10.000 Betrüger und Hochstapler? US-Zeitung nennt Namen von Personen mit gekauften Titeln
Erst gestern erhielt ich wieder eine E-Mail mit dem verheißungsvollen Titel "No Study! Buy University Dip1oma/Degree/Bacheloor/MBAa/PhDd & deliver to you fast bqxdrw hbil". Alles was ich tun muss, um einen dieser wunderbaren Abschlüsse zu erhalten, ist eine Telefonnummer irgendwo in den Außenbezirken von New York City anzurufen: "It cost you NOTHING (yes! 0$) to give us a Call. We call you back." Der Preis für den begehrten Titel wird dann allerdings im vierstelligen Bereich liegen. Doch dafür gibt es anschließend alles frei Haus: "No Tests/Classes/Exams/Books/Interviews - 100% NO Pre-School Qualification Required." Nie war es einfacher, vom Schulabbrecher zum promovierten Wissenschaftler aufzusteigen.
Spam, natürlich.
Und kriminelle Machenschaften noch dazu. Denn hinter dem Absender solcher und ähnlicher Mails verbergen sich sogenannte diploma mills: Briefkasten- firmen, die gegen Überweisung oder lächerliche Minimalanforderungen gefälschte Titel und Zeugnisse von anerkannten Hochschulen oder Pseudo-Diplome von imaginären Online-Universitäten ausstellen. Und damit ein Riesengeschäft machen: Rund eine halbe Milliarde Dollar nehmen die Titelmühlen in den USA jährlich ein. Genaue Zahlen kennt man freilich nicht, aber Ende der neunziger Jahre z.B. verbuchte eine gewisse Columbia State University Einnahmen von einer Million Dollar pro Monat, bevor ihr Betreiber festgenommen und wegen Betrugs zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde.
Nicht immer ist es auf den ersten Blick ersichtlich, dass es sich bei solchen Angeboten um Scharlatanerie handelt. Klar: Wenn Universitätsabschlüsse wie im Beispiel oben einfach nur gegen Bezahlung verliehen werden, muss auch der gutgläubigste Möchtegernakademiker Lunte riechen.
Häufig kommen die Titelmühlen jedoch im Gewand von Online-Studiengängen daher, wie sie auch von seriösen Hochschulen angeboten werden. Nur dass die Anforderungen vergleichsweise gering sind: ein paar Multiple-Choice-Tests, eine fünfzigseitige Doktorarbeit oder ein Blockseminar im Marriot Hotel auf den Virgin Islands. Der Löwenanteil der erforderlichen Leistungen ist bereits durch Arbeits- und vor allem "Lebenserfahrung" abgedeckt. Wie praktisch: Wenn es danach ginge, wären meine Eltern kurz vor der C4-Professur.
Wer kauft nun solche gefälschten Grade? Vor allem sind es Menschen, die für den Eintritt in die nächste Karrierestufe oder als Qualifikation für die Ausübung eines lizenzpflichtigen Berufs unbedingt einen akademischen Abschluss benötigen. Und zwar schnell. Von ethischen und juristischen Erwägungen im Einzelfall ganz abgesehen wird dies spätestens dann gemeingefährlich, wenn es zum Beispiel um erkaufte medizinische oder therapeutische Abschlüsse geht.
Erstaunlicherweise finden sich aber zumindest in den USA auch zahlreiche Verbindungen in die seriöse Hochschulszene, wie die Fachzeitschrift Chronicle of Higher Education vor einiger Zeit im Rahmen einer Studie [kostenpflichtig] feststellte: Demnach haben zahlreiche, auch hochrangige Vertreter der Professorenschaft und der Universitätsverwaltung ihre Doktortitel nicht auf die langwierige Art erworben, sondern bei Titelmühlen oder anderen dubiosen Einrichtungen eingekauft. Außerdem finden sich auch unter den Professoren mit rechtmäßig erworbenen Titeln einige, die ihren eigenen, nicht anerkannten "Colleges" betreiben oder an solchen beteiligt sind. Willkommen in der akademischen Unterwelt.
Eine veritable Bombe ließ nun vor ein paar Tagen die in Spokane (US-Staat Washington) erscheinende Tageszeitung Spokesman-Review hochgehen, als sie eine Liste mit den Namen von knapp zehntausend Menschen veröffentlichte, die einen oder mehrere akademische Abschlüsse bei einer Titelmühle in der Region gekauft hatten. US-Ermittler ließen die Firma kürzlich im Rahmen der "Operation Gold Seal" auffliegen, und offenbar ist die ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit gedachte Käuferliste der Zeitung durch einen Informanten zugespielt worden.
