Interkulturelles

Ansehen der USA in Deutschland: Bericht aus Berlin

In keinem Land Europas haben die USA zurzeit ein so schlechtes Image wie in Deutschland. Innerhalb von nur sechs Jahren ist die Sympathie der Deutschen für den ehemals wichtigsten Verbündeten drastisch gesunken: Hatten im Jahr 2000 noch fast 80 Prozent der Bevölkerung eine positive Meinung von den USA, waren es dem letzten Pew Global Attitude Survey zufolge 2006 nur noch 30 Prozent. Ein Großteil der Ablehnung dürfte Präsident Bush und dem extrem unpopulären Irakkrieg zuzuschreiben sein, aber auch die häufig einseitige und antiamerikanische Klischees bedienende Berichterstattung vieler deutscher Medien verstärkt diesen, wie ich finde, bedauerlichen Trend. Wie es um das Bild der USA in Deutschland steht, skizzierte vor ein paar Tagen ein Bericht im NPR Radio, in dem unter anderem Mark Donfried vom institute for cultural diplomacy und Alexander Longolius, Vorstandsvorsitzender der Berliner Checkpoint Charlie Stiftung, zu Wort kommen. Gemeinsam mit mehreren Mitstreitern machen sich die beiden seit mehr als einem Jahr für eine Wiederbelebung des Berliner Amerika Hauses als transatlantische Kultur- und Begegnungsstätte stark - bislang allerdings noch ohne Erfolg, da das Finanzierungskonzept Lücken hat und der Liegenschaftsfonds das Haus nun doch an einen Investor verkaufen möchte. Schade, denn der Gedanke, an meine alte Wirkungsstätte an der Hardenbergstraße zurückzukehren, wäre auch für mich äußerst reizvoll. Wer weiß, vielleicht ist ja der NPR-Bericht in den USA an die richtigen Zuhörer geraten, die sich gerne im Sinne des deutsch-amerikanischen Dialogs engagieren möchten?

Empfehlungsschreiben auf amerikanisch

Sie gehören in Nordamerika zu jeder Bewerbung um einen Studienplatz, ein Stipendium oder eine Arbeitsstelle dazu: Empfehlungsschreiben von Hochschullehrern, Arbeitgebern oder anderen Personen, die über die Eignung eines Bewerbers qualifizierte und natürlich positive Aussagen treffen können. In einem Beitrag über englischsprachige Arbeitszeugnisse habe ich bereits vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass man in angloamerikanischen Ländern zwar keine streng formalisierte Geheimsprache verwendet wie bei uns ("stets zu unserer vollsten Zufriedenheit"), es aber dennoch einige kulturspezifische Konventionen gibt, die auch Bewerber aus dem Ausland beachten sollten.

In den USA zum Beispiel hat es sich in den letzten Jahren eingebürgert, ein gutes Empfehlungsschreiben mit überschwänglichem Lob zu garnieren und bei der Beurteilung fast ausschließlich Superlative zu verwenden. Wer nicht als "outstanding", "excellent", "superb" oder zumindest als "brilliant" beschrieben wird, sieht im Vergleich zur Konkurrenz möglicherweise ziemlich blass aus. Manche Bewerber verbringen schlaflose Nächte bei dem Gedanken, dass ihre (unerfahrenen) Gutachter eventuell einen etwas realistischeren Ton anschlagen und ihrer Bewerbung damit bereits vor dem Absenden den Todesstoß verpassen könnten. Die Konsequenz der allgegenwärtigen Lobeshymnen ist jedoch, dass der Stellenwert der Empfehlungsschreiben immer weiter abnimmt, denn wenn alle Bewerber kleine Genies sind, lassen sich kaum noch Qualitätsunterschiede feststellen. Von der mangelnden Glaubwürdigkeit solcher Elogen ganz abgesehen.

