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Hochschulportraits

Links und grün: Oberlin College, Ohio

Am Rande der Jahreskonferenz des Berufsverbandes OACAC in Michigan hatte ich im Juli 2008 Gelegenheit, einige Hochschulen im US-Staat Ohio zu besuchen. Wie andere Staaten im Mittleren Westen hat auch Ohio eine beeindruckende Anzahl hervorragender Liberal Arts Colleges vorzuweisen – das sind zumeist kleine, private Hochschulen, die sich auf die Bachelorausbildung konzentrieren und dabei einen breiten interdisziplinären Ansatz verfolgen, der die umfassende Förderung des Wissens und der Kreativität in mehreren Fächern zum Ziel hat. Heute in der dritten und letzten Folge dieser kleinen Reihe: das Oberlin College.

Johannes Friedrich Oberlin (1740-1826) war ein evangelischer Theologe und Sozialreformer, der in einer verarmten Gemeinde in den Vogesen tätig war. Bildung und Ausbildung gehörten zu seinen Lebensthemen, und mit seinem wegweisenden sozialpädagogischen Wirken eröffnete er auch Frauen den Einstieg in die anerkannte Berufswelt. Nach dem Elsässer Pfarrer sind weltweit zahlreiche Einrichtungen zur Ausbildung von Kindern benannt, und auch die US-Kleinstadt Oberlin einschließlich der dort ansässigen Hochschule trägt seinen Namen: Oberlin College, die dritte und letzte Station auf meiner Campustour durch Ohio, gilt als eine der progressivsten und anspruchsvollsten Hochschulen der USA. Unter den rund 2.800 Studierenden wimmelt es nur so vor sozialen Aktivisten, Querdenkern und quirligen Querulanten. Gleichzeitig bringt Oberlin mehr hochkarätige Nachwuchswissenschaftler hervor als jedes andere amerikanische Liberal Arts College und beherbergt nebenbei auch noch eines der besten Musikkonservatorien des Landes.

fearlessDer radikale Bruch mit Konventionen hat an Oberlin Tradition: Zu Zeiten der Sklaverei gewährte die 1833 gegründete Hochschule geflohenen Schwarzen Unterschlupf; viele Absolventen waren glühende Abolitionisten, die durch den amerikanischen Süden zogen, um Sklaven bei der Flucht zu helfen. Lange vor dem amerikanischen Bürgerkrieg war Oberlin die landesweit erste und einzige Hochschule, die farbige Bewerber zum Studium zuließ und gleichfalls die erste, die akademische Grade an Frauen verlieh. Gemischtgeschlechtliche Studentenwohnheime gab es 1970 zuerst an Oberlin, was dem LIFE Magazine damals sogar eine Titelgeschichte [pdf] wert war. Bis heute zieht die Hochschule Studierende an, die intellektuell vielseitig interessiert, risikofreudig und sozial engagiert sind. Zu den Absolventen zählen Ex-Hippies wie Jerry Greenfield, Mitbegründer der Eismarke "Ben & Jerry's", genauso wie der ehemalige Amnesty International- Chef Bill Schulz sowie gleich drei Nobelpreisträger aus Physik und Medizin.

Klassik und Jazz am Konservatorium

Unser Rundgang beginnt jedoch zunächst im Oberlin Conservatory of Music, das zu den ältesten in den USA zählt. Es ist zudem das einzige, das an ein reguläres College angeschlossen ist und seine jungen Musiker verpflichtet, auch Kurse aus den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften zu belegen, um den doppelten Abschluss Bachelor of Arts plus Bachelor of Music zu erwerben, der so etwas wie ein Markenzeichen der Hochschule ist. Dank des Konservatoriums können Studierende und Hochschullehrer an Oberlin jährlich mehr als 400 Live-Konzerte erleben - höchst erstaunlich für eine Kleinstadt im Mittleren Westen. Der abgelegene Standort der Hochschule wirke zwar auf interessierte Nachwuchsmusiker zunächst oft ein wenig abschreckend, verrät uns Michael Manderen, der am Oberlin Konservatorium die Zulassung leitet und selbst klassische Gitarre und Laute unterrichtet - schließlich liegen alle anderen US-Konservatorien in großen Städten mit vielerlei Möglichkeiten zum Auftreten und Kontakte knüpfen.

oberlinconservatory"Aber bei uns können sich die Studierenden in aller Ruhe darauf konzentrieren, die Grundlagen ihres Instruments zu erarbeiten," gibt Manderen zu bedenken. "Andere Konservatorien bieten vielleicht mehr Superstars, aber die sind häufig nur Gastdozenten. Die Professoren an Oberlin dagegen sind Vollzeit engagiert und ermöglichen eine langfristige, vertiefte Zusammenarbeit. Und bei 400 Konzerten im Jahr bieten sich für alle Musiker genügend Gelegenheiten, um Bühnenerfahrung zu sammeln." Und so ist die Konkurrenz um die rund 600 Studienplätze groß: Nur ein knappes Viertel der Bewerber wurden in diesem Jahr am Konservatorium angenommen. Besonders begehrt sind die Fächer Gesang, Violine und Klavier. Aber auch der Jazz ist stark vertreten: Die Bauarbeiten für die brandneue Jazzfakultät, die durch eine private Rekordspende ermöglicht wurde und ab Herbst 2009 die größte und modernste in ganz Nordamerika sein wird, haben vor kurzem begonnen. Wer sich Chancen auf eine Zulassung am Konservatorium ausrechnet, sollte eine hochwertige DVD oder CD mit konstrastierenden Stücken aus verschiedenen Epochen aufnehmen und den persönlichen Kontakt zu Dozenten und Zulassungspersonal suchen, empfiehlt Manderen. Oder besser noch: zum Vorspielen nach Ohio kommen.