Auf der Liste befinden sich u.a. Hunderte Vertreter aus Regierung, Militär und Bildung. Aus diesem Grund dürfte sich das US-Justizministerium auch geweigert haben, die Liste selbst zu veröffentlichen. Die Redakteure des Spokesman-Review gehen sogar noch einen Schritt weiter und greifen einzelne Personen heraus, nennen ihre Arbeitgeber und beruflichen Positionen sowie die Summe, die sie für gefälschte Titel bezahlt haben. Fällt dies nun noch unter die Rubrik investigativer Journalismus oder wird hier ein öffentlicher Pranger errichtet? Ich bin mir nicht sicher. Das Ganze erinnert - in weitaus kleinerem Maßstab - jedenfalls ein wenig an die berühmte Liechtensteiner CD-ROM, die u.a. Postchef Klaus Zumwinkel den Job kostete.
Pikant übrigens aus deutscher Sicht: Auf der Liste der Titeleinkäufer befinden sich auch rund zwei Dutzend Namen aus Deutschland. Einige davon lassen sich leicht googlen oder bei XING finden. Ob sie alle in betrügerischer Absicht gehandelt haben oder tatsächlich der Meinung waren, ihre Titel im Rahmen eines seriösen Fernstudiums zu erwerben, lässt sich nicht beurteilen. Strafrechtliche Konsequenzen drohen jedenfalls erst dann, wenn sie die gefälschten Titel auch wirklich führen, denn der Erwerb der "Ware" an sich ist nicht illegal.
Um nicht unwissend auf die dubiosen Praktiken solcher Anbieter hereinzufallen und teures Geld für ein Online-Studium zu bezahlen, das anschließend nichts wert ist, sollte man vor allem auf eines achten: die Akkreditierung der betreffenden (Pseudo-)Hochschule. Denn weltweit anerkannt werden nur die Abschlüsse solcher US-Colleges und Universitäten, die regional oder durch Berufsverbände akkreditiert sind. Das wissen die Titelmühlen natürlich und verweisen darum gerne auf ihre Akkreditierung durch Organisation wie die World Association of Universities and Colleges oder die "International Association of Universities and Schools". Hinter diesen Agenturen stecken jedoch dieselben Personen, die auch die Titelmühlen betreiben, so dass sie vom US-Bildungsministerium nicht anerkannt und mithin irrelevant sind.
Aus purer Neugier habe ich die New Yorker Nummer dann doch mal angerufen. Bestimmt freuen sie sich, dachte ich, schließlich landet die Mail bei den meisten Leuten postwendend im Spam-Ordner. Abgenommen hat allerdings nicht Jessica Corliss, die Absenderin der E-Mail, sondern ein Anrufbeantworter, der mich aufforderte, meinen Namen, mein Land und meine Telefonnummer zu hinterlassen. Außerdem habe ich mich höflich nach der Akkreditierung erkundigt. Bis heute: kein Rückruf.
Spam, natürlich.
Und kriminelle Machenschaften noch dazu. Denn hinter dem Absender solcher und ähnlicher Mails verbergen sich sogenannte diploma mills: Briefkasten- firmen, die gegen Überweisung oder lächerliche Minimalanforderungen gefälschte Titel und Zeugnisse von anerkannten Hochschulen oder Pseudo-Diplome von imaginären Online-Universitäten ausstellen. Und damit ein Riesengeschäft machen: Rund eine halbe Milliarde Dollar nehmen die Titelmühlen in den USA jährlich ein. Genaue Zahlen kennt man freilich nicht, aber Ende der neunziger Jahre z.B. verbuchte eine gewisse Columbia State University Einnahmen von einer Million Dollar pro Monat, bevor ihr Betreiber festgenommen und wegen Betrugs zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde.
Nicht immer ist es auf den ersten Blick ersichtlich, dass es sich bei solchen Angeboten um Scharlatanerie handelt. Klar: Wenn Universitätsabschlüsse wie im Beispiel oben einfach nur gegen Bezahlung verliehen werden, muss auch der gutgläubigste Möchtegernakademiker Lunte riechen.
Häufig kommen die Titelmühlen jedoch im Gewand von Online-Studiengängen daher, wie sie auch von seriösen Hochschulen angeboten werden. Nur dass die Anforderungen vergleichsweise gering sind: ein paar Multiple-Choice-Tests, eine fünfzigseitige Doktorarbeit oder ein Blockseminar im Marriot Hotel auf den Virgin Islands. Der Löwenanteil der erforderlichen Leistungen ist bereits durch Arbeits- und vor allem "Lebenserfahrung" abgedeckt. Wie praktisch: Wenn es danach ginge, wären meine Eltern kurz vor der C4-Professur.