Die US-Fachzeitschrift Chronicle of Higher Education hat sich der Thematik in ihrer neuesten Ausgabe angenommen und einige Empfehlungen für ein aussagekräftiges Empfehlungsschreiben gegeben. Da die Leserschaft des Chronicle überwiegend im universitären Milieu zuhause ist, geht es in dem lesenswerten Artikel hauptsächlich um Empfehlungsschreiben für Bewerbungen um Stellen in Wissenschaft und Forschung. Einiges lässt sich jedoch auch verallgemeinern: So sollte eine aussagekräftige Referenz sich nicht mit abstrakten Aussagen wie "XY gehört zu den besten Doktoranden ihres Jahrgangs" begnügen, sondern spezifisch und anhand konkreter Details veranschaulichen, warum der Gutachter zu dieser Einschätzung kommt. Dazu gehört, dass genau erläutert wird, woher und wie lange sich Bewerber und Gutachter kennen und bei welchen Gelegenheiten sich der Gutachter von den besonderen Qualitäten des Bewerbers überzeugen konnte. Auf diese Art und Weise werden die Superlative, auf die in den USA sicher kein Empfehlungsschreiben verzichten sollte, immerhin mit Anschauungsmaterial unterfüttert und dadurch glaubwürdiger.

Bewerber aus Deutschland haben gegenüber der amerikanischen Konkurrenz häufig den Nachteil, dass Empfehlungsschreiben bei uns traditionell eher sachlich-realistisch verfasst werden, um besondere Glaubwürdigkeit zu suggerieren. Stilistisch sind sie somit das genaue Gegenteil dessen, was zurzeit in den USA üblich ist. Amerikanische Arbeitgeber oder Hochschulprofessoren, die mit den kulturellen Unterschieden nicht vertraut sind, können daher leicht zum dem Schluss kommen, einen nicht sonderlich qualifizierten Kandidaten vor sich zu haben und die Bewerbung vorschnell beiseite legen. Bei einer Bewerbung in den USA, ob an Universität oder am Arbeitsmarkt, empfiehlt es sich also, einen englischsprachigen Gutachter zu finden oder die deutschen Gutachter zu bitten, ihre realistische Beurteilung mit einigen Superlativen zu würzen. Einige gelungene Beispiele für akademische Empfehlungsschreiben enthält darüber hinaus das Buch Graduate Admissions Essays von Donald Asher - ein brillanter und absolut einmaliger Ratgeber, den ich voller Enthusiasmus als unverzichtbare Lektüre empfehle.

Dank an die DAAD Nordamerikanachrichten für den Hinweis.

Antiamerikanismus

Gerade bei Spiegel Online gesehen: ein Bericht über die leidvollen Erfahrungen amerikanischer Gaststudenten in Deutschland, die sich in fast jedem Gespräch mit Deutschen gefälligst zuerst für Bush, Irak-Krieg, Todesstrafe, Fast Food und andere Facetten der amerikanischen "Unkultur" zu rechtfertigen haben. Diese Berichte decken sich ziemlich genau mit dem, was ich selbst im letzten Jahr von US-Gaststudenten aus New York erfahren konnte. Sogar ich muss mich gelegentlich mit solchen selbsternannten deutschen Bescheidwissern herumschlagen, die meistens noch nie in den USA gewesen sind. Erstaunlicherweise sind diejenigen, die das Freund-Feind-Denken und die Schwarz-Weiß-Malerei der Bush-Regierung am schärfsten verurteilen, selbst häufig zu keinerlei Grautönen fähig, sobald es um die USA geht. Extrem nervig, zumal es sich bei den betreffenden Personen ansonsten eigentlich um recht gescheite Leute handelt. Der im Spiegel-Artikel zitierte Andrei Markovits hat völlig Recht: "Antiamerikanismus ist das einzige Vorurteil in Deutschland, das mit sozialem Status und höherer Bildung noch zunimmt."