Spitze im Umweltschutz

Beim Spaziergang über den hübschen Campus fällt vor allem das Allen Memorial Art Museum ins Auge, das bisweilen in einem Atemzug mit den Kunstmuseen an Harvard und Yale genannt wird. Zurzeit läuft unter dem Titel "Aux Barricades!" z.B. eine Ausstellung mit Plakaten der französischen Studentenbewegung aus dem Jahr 1968. Im blumenumrankten Innenhof mit rotem Ziegelsteinpflaster und dem Springbrunnen in der Mitte lässt es sich aushalten. Auch sonst bietet das weitläufige Hochschulgelände viele grüne Flächen zum Ausruhen, Diskutieren oder Leute treffen. "Es ist ziemlich schwer, über den Campus zu laufen und sich nicht von einem Frisbee-Spiel ablenken zu lassen, im Winter beim Bau einer Schneeburg mitzuhelfen oder anderen Studenten beim Improvisationstanz zuzusehen", erklärt Kurt Isaacson, ein Musikstudent, der uns über den Campus führt.

Grün ist an Oberlin jedoch nicht nur der Campusrasen: Wie man es von einem progressiven College erwarten würde, spielen die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit eine bedeutende Rolle. Dass Energiesparen, Bio-Essen und CO2-Neutralität, kurz: "Going Green", an immer mehr amerikanischen Hochschulen im Vormarsch sind, war neulich sogar bei SPIEGEL Online nachzulesen. Doch wie schon so oft in seiner Geschichte ist Oberlin auch hier Vorreiter: Das Öko-Magazin Plenty kürte die Hochschule im September zum US-College mit dem "grünsten Gewissen". Die Studierenden können im Internet jederzeit ihren aktuellen Energiekonsum abfragen, alle Studentenwohnheime überwachen im Minutentakt ihren Strom- und Wasserverbrauch, und in den Gemeinschaftsräumen gibt es sogenannte Energy Orbs -- das sind runde Lampen, die grün glühen, sobald das Wohnheim weniger als 50% seines durchschnittlichen Energieverbrauchs erreicht und rot, wenn es mehr gerade mehr als 50% darüber liegt, sowie alle möglichen Farbschattierungen dazwischen.

oberlin3Noch weiter gingen einige Bachelorstudenten mit ihrem Projekt SEED (Student Experiment in Ecological Design), bei dem sie mit finanzieller Unterstützung der Hochschule ein renovierungs- bedürftiges Haus auf dem Campus umweltgerecht herrichteten und anschließend selbst einzogen. Seitdem wird in der Öko-WG strengstens auf sparsame Energieverwendung geachtet und selbst im kalten Ohio-Winter lieber noch ein Pulli mehr angezogen, als die Heizung anzudrehen. Mit dem verbrauchten Duschwasser wird anschließend die Toilette gespült. Beeindruckend ist auch das neue Gebäude der Fakultät für Umweltwissenschaften, das hinsichtlich der Energieversorgung komplett autark ist, viel mit natürlichem Licht arbeitet und sogar das Abwasser intern reinigt, um es in den gebäudeeigenen Kreislauf zurückzuführen. In der Lobby lagern sinnbildlich kistenweise alte Glühlampen, die die Studierenden überall auf dem Campus herausgeschraubt und gegen Energiesparlampen ausgetauscht haben (Foto). Angesichts solcher ökologischer Innovation dürfte sogar jedem Bio-Besserwisser aus Europa die Spucke wegbleiben.

Auch der 2002 eingeweihte, brandneue Science Center, der Labore und Seminarräume für alle Naturwissenschaften unter einem Dach vereint, setzt Maßstäbe in modernster Ausstattung und interdisziplinärer Zusammenarbeit. Die naturwissenschaftliche Ausbildung in Chemie, Physik, Biologie und den Neurowissenschaften ist seit jeher eine der ganz großen akademischen Stärken des Oberlin College. Seit den zwanziger Jahren hat die Hochschule regelmäßig mehr promovierte Naturwissenschaftler hervorgebracht als jede andere US-Hochschule, die sich wie Oberlin hauptsächlich auf die Bachelorausbildung konzentriert. Dass die Oberlin-Absolventen so gut auf die Bewerbung an den besten Graduate und Medical Schools des Landes vorbereitet sind, liegt nicht zuletzt an den zahlreichen Möglichkeiten für erste eigene Forschungsarbeiten, die ihnen bereits während des Bachelorstudiums an Oberlin geboten werden. Pflichtkurse für Erstsemester gibt es keine, aber alle Studierenden müssen unabhängig vom späteren Hauptfach in den ersten Semestern eine Auswahl an Kursen aus den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften belegen.

Stipendien für Ausländer

Um die Zulassung zum Studium herrscht große Konkurrenz, auch unter den internationalen Bewerbern: In diesem Jahr wurden von rund 1000 Bewerbungen aus dem Ausland lediglich 65 akzeptiert. Diese geringe Quote erklärt sich vor allem dadurch, dass Oberlin College zu den wenigen US-Hochschulen gehört, die auch ausländischen Bewerbern garantieren, ihnen den Teil der Studienkosten, den sie nicht aus eigener Tasche bezahlen können, mithilfe von Stipendien, Darlehen und Arbeit auf dem Campus gegenzufinanzieren. Anders ausgedrückt: Wer zugelassen wird und aus sehr bescheidenen Verhältnissen kommt, erhält ein Vollstipendium. Da die finanziellen Mittel, die der Hochschulverwaltung zur Förderung internationaler Studenten zur Verfügung stehen, jedoch begrenzt sind, schaut sich das Zulassungsgremium sehr genau an, welche Bewerber wie viel Zuschuss benötigen. Das heißt: Wer auf ein Vollstipendium angewiesen ist, sollte schon ein Kandidat sein, um den sich alle Hochschulen reißen: mit herausragenden Noten und Testergebnissen, brillanten Referenzen und hohem außerschulischen Engagement -- ansonsten wird Oberlin dieses Geld eher verwenden, um zwei oder drei andere gute Bewerber zu finanzieren, die mehr aus eigenen Mitteln beisteuern können. Die obligatorische Bewerbungsgebühr immerhin wird allen Bewerbern aus dem Ausland erlassen.

oberlin2Bei unserer Abschlussrunde mit Vertretern verschiedener Fachbereiche und Präsident Marvin Krislov geht es noch einmal um die Frage, welche Studierenden sich an Oberlin mit seiner linksliberalen Atmosphäre und dem anspruchsvollen Kursprogramm am ehesten wohlfühlen würden. "Sie sollten charakterliche Reife besitzen, intellektuelle Neugier mitbringen, Freude am Hinterfragen von Konventionen haben und sich für eine Sache begeistern", sagt Charles Grim, der für die Zulassung internationaler Studenten zuständig ist. Aber auch konservativ eingestellten Studenten könnte es Spaß machen, solange sie bereit sind, sich auf Diskussionen einzulassen, wie sie an Oberlin an der Tagesordnung sind. Wer dagegen vor allem anwendungsorientiertes und praxisrelevantes Wissen für den Berufseinstieg erwerben möchte, sollte Oberlin fern bleiben, empfiehlt Englischprofessor Nick Jones: "Die Studierenden sind hier, um sich geistig zu betätigen und ihren Intellekt zu schärfen, nicht um etwas Praktisches zu lernen."