Wer kauft nun solche gefälschten Grade? Vor allem sind es Menschen, die für den Eintritt in die nächste Karrierestufe oder als Qualifikation für die Ausübung eines lizenzpflichtigen Berufs unbedingt einen akademischen Abschluss benötigen. Und zwar schnell. Von ethischen und juristischen Erwägungen im Einzelfall ganz abgesehen wird dies spätestens dann gemeingefährlich, wenn es zum Beispiel um erkaufte medizinische oder therapeutische Abschlüsse geht.
Erstaunlicherweise finden sich aber zumindest in den USA auch zahlreiche Verbindungen in die seriöse Hochschulszene, wie die Fachzeitschrift Chronicle of Higher Education vor einiger Zeit im Rahmen einer Studie [kostenpflichtig] feststellte: Demnach haben zahlreiche, auch hochrangige Vertreter der Professorenschaft und der Universitätsverwaltung ihre Doktortitel nicht auf die langwierige Art erworben, sondern bei Titelmühlen oder anderen dubiosen Einrichtungen eingekauft. Außerdem finden sich auch unter den Professoren mit rechtmäßig erworbenen Titeln einige, die ihren eigenen, nicht anerkannten "Colleges" betreiben oder an solchen beteiligt sind. Willkommen in der akademischen Unterwelt.
Eine veritable Bombe ließ nun vor ein paar Tagen die in Spokane (US-Staat Washington) erscheinende Tageszeitung Spokesman-Review hochgehen, als sie eine Liste mit den Namen von knapp zehntausend Menschen veröffentlichte, die einen oder mehrere akademische Abschlüsse bei einer Titelmühle in der Region gekauft hatten. US-Ermittler ließen die Firma kürzlich im Rahmen der "Operation Gold Seal" auffliegen, und offenbar ist die ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit gedachte Käuferliste der Zeitung durch einen Informanten zugespielt worden.
Auf der Liste befinden sich u.a. Hunderte Vertreter aus Regierung, Militär und Bildung. Aus diesem Grund dürfte sich das US-Justizministerium auch geweigert haben, die Liste selbst zu veröffentlichen. Die Redakteure des Spokesman-Review gehen sogar noch einen Schritt weiter und greifen einzelne Personen heraus, nennen ihre Arbeitgeber und beruflichen Positionen sowie die Summe, die sie für gefälschte Titel bezahlt haben. Fällt dies nun noch unter die Rubrik investigativer Journalismus oder wird hier ein öffentlicher Pranger errichtet? Ich bin mir nicht sicher. Das Ganze erinnert - in weitaus kleinerem Maßstab - jedenfalls ein wenig an die berühmte Liechtensteiner CD-ROM, die u.a. Postchef Klaus Zumwinkel den Job kostete.
Pikant übrigens aus deutscher Sicht: Auf der Liste der Titeleinkäufer befinden sich auch rund zwei Dutzend Namen aus Deutschland. Einige davon lassen sich leicht googlen oder bei XING finden. Ob sie alle in betrügerischer Absicht gehandelt haben oder tatsächlich der Meinung waren, ihre Titel im Rahmen eines seriösen Fernstudiums zu erwerben, lässt sich nicht beurteilen. Strafrechtliche Konsequenzen drohen jedenfalls erst dann, wenn sie die gefälschten Titel auch wirklich führen, denn der Erwerb der "Ware" an sich ist nicht illegal.
Um nicht unwissend auf die dubiosen Praktiken solcher Anbieter hereinzufallen und teures Geld für ein Online-Studium zu bezahlen, das anschließend nichts wert ist, sollte man vor allem auf eines achten: die Akkreditierung der betreffenden (Pseudo-)Hochschule. Denn weltweit anerkannt werden nur die Abschlüsse solcher US-Colleges und Universitäten, die regional oder durch Berufsverbände akkreditiert sind. Das wissen die Titelmühlen natürlich und verweisen darum gerne auf ihre Akkreditierung durch Organisation wie die World Association of Universities and Colleges oder die "International Association of Universities and Schools". Hinter diesen Agenturen stecken jedoch dieselben Personen, die auch die Titelmühlen betreiben, so dass sie vom US-Bildungsministerium nicht anerkannt und mithin irrelevant sind.
Aus purer Neugier habe ich die New Yorker Nummer dann doch mal angerufen. Bestimmt freuen sie sich, dachte ich, schließlich landet die Mail bei den meisten Leuten postwendend im Spam-Ordner. Abgenommen hat allerdings nicht Jessica Corliss, die Absenderin der E-Mail, sondern ein Anrufbeantworter, der mich aufforderte, meinen Namen, mein Land und meine Telefonnummer zu hinterlassen. Außerdem habe ich mich höflich nach der Akkreditierung erkundigt. Bis heute: kein Rückruf.
TransatlanTicker - 31. Jul, 17:52