Amerika für Anfänger: Neuer Kurs an der UC Berkeley

Das Zahlenkürzel 101 (gesprochen: "one-o-one") steht im Nummernsystem, wie es von den meisten amerikanischen Universitäten zur Durchnummerierung ihrer Kurse verwendet wird, für einen Einführungskurs. PSY 101 zum Beispiel ist eine Überblicksvorlesung im Fach Psychologie. Wenn im kalifornischen Berkeley also seit kurzem ein 10-wöchiges Seminar mit dem Titel AMERICA 101 angeboten wird, kann es sich dabei nur um eine Einführung in den American Way of Life handeln. Und so ist es auch: Auf dem Seminarplan stehen Themen wie Begrüßungsrituale, Umgangsformen, Redensarten etc. Der Kurs richtet sich vor allem an internationale Postdoktoranden, deren Anteil am Berkeley Campus mittlerweile rund 60% ausmacht. Die meisten haben zwar mit ihrer wissenschaftlichen Forschung kaum Schwierigkeiten, kommen aber mit vielen Aspekten der US-Alltagskultur nicht zurecht. Dass Amerikaner zum Beispiel einfach das Wörtchen „no“ benutzen, um eine Frage zu verneinen oder eine Bitte abzulehnen, empfinden Besucher aus asiatischen oder islamischen Ländern, wo man in der Kommunikation weitaus weniger direkt ist, als extrem schroff und unhöflich. Dass dies gar nicht so gemeint ist, soll im Seminar neben vielen anderen interkulturellen Fragen erläutert werden.

Denn die kulturelle Ausbildung der Studierenden ist genauso entscheidend wie die akademische Ausbildung, betont Bonu Ghosh, die Leiterin des Kurses. Das merkt man spätestens bei Vorstellungsgesprächen auf dem US-Arbeitsmarkt. Wer hier nicht den landestypischen Kommunikationsstil beherrscht, hat im Vergleich zu den Mitbewerbern schlechtere Karten. Für einen Japaner wäre es zum Beispiel eigentlich inakzeptabel, sich selbst aktiv zu vermarkten und zu loben. Die typische Antwort auf die Frage nach den eigenen Leistungen und Fähigkeiten wäre etwa: „Ich bemühe mich sehr.“ Damit kann ein US-Arbeitgeber allerdings nun wirklich gar nichts anfangen, und auch bei uns deuten entsprechende Formulierungen in Arbeitszeugnissen ja nicht unbedingt auf Top-Kandidaten hin. Insofern ist es nur zu begrüßen, dass Berkeley dem „Kulturschock“ seiner ausländischen Wissenschaftler mit einem solchen Training begegnet. Einmal reinhören in das Seminar kann man hier, in einem Beitrag des National Public Radio (npr).

"Not on the Test": Song zum Thema Multiple Choice

Am Neujahrsmorgen brachte National Public Radio, der amerikanische öffentlich-rechtliche Rundfunk, ein hochinteressantes Feature zum Thema Bildung und Schulreform. Am Ende lief ein neuer Song des US-Liedermachers Tom Chapin, der die in den USA weit verbreitete Fixierung auf Multiple Choice-Tests („standardized testing“) aufs Korn nimmt, die bereits in der Grundschule beginnt und sich bis ins Hochschulstudium fortsetzt. Das ironische Schlaflied „Not on the Test“ beruhigt einen Drittklässler (der genauso gut ein ein College-Student sein könnte) mit dem Hinweis, dass er sich um eigenständiges Denken, Fantasie und Kreativität nicht zu scheren brauche, denn diese Dinge würden im Test schließlich nicht abgefragt – und nur darum geht es: „You don’t need to know what is not on the test.“ Wer schon einmal eine amerikanische High School und ein US-College besucht hat, wird sich an amerikanische Mitschüler bzw. Kommilitonen erinnern, die nach jeder Seitenbemerkung des Lehrers oder Professors mit bangem Blick fragen: „Is this going to be on the test?“ Aber auch alle anderen werden mit Chapins satirischem Seitenhieb auf den Kreuzchen-Wahn im US-Bildungssystem ihren Spaß haben. Den Song kann man hier hören, und hier gibt’s den Text.

Amerika Haus Berlin: Ende oder Neuanfang?

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Von einem plötzlichen Ende wird man nicht sprechen können: Zu lange schon war das kulturelle Angebot im Amerika Haus Berlin auf ein Minimum eingedampft und seine Türen für die allgemeine Öffentlichkeit buchstäblich verbarrikadiert. Aber nun ist es auch offiziell so weit: Die US-Botschaft hat den Mietvertrag für das Gebäude am Bahnhof Zoo zum 30. September 2006 gekündigt, womit die Immobilie in wenigen Tagen wieder in den Besitz des Landes Berlin übergeht. Der Liegenschaftsfonds hat den Auftrag, das denkmalgeschützte Haus zu verkaufen, und eine kommerzielle Nutzung ist nicht ausgeschlossen. Werden also demnächst im vielleicht symbolträchtigsten Ort der transatlantischen Verständigung Burger gebraten oder Finanzgeschäfte abgewickelt? Als jemand, der einige Jahre im Haus gearbeitet hat und sich der amerikanischen Kulturpolitik verbunden fühlt, kann ich nur hoffen, dass die Geschichte noch eine andere Wendung nimmt. Gerade in einer Zeit, in der es um die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht zum Besten steht, sollte das Amerika Haus seine historische Rolle als Ort des kritischen Dialogs für alle Schichten der Bevölkerung weiter – oder wieder – ausfüllen.