Am Ende unseres Besuchs gibt es noch für jeden ein T-Shirt mit dem aktuellen Oberlin-Slogan: "we are oberlin. fearless". Mit dieser Marketingkampagne soll 16- und 17jährigen vermittelt werden, worum es bei Oberlin geht: Risikobereitschaft, Innovation und Nonkonformismus in Wissenschaft und Gesellschaft. Doch Oberlin wäre nicht Oberlin, wenn es um diesen Slogan nicht heftige interne Diskussionen gegeben hätte, verrät Präsident Krislov. Darf eine kapitalismuskritische, um stetige Ausdifferenzierung bemühte Hochschule wirklich mit so einem plakativen, effekthascherischen Slogan, der noch dazu nach Persiflage und Parodie schreit, auf Studentenfang gehen? Jedesmal, wenn ich das T-Shirt daheim in Berlin anziehe, sorge ich jedenfalls für Neugier und Gesprächsstoff: Ob "oberlin" jetzt der neue Trendbegriff für Ost-Berlin sei? Oder ein neuer Club? Dass dahinter ein ziemlich cooles College in Ohio steckt, wusste (bislang) niemand. Dass DAHINTER nun wiederum ein furchtloser Elsässer Pfarrer und Bildungsreformer aus dem 18. Jahrhundert steckt, ist wahrscheinlich selbst den Oberlinern nicht immer bewusst.

>> Folge 1: Kenyon College
>> Folge 2: The College of Wooster

"Das beste College weit und breit": The College of Wooster, Ohio

Am Rande der Jahreskonferenz des Berufsverbandes OACAC in Michigan hatte ich im Juli 2008 Gelegenheit, einige Hochschulen im US-Staat Ohio zu besuchen. Wie andere Staaten im Mittleren Westen hat auch Ohio eine beeindruckende Anzahl hervorragender Liberal Arts Colleges vorzuweisen – das sind zumeist kleine, private Hochschulen, die sich auf die Bachelorausbildung konzentrieren und dabei einen breiten interdisziplinären Ansatz verfolgen, der die umfassende Förderung des Wissens und der Kreativität in mehreren Fächern zum Ziel hat. Heute in Folge 2 dieser kleinen Reihe: das College of Wooster.

Über das private College of Wooster in Wooster, Ohio wusste ich lange Zeit wenig mehr, als dass es irgendwo auf dem Land liegt und die Anfangsbuchstaben passenderweise das Wort COW ergeben. Selbst dies hätte ich mir kaum gemerkt, wenn mir nicht ein Vertreter der Hochschule vor zig Jahren auf einer Konferenz in Zypern mal eine kleine Gummi-Kuh mit dem Namenszug der Hochschule geschenkt hätte, die man bei Stresssituationen oder zur Lockerung der Handmuskulatur kräftig durchkneten konnte. Das Tierchen mit dem treuen Blick stand lange auf meinem Schreibtisch und hat mir - bis zum porösen Kollaps, fürchte ich - prima Dienste geleistet. (Was nicht heißen soll, dass ich ständig von Stress und Rheuma geplagt bin.)

COWlightAnsonsten hat das College of Wooster mit Rindviechern herzlich wenig am Hut. Wie ich inzwischen gelernt habe, handelt es sich bei dem auch unter Amerikanern wenig bekannten College um einen echten Geheimtipp, der in US-Hochschulkreisen einen hervorragenden Ruf genießt. Loren Pope, der vor kurzem verstorbene Patriarch unter den US-Studienberatern, zählt das College sogar zu den 40 Hochschulen, die ein Leben radikal verändern können: "Das College of Wooster ist eines der bestgehüteten Geheimnisse unter den US-Hochschulen," schreibt Pope, "und das erzähle ich meinen Klienten seit 30 Jahren. Seitdem ich weiß, was dort erreicht wird, kann ich bezeugen, dass es im ganzen Land kein besseres College gibt." Das ist starker Tobak in Richtung Harvard & Co, und ich bin gespannt, was nach unserem Rundgang von diesen Vorschusslorbeeren übrig bleibt.

Liberal Arts College aus Überzeugung

Als erstes fällt auf, wie groß und weitläufig der hübsche Campus für eine Hochschule mit nur rund 1.800 Studierenden ist. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass das College 1866 ursprünglich als University of Wooster gegründet wurde und über eine renommierte medizinische Fakultät sowie zahlreiche Forschungseinrichtungen verfügte. Anfang des 20. Jahrhunderts konzentrierte man sich jedoch mehr und mehr auf die Bachelorausbildung in den klassischen geistes-, sozial- und naturwissenschaftlichen Disziplinen. Unter großem Zwist zwischen Professorenschaft und Hochschulverwaltung gab Wooster schließlich 1915 die Privilegien einer Universität ab und wurde zum College of Wooster. Ein ziemlich einmaliger Vorgang in der Hochschulwelt.

COWkaukehallDie Gebäude, Einrichtungen und Wohnheime, die wir besichtigen, sind meist in gutem Zustand. Die zentral gelegene Kauke Hall (Foto) mit dem charakteristischen Torbogen (dem Wahrzeichen der Hochschule) wurde sogar erst vor kurzem umfangreich renoviert und mit moderner Seminarraumtechnologie ausgestattet. Besonders ins Auge fällt die seltsam geformte McGaw Chapel, eine komplett in weiß gehaltene Kirche, die halb oberirdisch, halb unterirdisch gebaut ist. Bei den Bauarbeiten Anfang der siebziger Jahre stieß man auf Felsgestein, so dass die Kirche nicht wie geplant fertiggestellt werden konnte. Am ziemlich amorphen Ergebnis scheiden sich die Geister, aber vom Dach hat man einen sehr schönen Blick auf das Städtchen Wooster.

