehmen dabei eine Patenschaft für eine Schülerin oder einen Schüler aus ihrem Wahlkreis.

Weniger bekannt ist möglicherweise die Tatsache, dass jährlich auch 100 junge Berufstätige im Rahmen dieses Programms gefördert werden und auf diese Weise erste Erfahrungen in der amerikanischen Arbeitswelt sammeln können. Sie besuchen während ihres 12monatigen Aufenthalts zunächst ein Community College oder eine vergleichbare Bildungsstätte und können anschließend Praktikum in einem amerikanischen Betrieb absolvieren, den sie selbst vorschlagen können. Der Neue Wiesentbote berichtete kürzlich von Carolin Leuthäußer aus dem oberfränkischen Hetzles, die als PPP’lerin unter anderem in einer Arztpraxis jobbte und ein sechswöchiges Praktikum bei einem Kongressabgeordneten in Washington D.C. absolvierte. Lesens- und nachahmenswert!

Stipendien für Praktika bei Menschenrechts- organisationen in New York und Europa

Die in New York ansässige Stiftung Humanity in Action hat sich der Stärkung der Rechte von ethnischen und religiösen Minderheiten verschrieben, die nach ihrer Ansicht bis heute weder in den USA noch in Europa als selbstverständlich und unhintergehbar angenommen werden können. Um auch den Widerstand nachwachsender Generationen gegenüber alter und neuer Intoleranz zu wecken und ihren Einsatz für demokratische Werte zu fördern veranstaltet die Stiftung im Sommer transatlantische Fortbildungsprogramme für ausgewählte Studierende aus Dänemark, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Polen und den USA.

Das Programm in den USA findet vom 1. Juli bis zum 5. August 2006 in New York statt, wo jeweils 20 Stipendiaten aus den USA und Europa zusammentreffen, um sich mit historischen und aktuellen Beispielen von Diskriminierung zu beschäftigen und die politischen, rechtlichen, sozialen und kulturellen Instrumente kennen zu lernen, mit denen Betroffene und Aktivisten sich dagegen zur Wehr setzen können. Im Anschluss daran werden die europäischen Teilnehmer für Praktika an eine Reihe von NGOs in New York und San Francisco vermittelt, die bis zum 6. Oktober dauern. Sechs der Amerikaner kommen zu einem Praktikum bei einer Menschenrechtsorganisation nach Berlin.

In Europa finden vom 30. Mai bis zum 5. Juli 2006 ähnliche Programme in Amsterdam, Berlin, Kopenhagen, Paris und Warschau statt, bei denen ebenfalls Stipendiaten aus den entsprechenden Ländern und den USA zusammen kommen. Der Bewerbungsschluss für beide Programme ist der 9. Januar 2006 (USA) bzw. der 31. Januar 2006 (Europa). In Deutschland bewerben können sich Studierende an deutschen Hochschulen. Die Auswahl erfolgt auf der Basis der eingereichten Bewerbungsunterlagen, zu denen unter anderem ein Essay und ein Aktionsplan gehören, und eines persönlichen Interviews bei der deutschen Niederlassung von Humanity in Action in Berlin.

Maschinen- und Automobilbau: deutsch-amerikanisches Austauschprogramm für Fachhochschulen in Baden-Württemberg

Dank des Aufstiegs von Michael Moore zum populären Chefkritiker der amerikanischen Regierung und seines Doku-Erstlings „Roger & Me“ ist das Städtchen Flint in Michigan auch außerhalb der USA nicht mehr nur eingefleischten Automobilbaukennern ein Begriff. Aus eigener Anschauung dagegen kennt man die ehemalige General Motors-Hochburg hierzulande insbesondere in Baden-Württemberg, wo es seit mittlerweile elf Jahren ein erfolgreiches Austauschprogramm zwischen ausgewählten Fachhochschulen und der in Flint ansässigen Kettering University gibt, die in den 90er Jahren aus dem General Motors Institute Engineering & Manufacturing hervorgegangen ist und in den USA trotz des ökonomischen Niedergangs der Stadt nach wie vor als die Ingenieur-Schmiede für den Maschinen- und Automobilbau gilt.

Im Rahmen dieses bundesweit einmaligen Austauschprogramms können jährlich rund 100 Studierende der Fachhochschulen in Reutlingen, Esslingen, Ulm, Konstanz und bald auch Furtwangen drei Trimester in den Bereichen Automotive Engineering, Mechanical Engineering, Business Management, Industrial Engineering sowie Electrical und Computer Engineering an der amerikanischen Partnerhochschule verbringen. Die Studiengebühren von immerhin mehr als 10.000 US-Dollar pro Term werden den deutschen Studierenden erlassen. Im Gegenzug finanziert das Wissenschaftsministerium derzeit rund 75 amerikanischen Kettering-Studierenden ein Studienjahr in Baden-Württemberg. Die Stuttgarter Zeitung hat kürzlich anlässlich eines Besuchs des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger in Flint mit einigen der aktuellen Programmteilnehmer über ihre Erfahrungen in den USA gesprochen. Lesenswert.

:: TransatlanTicker ::

Wer schreibt hier?

Willkommen beim TransatlanTicker! Ich heiße Carsten Bösel und bin als Autor, Übersetzer und unabhängiger Studienberater mit Schwerpunkt USA und Kanada tätig. Auf dieser Seite blogge ich regelmäßig über Neuigkeiten aus der nordameri- kanischen Hochschulszene: Studiengänge, Stipendien, Bewerbungstipps, Sprach- und Eignungstests, Postdoc-Stellen, Campusleben und vieles mehr. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und Kommentare!

Mehr über meine Arbeit:

TransatlanTicker als RSS-Feed abonnieren!

xml version of this page

Suche im TransatlanTicker

 

Beliebteste Einträge

Kontakt

Status

Online seit 1028 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 3. Jul, 10:41

kostenloser Counter