060407_amerika_haus_dpaEin kurzer Rückblick: In den Amerika Häusern sollten die besiegten Deutschen nach 1945 durch Bibliotheken, Ausstellungen, Lesungen, Konzerte, Filmvorführungen, Diskussions- runden und Seminare von den Vorzügen einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft und dem American Way of Life überzeugt werden. „Public diplomacy“ hieß dieser neue Ansatz, und man darf wohl sagen: Er hat funktioniert – und zwar nicht zuletzt deshalb, weil die Häuser alles andere als Propaganda-Organe der U.S. Regierung waren, sondern Orte der offenen Auseinandersetzung mit allen Aspekten amerikanischer Kultur und Gesellschaft. Noch 1995, kurz nachdem ich zum Studium nach Berlin gezogen war, besuchte ich z.B. ein im Amerika Haus Berlin ein Konzert des linken Sängers und Aktivisten Bucky Halker, der „Songs of Work and Protest“ zum Besten gab, und wenig später eine Lesung mit der indianischen Schriftstellerin Leslie Marmon Silko, die Passagen aus ihrem Roman Almanac of the Dead vortrug, in dem ziemlich unverhohlen einer gewaltsamen Revolution der indigenen Völker Nord-, Mittel- und Südamerikas das Wort geredet wird.

Als ich dann einige Jahre später selbst als Bildungsreferent im Amerika Haus arbeitete, war das ehemals großartige Kulturprogramm allerdings schon ziemlich erlahmt, da der amerikanische Kongress die Finanzierung drastisch gekappt hatte und der Demokratisierung der Transformationsgesellschaften Osteuropas inzwischen höhere Priorität beimaß. Nach einigen Bombenattentaten auf US-Botschaften und natürlich den Terroranschlägen vom 11. September wurde das Gebäude dann auch aus Sicherheits- erwägungen immer unzugänglicher für die Öffentlichkeit. Wer sich von der doppelten Umzäunung und den Maschinengewehren der patrouillierenden Polizisten nicht abschrecken ließ und trotzdem zu uns in die Studienberatung wollte, musste sich einen Tag vorher anmelden und wurde dann in einigen Fällen vom Wachpersonal doch wieder nach Hause geschickt. Die herrliche Bibliothek im Erdgeschoss blieb trotz neu eingerichteter, moderner Computerarbeitsplätze fast immer leer.

Natürlich ist die Kulturabteilung der U.S. Botschaft, die im Amerika Haus untergebracht war und demnächst in das neue Botschaftsgebäude am Pariser Platz integriert sein wird, weiterhin aktiv gewesen und wird es auch bleiben. Die meisten Veranstaltungen richten sich jedoch nur an einen ausgewählten Personenkreis und erfordern eine persönliche Einladung. Und während z.B. Großbritannien und Spanien in den letzten Jahren hohe Summen investiert und sich mit ihren imposanten Kulturinstituten British Council und Instituto Cervantes an prominenter Stelle am Hackeschen Markt positioniert haben, wird es einen zentralen Ort der berlinerisch-amerikanischen Begegnung in Zukunft nicht mehr geben.