Nicht dass sonderlich viel zu sehen wäre. Rund 100km südlich von Cleveland gelegen, hat Wooster mit seinen 25.000 Einwohnern kaum etwas für junge Leute zu bieten. Wer einen Tapetenwechsel braucht, fährt zu einem der umliegenden Colleges, zum historischen Warehouse District in Cleveland oder über die kanadische Grenze nach Windsor, wo es legale Spielcasinos und Alkohol ab 18 gibt. Ansonsten findet das soziale Leben überwiegend auf dem Campus statt: Es gibt zahlreiche studentische Gruppen und Aktivitäten, und jede(r) beteiligt sich an mindestens einer davon. Den größten Respekt genießt die "Pipe Band", ein Dudelsack-Spielmannszug in Kilts und Kniestrümpfen, der das schottische Erbe der Hochschule bei diversen Anlässen zelebriert. Alles also ganz nett soweit, aber was genau ist nun das Spektakuläre an dieser Hochschule?

Small is beautiful

Um Loren Popes überschwängliches Lob zu verstehen, muss man wissen, dass er die berühmten Ivy League Universitäten sehr kritisch beurteilte, was die Qualität ihrer Bachelorausbildung betrifft. Der ganze Hype um die Zulassung an einer dieser "Markenunis" sei völlig überzogen und schade der intellektuellen und sozialen Entwicklung junger Menschen, so Pope, zumal die Eliteunis oft genug nicht hielten, was sie versprechen: Häufig säßen die Studierenden anonym in Vorlesungen, die mitnichten von den Nobelpreisträgern gehalten werden, mit denen die Unis für sich werben, sondern von ihren Assistenten oder anderen Lehrbeauftragten. Die so wichtige Lehre komme zugunsten der prestigeträchtigen Forschung viel zu kurz. Stattdessen träfen in einem konkurrenzbeladenen Lernumfeld lauter Einser-Absolventen aufeinander, die sich vier Jahre später als Persönlichkeiten kaum nennenswert weiterentwickelt hätten.

sciencelibraryGanz anders an kleinen Hochschulen wie dem College of Wooster. Bei weniger als 2.000 Studierenden entsteht eine nahezu familiäre Atmosphäre, die optimale Betreuung und kooperatives Lernen ermöglicht. An einer Institution ohne Masterstudenten und Doktoranden können sich die Professoren zu 100% darauf konzentrieren, Bachelorstudenten in kleinen Kursen mit meist weniger als 20 Teilnehmern zu unterrichten. Die Lehre ist den Dozenten mithin keine lästige Pflicht, die sie vom lukrativen Forschen abhält, sondern echte Leidenschaft. "Es sind die Professoren, die dieses College ausmachen", erzählt uns eine Politikstudentin: "immer ansprechbar und extrem hilfsbereit." Neben Politikwissenschaft zählen vor allem Biologie, Chemie, Geologie sowie VWL und BWL zu den stärksten Fächern.

Leichter Einstieg, anspruchsvoller Abschluss

Dabei ist die Zulassung am College of Wooster alles andere als schwierig: Zwischen 70 und 80 Prozent aller Bewerber werden jedes Jahr genommen. Anders als an den Eliteunis, für die die Einser-Kandidaten Schlange stehen, studieren in Wooster also gute und sehr gute High School-Absolventen gemeinsam mit solchen, die in der Schule eher mäßige Noten hatten. Genau diese Mischung ist es, so Pope, die das Geheimnis des Erfolges ausmacht, denn wenn lauter Klassenbeste in einem Raum sitzen, traut sich bei Diskussionen niemand, die wichtigen Fragen zu stellen - aus Angst, es könnte eine "dumme" Frage sein. Ist die Lerngruppe dagegen gemischt, profitieren alle voneinander: die Stärkeren, weil andere die Fragen stellen, die sie selbst nie zu stellen wagen, und die Schwächeren, weil andere auf Lösungen kommen, die ihnen womöglich nicht so schnell eingefallen wären.

Der Erfolg dieses Modells kann sich sehen lassen: Wie viele andere kleine Liberal Arts Colleges bringt Wooster im Verhältnis zur Zahl der Studierenden mehr Nachwuchswissenschaftler hervor als so manche Forschungsuniversität. Dies ist umso erstaunlicher, als es eben nicht nur die Klassenbesten sind, die hier studieren. Die besondere Stärke des College of Wooster liegt folglich darin, auch in Bewerbern mit durchschnittlichen Schulnoten das akademische Potenzial zu erkennen und optimal zu fördern. Dazu gehören ein einjähriger, schreibintensiver Pflichtkurs zum wissenschaftlichen Arbeiten zu Beginn des Studiums, die enge Zusammenarbeit mit Professoren und natürlich das Aushängeschild der Hochschule: Independent Study (IS).

Aushängeschild: Independent Study

Während ihres gesamten letzten Studienjahres arbeiten am College of Wooster alle Bachelorstudenten intensiv an einer großen Abschlussarbeit, die die Krönung ihrer Studienzeit darstellt. Dieses Independent Study-Projekt geht weit über das hinaus, was an den meisten anderen US-Universitäten verlangt wird: Je nach Fachrichtung kann es sich dabei um eine rund 100-seitige wissenschaftliche Arbeit, eine Kunstausstellung oder eine Bühnenperformance handeln. Wichtig ist, dass die Arbeit eigenständig in enger Absprache mit dem persönlichen Betreuer erstellt wird und einen neuen Beitrag zur jeweiligen Disziplin liefert. Damit ist Independent Study in jeder Hinsicht einer deutschen Master-, Magister- oder Diplomarbeit ebenbürtig. Etwas Vergleichbares gibt es unter den US-Eliteuniversitäten eigentlich nur an Princeton.