Oder vielleicht doch? Bereits im April trafen sich Vertreter einer Reihe von in Berlin ansässigen transatlantischen Einrichtungen, um über ein neues Nutzungskonzept zur Rettung des Amerika Hauses als Ort des Dialogs zwischen Deutschen und Amerikanern zu beraten. Jetzt ist unter der organisatorischen Federführung des institute for cultural diplomacy, einer unabhängigen Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Berlin und New York, ein Planungskomitee entstanden, dem unter anderem auch Vertreter der Checkpoint Charlie Foundation, der BridgeBuildersBerlin und des American Institute for Contemporary German Studies (AICGS) angehören. Kernidee des jetzt vorgelegten Konzepts ist es, den transatlantischen Austausch von der staatlichen Ebene auf die zivilgesellschaftliche Ebene zu übertragen, indem das Amerika Haus in ein unabhängiges Forum für gemeinnützige, transatlantische Einrichtungen und Organisationen umgewandelt wird. Die Räumlichkeiten würden einerseits als Büroflächen für transatlantische Vereine, Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen zur Verfügung stehen und andererseits für Veranstaltungen wie Filmvorführungen und Podiumsdiskussionen genutzt werden. Mit anderen Worten: Das in Berlin bereits reichlich vorhandene zivilgesellschaftliche Engagement soll auf eine breitere Basis gestellt und zentral im Amerika Haus als transatlantischem Zentrum koordiniert werden.

Der Plan soll schnell umgesetzt werden: Als Nutzungsbeginn ist der Januar 2007 vorgesehen, die Suche nach potentiellen Partnern ist bereits angelaufen. Ich wünsche dem Planungskomitee viel Erfolg, denn die Umwandlung des Amerika Hauses in eine nicht-staatliche Einrichtung könnte sehr gut zu einer Wiederbelebung führen: Zum einen wäre es endlich wieder physisch zugänglich, weil die abschreckenden Sicherheitsabsperrungen entfernt werden könnten, und zum anderen wäre es vom Stigma des Regierungsamtlichen befreit, das derzeit bei vielen Deutschen vor allem Vorbehalte erzeugt. Das Ziel des Nutzungskonzeptes geht sogar noch weiter, denn der transatlantische Dialog soll so weit gefasst werden, dass neben kanadischen langfristig auch lateinamerikanische Einrichtungen in die Planung miteinbezogen werden. Was früher nach Monroe-Doktrin gerochen hätte, kann so den Geist des Postkolonialismus atmen. Wenn nur der Gestank am Bahnhof Zoo nicht wäre ...

Eingereicht zum Karneval der deutsch-amerikanischen Beziehungen.

US-Studierende in Berlin: Zu Gast bei Freunden?

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Zum Zustand der deutsch-amerikanischen Beziehungen im Bereich Bildungs- und Kulturaustausch lässt sich mit Blick auf die aktuellen Statistiken eigentlich nur sagen: unvermindert gut. Die Zahl der deutschen Studierenden, die ein Semester oder mehr in den USA verbringen, ist in den letzten Jahren nur geringfügig gesunken, während die Teilnehmerzahlen im Schüleraustausch mit den USA mittlerweile sogar wieder auf dem besten Weg sind, das hohe Niveau der Zeit vor dem 11. September zu erreichen. Bildungspolitiker und Hochschulreformer sehen in den erfolgreichen US-Hochschulen meistens zu Recht Vorbilder für die Reform der deutschen Universitäten. Das umgekehrte Bild sieht nicht weniger positiv aus: Noch nie zuvor haben so viele Studierende aus den USA an deutschen Hochschulen studiert wie im akademischen Jahr 2004/2005.

Und trotzdem war es schon einmal leichter, junge Deutsche von den Vorzügen eines Bildungsaufenthaltes in den USA zu überzeugen. So erfreulich die reinen Zahlen nach wie vor sein mögen, so wenig lässt sich leugnen, dass USA-Kritik – böse Zungen sprechen lieber gleich von Antiamerikanismus – in Deutschland spätestens seit dem Irakkrieg auf allen Ebenen wieder Hochkonjunktur hat, auch und gerade unter Schülern und Studierenden. Wer intellektuell und moralisch etwas auf sich hält, ist auf Amerika unter George Bush nicht gut zu sprechen. Die Stimmung wird sogar noch angeheizt: Glaubt man Blogs wie Davids Medienkritik, wo die USA-Berichterstattung der deutschen Medien aus konservativer Sicht kommentiert wird, wird die deutsche Öffentlichkeit nahezu systematisch mit einer antiamerikanischen Kampagne überzogen, bei der ein ums andere Mal die Vorurteile und negativen Klischees über die USA wiederholt werden, die die Deutschen angeblich nun mal für Ihr Leben gerne hören. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht.

Nun ist Antiamerikanismus, richtig verstanden als pauschale Ablehnung alles Amerikanischen, kein neues Phänomen. Meistens kommt er von Leuten, die selbst noch nie in den USA gewesen sind, das auch nicht für notwendig halten und dennoch meinen, alles ganz genau durchschaut zu haben. Das Ziel von internationalem Bildungs- und Kulturaustausch, wie es z.B. vom US-Senator Fulbright formuliert wurde, besteht nicht zuletzt darin, genau dieser Art von Vorurteilsbildung entgegen zu treten: Wer einmal für längere Zeit in einem fremden Land gelebt und die Menschen dort kennen gelernt hat, so die These, lernt unweigerlich, seine eigenen Ansichten und Maßstäbe zu relativieren und die Dinge auch mit den Augen des Anderen zu betrachten. Man sollte also vermuten, dass Menschen, die sich im transatlantischen Bildungsaustausch engagieren, über differenziertere Ansichten zur amerikanischen Politik, Kultur und Gesellschaft verfügen als bisweilen über die Medien verbreitet werden.

Dass das nicht immer der Fall sein muss, konnte ich kürzlich in einem etwas verstörenden Gespräch mit Erica und Dave, zwei amerikanischen Studierenden von der renommierten New York University (NYU) erfahren, die zur Zeit im Rahmen des Duke in Berlin Programms ein Auslandssemester in Deutschland verbringen und in Berliner Gastfamilien untergebracht sind. Wohlgemerkt: Die beiden fühlen sich sehr wohl in Berlin und beschreiben das persönliche Verhältnis zu ihrer Gastfamilie als überaus eng und herzlich. Allerdings wird es in beiden Fällen dadurch getrübt, dass Gasteltern und -geschwister voller kruder Vorurteile über die USA sind, die sie offenbar trotz der Aufnahme leibhaftiger Amerikaner in ihre Familien nicht gewillt sind zu modifizieren.

Ericas Gastmutter zum Beispiel, die immerhin selbst in Louisiana gelebt hat, beruflich mit Migranten aus Osteuropa arbeitet und folglich interkulturell sensibilisiert sein sollte, lässt fast täglich abfällige Kommentare über die USA fallen. Ihrer Ansicht nach sind offenbar alle Amerikaner reich, und wer eine teure Universität wie die NYU besuchen kann sowieso. Dass Erica sich zur Finanzierung ihres Studiums Tausende von Dollar bei der Regierung leihen musste, tut anscheinend nichts zur Sache. Außerdem seien alle Amerikaner automatisch religiös und hängen der Irrlehre des Kreationismus an. Das amerikanische Englisch klinge schlichtweg „barbarisch“, ließ sie Erica einmal nonchalant nach einem Telefonat mit der Heimat wissen; und manchmal legt sie ihr in aufklärerischer Mission USA-kritische Zeitungsartikel zum Lesen hin. Die junge Amerikanerin weiß verständlicherweise nicht so recht, wie sie mit diesem Verhalten umgehen soll, denn auf keinen Fall möchte sie ihren Gastgebern gegenüber unhöflich sein. Am ehesten hilft in solchen Situation noch eine Portion Humor.

Dave geht es in seiner Gastfamilie kaum anders: „Ich muss mich jeden Tag schuldig fühlen, dass ich Amerikaner bin. Jeden Tag haben wir etwas Neues falsch gemacht.“ Sein Gastvater ist ein Rechtsanwalt und Künstler mit taz-Abonnement. „Ständig sehe ich Artikel über Bush, Rice oder Schwarzenegger auf dem Titelblatt“, sagt Dave etwas verständnislos. „Haben die Deutschen denn keine anderen Sorgen, als sich dauernd über die USA aufzuregen?“