13_fullDer Tag der Abgabe ist jedes Jahr Anlass zu einer großen Parade über das Hochschulgelände, bei der alle Studierenden, angeführt von der Pipe Band, gelbe "I did it!"-Sticker tragen, sich kostümieren und ihre Professoren abklatschen. (Foto). "Ein intellektuelles Mardi Gras", schwärmt Anne Gates, die an Wooster die ausländischen Studierenden betreut und uns einige von ihnen vorstellt. Das Independent Study-Konzept war neben der intensiven Betreuung und der unprätentiösen Atmosphäre für viele ein Grund, sich für Wooster zu entscheiden. "Hier kann man einfach man selbst sein", sagt beispielsweise Sheldon Masters, ein Jamaikaner, der in diesem Jahr als internationaler Botschafter fungiert und mit Präsentationen über seine Heimat für größeres Verständnis für kulturelle Vielfalt sorgen soll.

Kulturelle Vielfalt - "diversity" - ist allerdings bislang eher Mangelware, denn außer Masters gibt es nicht viele Studierende mit nicht-weißer Hautfarbe. Doch Grant Cornwell, der neue Präsident des College, will sich dieser Schwäche annehmen und hat das Thema Diversifizierung zur Chefsache gemacht. Harsche Kritik gibt es von den Studierenden außerdem für das System der Kursregistrierung, bei dem jeder Student per Lotterie eine Nummer zugelost bekommt und in der Reihenfolge dieser Nummer zur Kurseinschreibung antreten darf. "Dann laufen wir immer wie aufgescheuchte Hühner herum, um uns für Kurse anzumelden", sagt eine Studentin, "aber wenn ein Kurs voll ist, ist er voll, und man kann nichts mehr machen." Das dürfte Studierenden in Deutschland bekannt vorkommen.

homecoming_bandOb das College of Wooster auch eine attraktive Option für deutsche Abiturienten ist, ist schwer zu sagen. Ohne Frage ist Loren Pope zuzustimmen, dass hier Erstaunliches geleistet wird, insbesondere in der Förderung von Studierenden, die nicht schon zu Beginn des Studiums von ausgeprägter intellektueller Neugier angetrieben sind. Wer in der Schule überwiegend Dreier auf dem Zeugnis hat und dennoch ein anspruchsvolles Bachelorstudium in den USA absolvieren möchte, ist hier richtig. Schließlich lautet der Untertitel zu Popes Buch "40 schools you should know about even if you’re not a straight-A student". Ob das allerdings Gebühren von jährlich rund 40.000 US-Dollar wert ist, muss jeder für sich selbst beurteilen. Zwar gibt es einige Stipendien für internationale Studenten, doch sollte man in der Lage sein, mindestens die Hälfte aus eigener Tasche zu zahlen.

Nach einem ordentlichen Essen im Lowry Center, einer der beiden Mensen auf dem Campus, schaue ich noch kurz im Buchladen vorbei und finde zu meinem Entzücken zahlreiche fabrikneue Artgenossen meiner knetbaren Gummi-Kuh wieder. Eine nehme ich für meinen kleinen Sohn mit. Der muss zwar weder Stress abbauen noch die Handmuskulatur trainieren, hat aber ein ausgeprägtes Faible für Rindviecher. Ob er später ein COW-boy wird, muss sich zeigen.

>> Folge 1: Kenyon College
>> Folge 3: Oberlin College

Ländliche Idylle (nicht nur) für Literaten: Zu Besuch am Kenyon College, Ohio

Am Rande der Jahreskonferenz des Berufsverbandes OACAC in Michigan hatte ich im Juli 2008 Gelegenheit, einige Hochschulen im US-Staat Ohio zu besuchen. Wie andere Staaten im Mittleren Westen hat auch Ohio eine beeindruckende Anzahl hervorragender Liberal Arts Colleges vorzuweisen – das sind zumeist kleine, private Hochschulen, die sich auf die Bachelorausbildung konzentrieren und dabei einen breiten interdisziplinären Ansatz verfolgen, der die umfassende Förderung des Wissens und der Kreativität in mehreren Fächern zum Ziel hat. Heute in Folge 1 dieser kleinen Reihe: das Kenyon College.

"Kenyon is not near Uganda" heißt es selbstironisch auf einem der meistverkauften T-Shirts im Campusbuchladen des kleinen Kenyon College (1.600 Studierende) in Gambier, Ohio. In der Tat ist die Gefahr einer Verwechslung mit einem gewissen ostafrikanischen Staat gering, vor allem wenn man wie heute, mitten im Juli, Unterschlupf vor heftigen Regengüssen suchen muss. Dass der Standort der Hochschule sogar zum T-Shirt-Thema taugt, hat seinen guten Grund, denn das knapp 1.800 Einwohner zählende Dorf Gambier ist nicht nur nicht in der Nähe von Uganda, sondern ziemlich weit entfernt von allem, wofür junge Leute sich normalerweise interessieren. Ohios Hauptstadt Columbus ist rund eine Autostunde entfernt; dazwischen liegen sehr viel Wald und noch mehr Ackerland.

great_hallDiese Abgeschiedenheit ist Programm, seitdem das Kenyon College 1824 als erste private Hochschule Ohios gegründet wurde. Fern von allem urbanen Übel sollten die Studierenden, damals noch überwiegend angehende Theologen, ihren Studien nachgehen können. Dafür gab es einen Campus, der zu den schönsten in ganz Nordamerika gehört: Majestätisch auf einem Hügel gelegen und umgeben von uralten Bäumen, lässt die prächtige gotische Architektur unweigerlich an die großen Vorbilder in Großbritannien denken. Die Mensa in der 1929 erbauten Peirce Hall (Foto), neben dem historischen "Old Kenyon"-Gebäude eines der Wahrzeichen der Hochschule, hat es sogar in die engere Auswahl als potenzielle Hogwarts-Kulisse für die Harry Potter-Verfilmungen geschafft.