Dass konservative Blogger und andere Bush-Anhänger sich durch die einseitige und negative Berichterstattung über die Politik ihres Präsidenten angegriffen fühlen, dürfte niemanden überraschen. Erica und Dave aber bezeichnen sich selbst als eher linksliberal und stimmen in vielen Punkten mit der Kritik, wie sie mit guten Gründen in deutschen Zeitungen etwa zum Thema Irak, Guantanamo oder Todesstrafe vorgetragen wird, durchaus überein. Trotzdem haben sie in ihren Gastfamilien und im Bekanntenkreis das Gefühl, sich fortwährend verteidigen zu müssen. Einfach weil Sie Amerikaner sind. „Für mich ist das eine lehrreiche Erfahrung“, meint Erica, die bereits im offiziell amerikafeindlichen Kuba gearbeitet und mit den Menschen dort nur positive Erfahrungen gemacht hat. „Ich möchte später als Lehrerin an einer Minoritätenschule arbeiten, und durch die abfälligen Bemerkungen meiner Gastmutter kann ich am eigenen Leibe erleben, wie es sich anfühlen muss, dauernd mit Stereotypen und Diskriminierung konfrontiert zu werden.“ Gleichzeitig betonen jedoch beide ausdrücklich, dass sie auf jeden Fall später nach Deutschland zurückkommen möchten.

Ob die anderen Teilnehmer am Duke in Berlin Programm Ähnliches erleben, will ich am Ende noch wissen. Nein, sagt Erica, ihre Erfahrungen seien wohl eher die Ausnahme. Das beruhigt natürlich und relativiert die Behauptung, der Antiamerikanismus grassiere in Deutschland zurzeit mehr als je zuvor. Ein Rätsel bleibt es für mich trotzdem: Wie kann man Menschen einer anderen Kultur bei sich aufnehmen, die noch dazu den gängigen Stereotypen so gar nicht entsprechen, und trotzdem unbeirrt an lieb gewonnenen Klischees festhalten? Trotz solcher frappierenden Gegenbeispiele kann die Antwort auf eine zunehmende transatlantische Entfremdung meiner festen Überzeugung nach nur immer wieder lauten: Bildung, Austausch, Dialog. Die eingangs erwähnten Zahlen zeigen, dass wir weiter auf dem richtigen Weg sind.

Eingereicht beim Karneval zu den deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Kulturschock: Als Alien in den USA (Kurzfilm)

„Aliens“ – so lautet der offizielle Begriff der amerikanischen Rechtsprechung für nicht-amerikanische Staatsbürger, die sich in den USA aufhalten, also auch für internationale Studierende an US-Colleges und Universitäten. Häufig genug fühlen diese sich jedoch besonders während der ersten Monate ihres Aufenthalts tatsächlich wie Außerirdische auf einem fremden Planeten: Die amerikanische Kultur, die uns aus Filmen und anderen Medien so vertraut scheint, entpuppt sich nämlich häufig genug als ganz anders, als man sie sich vorgestellt hat. Das reicht von der gängigen Begrüßungsformel „How are you?“, auf die in der Regel keine Auskunft über die eigene Gemütslage erwartet wird, bis hin zu tief greifenden Fragen, die die eigene Identität berühren. Nicht umsonst spricht man von solchen Erfahrungen als „Kulturschock“.

ijsecoverDie polnische Filmstudentin Iga Czarnawska hat nach Ihrer Ankunft am Dartmouth College (New Hampshire) solche Gefühle der Entfremdung und emotionaler Wechselbäder selbst erlebt und in einem sehenswerten Kurzfilm verarbeitet: The Aliens: Being A Foreign Student (auf der rechten Seite unter „Video Feature“ klicken). Der Film zeigt u.a. Ausschnitte aus Interviews mit anderen internationalen Studierenden am Dartmouth College und spricht dabei einige wichtige Fragen an, mit denen sich die meisten, die einen Studienaufenthalt in den USA planen, vor Ort konfrontiert sehen werden. (Länge des Videos: ca. 7:30 Minuten) Wer sich ausführlicher zu diesen Themen informieren möchte, findet auf der Seite übrigens auch die November-Ausgabe des e-journalUSA, die sich mit verschiedenen Aspekten der „College and University Education in the United States“ beschäftigt. Schönes Wochenende!