Tradition und Gemeinschaft

Dass Tradition am Kenyon College groß geschrieben wird, zeigt sich auch in der Fächerauswahl: Die klassischen Disziplinen aus den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften sind allesamt vertreten, doch praxisnahe und anwendungsorientierte Studiengänge wie Maschinenbau, Elektrotechnik oder BWL sucht man hier vergebens. Wer zum Studium nach Gambier kommt, sucht nicht das nötige Handwerkszeug zu Geld und Karriere, sondern die intellektuelle Herausforderung. Wissensdurst, Neugier und ein breit gefächertes akademisches Interesse kennzeichnen die meisten der rund 450 Studenten, die hier jedes Jahr ihr Studium beginnen. "Kenyon-Studenten leiden unter dem Liberal Arts-Fluch", sagt Beverly Morse, die seit mehr als zwei Jahrzehnten für die Zulassung ausländischer Studenten zuständig ist: "Sie interessieren sich für alles."

old_kenyonFür intensives Lernen - und damit ist in den USA immer auch das soziale Lernen gemeint - bietet Kenyon in seiner Abgeschiedenheit ideale Voraussetzungen: 99% des Soziallebens finden auf dem Campus statt, der von einer geradezu familiären Atmosphäre mit großem Gemeinschaftsgefühl geprägt ist. Mehr als zwanzig Studenten sitzen selten in einem Seminar, und jeder Neuankömmling bekommt einen Professor sowie einen Studenten aus den höheren Semestern als persönliche Betreuer an die Seite gestellt -- Verhältnisse, von denen deutsche Universitäten nur träumen können. Entsprechend hoch ist das Engagement, mit dem sich die Studierenden ins Campusleben einbringen. Wer möglichst anonym durchs Studium kommen möchte, ist hier falsch.

Hochburg für englischsprachige Literatur

Landesweit bekannt ist Kenyon vor allem als Hochburg für englischsprachige Literatur: Die berühmten US-Dichter Robert Lowell und Richard Wright haben hier ebenso studiert wie der Romancier E.L. Doctorow ("Ragtime", "Billy Bathgate"). Mit John Crowe Ransom lehrte von 1937 bis 1959 überdies einer der Mitbegründer der modernen Literaturtheorie an Kenyon, dessen Methode des close reading zur Interpretation literarischer Texte noch heute fester Bestandteil des Schulunterrichts auch in Deutschland ist.

Ransom gründete außerdem die Zeitschrift Kenyon Review, die zu den angesehensten Literaturzeitschriften der USA zählt und noch immer in Gambier verlegt wird. Das English Department ist mit Abstand der größte Fachbereich am College, doch auch den Studierenden anderer Fächer merkt man an, dass sie gerne lesen und schreiben. Die Wartelisten für Kurse in "Creative Fiction Writing" oder auch "Creative Non-Fiction Writing" sind lang. Weitere prominente Ehemalige sind der Schauspieler Paul Newman und der Comiczeichner Bill Watterson ("Calvin und Hobbes").

Bild1Aber auch für angehende Biologen, Chemiker, Physiker und andere Naturwissenschaftler stellt ein Studium an Kenyon eine hervorragende Vorbereitung auf eine spätere Promotion oder die Zulassung zum Medizinstudium dar. Während der Sommermonate bietet das Programm Summer Science dreißig besonders talentierten Nachwuchswissenschaftlern sogar die Gelegenheit, bereits während des Bachelorstudiums in enger Zusammenarbeit mit einem Professor echte Forschungserfahrung zu sammeln und erste Publikationen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu platzieren. Ein Privileg, das meistens für das Graduiertenstudium reserviert ist.

Wie stark die Naturwissenschaften an Kenyon wirklich sind, erkennt man unter anderem daran, dass die Studierenden regelmäßig zahlreiche der begehrten Goldwater-Stipendien abräumen, mit denen die US-Regierung besondere Leistungen in den Naturwissenschaften fördert. Gleiches gilt für die Dozenten: Physikprofessor Benjamin Schumaker zum Beispiel erhielt 2002 mit dem Quantum Communication Award eine der weltweit wichtigsten Auszeichnungen auf dem Gebiet der Quanteninformation.

Von Sachsen-Anhalt nach Ohio

Wie kaum anders zu erwarten, sind die meisten Kenyon-Studenten weiß und entstammen der oberen Mittelklasse. Während wir eine Regenpause nutzen und uns auf den Weg zur Brandi Recital Hall machen, wo uns eine Gruppe internationaler Studenten von ihren Erfahrungen an Kenyon berichten wird, frage ich mich, wie viele Deutsche sich wohl davon überzeugen ließen, statt in Massachusetts, Kalifornien, New York oder Florida vier Studienjahre in der ländlichen Einöde Ohios zu verbringen. Zu meiner eigenen Überraschung sind es derzeit sogar zwei.

Tina Ertel hat in Halle Abitur gemacht und war anfänglich trotz eines High School Aufenthaltes in der elften Klasse gar nicht an einem Studium in den USA interessiert. Vom Kenyon College hat die Leistungsschwimmerin erst erfahren, als ihr jetziger Trainer Jim Steen sie in Deutschland kontaktierte und ihr ein großzügiges Sportstipendium anbot, das rund 90% der Studienkosten von jährlich mehr als 40.000 US-Dollar abdeckt. Da die Schwimmteams von Kenyon seit mehr als zwei Jahrzehnten die Uni-Wettkämpfe in der Division III dominieren, lässt man sich leistungsstarken Nachwuchs gerne etwas kosten. Davon zeugt auch der brandneue, 70 Millionen Dollar teure Sportkomplex (Foto) mit seiner lichtdurchfluteten Architektur samt Schwimmbecken und Hallenlaufbahn: eine Augenweide für jeden Sportfan.

poolBei ihrer Entscheidung für Kenyon war der Sport jedoch eher zweitrangig, sagt Ertel, die Mathe und Kunst studiert und darüber nachdenkt, später ein Masterstudium in Architektur anzuschließen. "Es ging mir vielmehr um das Umfeld. Ich wollte nicht auf eine Uni mit 40.000 Studenten gehen, da wäre ich vermutlich total untergegangen. Aber in Gambier sind wir nur circa 1.600 Studenten, und da kennt fast jeder jeden. Mir macht das mehr Spaß. Natürlich ist es hart, weil die Klassen klein sind und man sich nicht verstecken kann. Aber letzten Endes ist es gut so, denke ich, dann bleibt man wenigstens am Ball."

Buchstäblich am Ball bleibt auch Felix Hoffmann, ein weiterer deutscher Student an Kenyon, der in der Fußballmannschaft der Hochschule spielt und sein Studium ebenfalls durch ein Sportstipendium finanziert. Ohne diese Förderung hätte seine Familie das teure USA-Studium nicht bezahlen können, und Hoffmann hätte wohl an der Sporthochschule Köln studiert, wo er bereits eingeschrieben war.

Von Kenyon hat er während seiner Zeit an einem New Yorker Internat erfahren: Einer seiner Lehrer hatte in Gambier studiert dort ebenfalls Fußball gespielt. Auch Felix Hoffmann schwärmt von der geringen Größe des Colleges, der familiären Atmosphäre, und der Überschaubarkeit des Campuslebens: "Mir gefällt einfach die Art und Weise, wie alles geregelt ist. Ich habe meine Kurse, mal früher, mal später, geh zum Training, erledige dies und das. Alles hat seinen geregelten Ablauf, und sehr viel kann man selbst beeinflussen. Zu tun gibt es immer etwas, denn an Hausaufgaben mangelt es bei weitem nicht."

Für ein Hauptfach hat er sich noch nicht entschieden. "Zurzeit sieht aber alles nach French Areas Studies und Anthropologie aus. Das Gute ist ja, dass man sich nicht wie in Deutschland mit seinem Studium gleich festlegen muss, sondern einem eine gewisse Zeitspanne bis zur Wahl des Studienfachs gestattet wird. Dies war ein weiterer Grund für mich, nach Kenyon zu gehen, da ich mir das Risiko eines Studienabbruchs aus Unzufriedenheit und den damit verbundenen Zeitverlust ersparen wollte."

Stipendien für besonders begabte Bewerber

Stipendien gibt es an Kenyon jedoch keineswegs nur für Sportler. "Die Hochschule stellt jedes Jahr Mittel im Wert von zehn Vollstipendien für internationale Studenten bereit", erläutert Bev Morse vom Akademischen Auslandsamt. Je mehr die Bewerber selbst zu ihrer Finanzierung beitragen können, desto mehr ausländische Studenten können von diesem Topf profitieren. Wer für die Zulassung an Kenyon und darüber hinaus für eine leistungsorientierte Förderung in Frage kommen will, sollte einen Notendurchschnitt von "gut" und besser vorweisen können und vom Persönlichkeitsprofil her zur Hochschule passen. Von allen Bewerbern wird momentan nur ein knappes Drittel angenommen.

CampusBei unserer Gesprächsrunde mit den Studierenden kommt unweigerlich die Frage auf, was ihnen am Kenyon College eher weniger gefällt. Nach langem Überlegen erzählt eine Studentin aus China, dass sie mit der US-Populärkultur und dem Tanzstil ihrer amerikanischen Kommilitonen nichts anfangen kann. Eine afroamerikanische Studentin aus Cleveland bemängelt, dass es noch mehr Angebote für Mitglieder der black community geben müsste. Das Mensaessen könnte besser sein, und einige Wohnheimzimmer sind auch nicht auf dem neuesten Stand der Technik. Schließlich ist es ein Student aus Saudi-Arabien, der das Offensichtliche anspricht: "Ja, manchmal ist es hier draußen auch ein bisschen langweilig." Aber dann stellt man halt selbst etwas auf die Beine, fügt er schnell hinzu, oder nimmt mal den Shuttlebus nach Columbus oder ins benachbarte Mount Vernon, um einen Film im Kino zu sehen.

Beeindruckend, diese Kenyon-Studenten, denke ich, als wir wieder in unseren Tourbus steigen: freundlich, engagiert, intellektuell, authentisch, begeisterungsfähig und offen für Neues. Kenyon College. Gambier, Ohio. Not near Uganda. Muss man sich merken. Inzwischen hat es auch aufgehört zu regnen.

>> Folge 2: The College of Wooster
>> Folge 3: Oberlin College

US-Campusführungen aus der Ferne: Online-Videos von College Motion

Keine Informationsbroschüre, kein Internetauftritt und keine noch so fundierten Empfehlungen von Studienberatern können einen so authentischen Eindruck vom Studium an einer bestimmten Hochschule vermitteln wie ein Besuch vor Ort. "Campus tours" oder "campus visits" sind deshalb in den USA oft fester Bestandteil des Programms bei der Auswahl von geeigneten Colleges und Universitäten. Man möchte schließlich den Ort, an dem man eventuell die nächsten vier prägenden Jahre seines Lebens verbringt, wenigstens einmal persönlich in Augenschein genommen haben. Damit die Nachwuchsstudenten samt elterlichem Anhang nicht planlos übers Gelände spazieren, bieten alle US-Hochschulen regelmäßig Führungen an, die meist von aktuellen Studenten der Unis geleitet werden: das wirkt glaubhafter.

Solche rund einstündigen Führungen, von denen ich selbst bereits zahlreiche erleben durfte, laufen meistens nach dem gleichen Schema ab: Der studentische Tour Guide läuft mit dem interessierten, aber in der Regel recht schweigsamen Grüppchen die wichtigsten Stationen auf dem Campus ab und muss dabei die bemerkenswerte Kunst beherrschen, gleichzeitig den Zuhörern zugewandt rückwärts zu laufen und unablässig wichtige Informationen und unterhaltsame Anekdoten über seine Hochschule zum Besten zu geben -- ohne dabei zu stolpern oder sich zu verhaspeln. Zu den Themen, die während einer Führung abgehandelt werden, gehört neben Informationen zum Studium an sich (beliebteste Fächer, Ausstattung von Labors und Bibliotheken, Größe der Vorlesungen, Verhältnis zu den Professoren, etc.) vor allem auch Wissenswertes zur Wohnheimunterkunft, zum Sozial- und Liebesleben, zu den sportlichen Attraktionen oder zur Sicherheit auf dem Campus.

collegemotion

Wenn die Wunschhochschulen nicht gerade in der Nähe des Heimatortes liegen, kostet so eine Campustour natürlich eine Menge Geld, das viele Familien nicht haben. Für Interessenten aus dem Ausland sind Besichtigungen vor Ort sogar noch kostspieliger und häufig schlicht nicht zu machen. Um auch College-Anwärtern mit knapper Reisekasse einen Campusrundgang zu ermöglichen, hat eine Gruppe von Studierenden am renommierten Amherst College nun eine Website mit eigens dafür produzierten Videos geschaffen, die kostenlos zugänglich sind: College Motion. Wie bei einer realen Führung werden in den kurzen Clips jeweils die wichtigsten Themen abgedeckt; zusätzlich kommen eine Reihe aktueller Bachelorstudenten zu Wort. Bisher gibt es Online-Führungen zu 12 Hochschulen im Nordosten der USA, darunter Amherst, Brown, Dartmouth, Tufts, Williams und Yale. Bis zum Ende des Jahres 2008 wollen die CollegeMotion-Macher die Zahl auf 50 Hochschulen erhöhen.