Kulturschock: Back in the United States

Zu den großen Vorzügen eines längeren Auslandsaufenthaltes gehört es, dass man hinterher nicht nur die ehemals fremde Kultur mit anderen Augen betrachtet, sondern auch die eigene. Das muss nicht immer erfreulich sein. Viele erleben nach ihrer Rückkehr zuhause das, was man den umgekehrten Kulturschock nennt: Plötzlich kommt einem vieles, was früher selbstverständlich war, ziemlich bescheuert vor, und die armen Daheimgebliebenen sind häufig genervt, weil sie sich immer wieder anhören müssen, dass im Land XY alles „ganz anders“, wenn nicht sogar besser war.

Warum sollte es Amerikanern in dieser Hinsicht anders ergehen? Das US-Reisemagazin glimpse hat für seine Winterausgabe mehr als 400 amerikanische Studierende, die ein oder zwei Semester im Ausland verbracht haben, nach den kulturellen Unterschieden zwischen den USA und ihrem Gastland befragt. Fast alle waren nach ihrer Rückkehr geschockt über das hohe Tempo, den Leistungsdruck und die ständige Geschäftigkeit, die die amerikanische Kultur oftmals kennzeichnen. Gerade diejenigen, die etwa in Spanien oder Italien waren, hatten es zu schätzen gelernt, dass man das Leben auch ein wenig ruhiger und entspannter angehen und z.B. nach dem ausgiebigen Mittagessen noch ein Stündchen zusammensitzen kann, anstatt hastig ein Fast Food Produkt im Gehen hinunterzuschlingen, um bloß keine Zeit zu verlieren.

Neben der ungesunden Lebensweise fiel vielen auch die vergleichsweise hohe Abhängigkeit der Amerikaner vom Auto negativ auf. „I had just spent five months without a car and without the rushing of American life,“ erinnert sich z.B. Lauren Zakalik nach ihrer Rückkehr aus Spanien. “Wherever I needed to go in Spain, I could walk or take public transportation. When I arrived back in Detroit, I became a bit disgusted at how everything was so impending, everything was an ‘emergency’”. Zum Glück lässt der umgekehrte Kulturschock meistens nach einiger Zeit wieder nach zugunsten eines tieferen Verständnisses für Vor- und Nachteile unterschiedlicher Lebensweisen. Den ganzen Artikel „Smelling the Roses“, der die Äußerungen der Studierenden auch zum Anlass für einen statitischen Vergleich verschiedener Aspekte der US-Alltagskultur mit andern Ländernnimmt, gibt es im pdf-Format hier.

Wissenschaftskulturen weltweit

Die alte Debatte um „Brain Drain“, den Reformnotstand im deutschen Hochschulwesen und die allseits beschworene Überlegenheit der angloamerikanischen Elite-Universitäten, wissenschaftliche Spitzenkräfte zu rekrutieren, ist vor kurzem mit diversen Manifesten und Wortmeldungen zum x-ten Mal neu angefacht worden. Die Argumente sind noch immer die gleichen: bessere Forschungsbedingungen, mehr Praxis, strafferes Studium drüben – zu viel Theorie, Bürokratie und staatlicher Dirigismus bei uns.

Allen, denen diese auch in den renommierten Feuilletons oft wiederholten Gemeinplätze zu oberflächlich und plakativ sind, weil häufig so getan wird, als gebe es in den USA nur Harvards und Yales oder in Großbritannien nur Oxfords und Cambridges, sei die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft mit dem Themenschwerpunkt „Grenzgang der Geschichte: Wissenschaftskulturen im Vergleich“ ans Herz gelegt. Hier kommen nämlich die Wissenschaftsmigranten – hauptsächlich Historiker - selbst zu Wort und berichten teilweise sehr persönlich und differenziert von ihren Lehr- und Forschungsaufenthalten in Japan, Russland, Frankreich, Großbritannien und natürlich den USA. Empfehlenswert. Dank an die German Scholars Organization für den Hinweis.

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Willkommen beim TransatlanTicker! Ich heiße Carsten Bösel und bin als Autor, Übersetzer und unabhängiger Studienberater mit Schwerpunkt USA und Kanada tätig. Auf dieser Seite blogge ich regelmäßig über Neuigkeiten aus der nordameri- kanischen Hochschulszene: Studiengänge, Stipendien, Bewerbungstipps, Sprach- und Eignungstests, Postdoc-Stellen, Campusleben und vieles mehr. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und Kommentare!

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