Wer sich für eines dieser Colleges interessiert, sollte sich die Clips auf jeden Fall einmal anschauen. Sie haben den großen Vorteil, von unabhängiger Seite produziert zu sein und nicht von der Marketing-Abteilung der jeweiligen Einrichtung. Ansonsten hätte man wohl nicht gerade zu Jahresbeginn bei bedecktem Himmel oder gar Regen gefilmt; und ein grüner Campus sähe sicher auch attraktiver als die unbelaubten Bäume, die im Film zu sehen sind. Aber so wirkt das Ganze immerhin authentisch. Auch die leichten Aussetzer bei der Wiedergabe sind zu verschmerzen. Nur das Erlebnis eines rückwärts laufend redenden Campusführers bleibt dem Betrachter verwehrt.

Alternativen zu Harvard & Co.

Dass es in den USA neben Harvard & Co inzwischen rund zwei Dutzend Universitäten gibt, die in punkto Qualität und Reputation mit den traditionellen Elitehochschulen absolut vergleichbar sind, war hier im Blog schon mehrfach zu lesen. Jetzt hat auch die ZEIT den Faden aufgenommen: Christine Brinck, die selbst schon in den USA geforscht hat, stellt in der heute erschienenen Ausgabe unter dem Titel Die Wundertüte einige Top-Einrichtungen aus "der zweiten Reihe der US-Hochschulen" vor (leider nicht online). Jede dieser Universitäten hat ein besonderes Profil:
  • Reed College: Das linksliberale Mekka für Jungintellektuelle im US-Staat Oregon war auch hier im Ticker schon einige Male Thema. Das College, das in manchen Kreisen noch immer den Ruf eines Hippie- und Kifferparadieses hat, macht auch deshalb von sich reden, weil es sich seit Jahren weigert, die Fragebögen auszufüllen, die die Zeitschrift US News & World Report jedes Jahr zum Erstellen ihrer Rankings verschickt.
  • University of Colorado in Boulder: "Gilt unter Insidern als Geheimtipp," schreibt Brinck, bleibt allerdings eine genaue Erklärung schuldig. Ganz großes Plus dieser riesigen Uni ist zweifellos ihre Lage in den Bergen mit mindestens 300 Sonnentagen im Jahr - ein Dorado für Skifahrer und Naturliebhaber. Die akademischen Stärken liegen hauptsächlich in den Naturwissenschaften.
  • Babson College in Massachusetts: Bietet einen starken Bachelorstudiengang in BWL (Bachelor of Business Administration). Was der allerdings in Deutschland wert ist, ist fraglich. Wer in den USA Business studieren will, sollte lieber für einen MBA rübergehen.
  • St. John’s College in Maryland: Ist bekannt für sein anspruchsvolles "great books"-Programm. Die Studierenden lesen in chronologischer Reihenfolge die Werke der großen Meister, von Platon über Tolstoi bis Einstein. Das hätte dem Literaten Matthew Arnold gefallen, an dessen berühmtem Ausspruch sich seit den 60er Jahren die Gemüter erhitzen: Das Ziel von Bildung müsse demnach sein, das Beste zu kennen, was jemals in der Welt gesagt und gedacht worden ist. Wer postmodern denkt, also mit der Vorstellung eines maßgebenden Kanons der Werke toter, alter, angelsächsisch-protestantischer Männer nicht allzu viel anfangen kann, ist hier eventuell an der falschen Adresse. Vielleicht aber auch nicht, denn das intellektuelle Klima bietet - ähnlich wie an Reed - viel Raum für kontroverse Diskussionen.
  • Claremont Colleges: ein Konsortium von fünf Hochschulen in Kalifornien mit unterschiedlicher Ausrichtung. Eines davon, Pomona College, hat die New York Times kürzlich als "New Ivy" gekürt.
  • Dass Christine Brinck auch das Deep Springs College in der kalifornischen Einöde erwähnt, zeigt dass sie sich auskennt, denn von dieser ziemlich skurillen Hochschule dürften in Deutschland bislang die wenigsten etwas gehört haben. An Deep Springs studieren ausschließlich Männer (insgesamt 26), und das ganze ist mehr eine Art asketische Selbsterfahrungsübung als ein klassisches Studium. Brinck schreibt: "Deep Springs ist zugleich College und Rinderfarm mit Alfalfa-Anbau und wird in studentischer Selbstverwaltung geführt. Die Studenten entscheiden, wer aufgenommen wird, stellen Professoren an, kochen, putzen, und diskutieren den ganzen Tag. Jeder Student muss 25 Stunden in der Woche auf der Farm oder im Haus arbeiten. (…) Die meisten hätten auch auf die Elite-Unis der Ost- und Westküste gehen können, wollten aber lieber für zwei Jahre etwas anderes ausprobieren, das Traktor fahren, Kühe schlachten und Dauerdiskurs über Camus wie Euklid einschließt. Deep Spring kostet die Studenten fast nichts. Nach zwei Jahren werden die Absolventen mit Kusshand von Oxford oder Harvard genommen, wo sie ihren Bachelor machen." Das stimmt. Andererseits gelten die Deep Springs Studenten als hyperintelligente Exzentriker, denen es später oft schwer fällt, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Sicher nicht jedermanns Sache.

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Willkommen beim TransatlanTicker! Ich heiße Carsten Bösel und bin als Autor, Übersetzer und selbstständiger Studienberater mit Schwerpunkt USA und Kanada tätig. Auf dieser Seite blogge ich regelmäßig über Neuigkeiten aus der nordameri- kanischen Hochschulszene: Studiengänge, Stipendien, Bewerbungstipps, Sprach- und Eignungstests, Postdoc-Stellen, Campusleben und vieles mehr. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und Kommentare!

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