USA-Studium: Bewerbung mit YouTube-Video
[26.02.10] Erinnert sich noch jemand an die US-Komödie Legally Blonde (dt. Natürlich Blond)? Darin versucht die nicht gerade mit höchster Intelligenz gesegnete College-Blondine Elle Woods (gespielt von Reese Witherspoon), sich für ein Jurastudium an Harvard zu bewerben. Und da sie sich nicht in der Lage sieht, einen geschliffenen Bewerbungsessay zu schreiben, bewirbt sie sich alternativ mit einem Video, das vor allem ihre körperlichen Reize gebührend zur Geltung bringt. Mit Erfolg: Das überwiegend männlich besetzte Gutachtergremium ist beeindruckt von so viel Charme und Chuzpe und lässt sie zum Studium zu. Dass sie dann zu Studienbeginn zunächst erst mal wegen mangelnder Vorbereitung aus der Vorlesung geworfen wird, steht auf einem anderen Blatt …
Was 2001 noch reine Fiktion war, könnte im Zeitalter des Web 2.0 immer mehr zu Realität werden. Zwar waren Tonbänder und Videos bei der Bewerbung für künstlerische Studiengänge schon immer fester Bestandteil der Bewerbungsunterlagen, doch für die allgemeine College-Bewerbung war bislang das schriftliche Ausdrucksvermögen im Rahmen von einem oder mehreren Essays maßgeblich. Nun hat die Tufts University (Boston), die ähnlich wie die University of Chicago seit langem für ihre ausgefallenen Essay-Fragen bekannt ist, mit der freiwilligen Option für Aufsehen gesorgt, dass Bewerber ein selbst erstelltes, rund einminütiges Video auf YouTube hochladen können, um sich zu präsentieren. Rund 1000 Bewerber (ca. 6%) machten von dieser Möglichkeit Gebrauch, wie nun auf YouTube zu bestaunen ist. Herausgekommen sind intelligente, witzige, mäßige und auch einige ziemlich dröge Spots von jungen Leuten, die kein Problem damit haben, sich mit einer so persönlichen Angelegenheit wie einer College-Bewerbung öffentlich zu exponieren.
Das New York Times-Blog "The Choice" hat einige der Bewerbungsvideos zusammengestellt. Am meisten Publicity und inzwischen mehr als 70.000 Klicks (!) bekommt das Video von Amelia Downs, in dem sie ihre Begeisterung für Mathe und Tanz in den selbst kreierten "Math Dances" zur Schau stellt. Wer schon immer mal eine getanzte Sinuskurve sehen wollte, wird in diesem zugegebenermaßen sehr cleveren Clip fündig:
Viele großen US-Zeitungen (New York Times, Boston Globe) haben inzwischen über diese Aktion berichtet, und zwar überwiegend positiv. Ohne Frage ein großartiger PR-Coup für Tufts. Aber er wirft natürlich auch Fragen auf: Jetzt, wo zumindest ein Teil der College-Bewerbung, die normalerweise ein sehr ernsthafter und privater Prozess zwischen den Bewerbern und der Hochschule ist, quasi vor Publikum stattfindet, gerät die Universität unter Zugzwang. Kann Tufts es sich nach so viel Top-Bewertungen und YouTube-Kommentaren für Amelia Downs noch erlauben, diese Bewerberin abzulehnen? Sollte eine angesehene Hochschule ihre Bewerber dazu ermuntern, sich mithilfe eines (schlechten) YouTube-Videos gegebenenfalls auch öffentlich lächerlich zu machen? Und inwiefern wird Bewerbern, die sich mit Videotechnik auskennen oder zumindest entsprechende Ressourcen haben, ein Vorteil bei der Bewerbung eingeräumt? Kulturpessimistisch könnte man fragen, ob ein Videoclip den schriftlichen Bewerbungsessay für ein Studium, im es immerhin hauptsächlich ums Schreiben geht, ersetzen darf.
Nun ist Letzteres sicher nicht geplant. Die Videos sollen und werden die Essays nicht ersetzen. Es handelt sich um eine freiwillige Zusatzoption für diejenigen, die finden, bestimmte Aspekte ihrer Persönlichkeit besser visuell zum Ausdruck bringen zu können. Amelia Downs‘ mathematische Tänze hätten sich schwerlich per Essay darlegen lassen. Außerdem ist Tufts bei weitem nicht die erste US-Hochschule, die Bewerbungsvideos als Option anbietet. Die George Mason University und das St. Mary’s College z.B. räumen kreativen Bewerbern ebenfalls die Möglichkeit ein, sich visuell zu präsentieren. Der Unterschied: Die Clips werden per CD-ROM verschickt und nicht auf YouTube hochgeladen, wo sie von jedermann bewertet und kommentiert werden können. Positive Bewertungen sind sicher kein Problem, aber was geschieht mit dem nicht selten fragilen Ego eines 18-Jährigen, dessen sehr ernst gemeintes Bewerbungsvideo von anonymen Usern mit Kritik und polemischen Schmähungen bedacht wird, wie es überall auf Blogs und Foren üblich ist? Selber schuld, könnte man sagen. Niemand wird gezwungen, ein Video hochzuladen. Aber eine Universität ist nicht Big Brother oder DSDS – sie hat eine erzieherische Funktion und sollte ihre Bewerber und Studierenden nicht öffentlich vorführen.
Verwandte Artikel:
>> Kurzgeschichte statt Bewerbungsessay: Tufts University sucht Führungspotenzial
>> Versuch über ein supergroßes Glas Senf: Bewerbungsessays an der University of Chicago
Was 2001 noch reine Fiktion war, könnte im Zeitalter des Web 2.0 immer mehr zu Realität werden. Zwar waren Tonbänder und Videos bei der Bewerbung für künstlerische Studiengänge schon immer fester Bestandteil der Bewerbungsunterlagen, doch für die allgemeine College-Bewerbung war bislang das schriftliche Ausdrucksvermögen im Rahmen von einem oder mehreren Essays maßgeblich. Nun hat die Tufts University (Boston), die ähnlich wie die University of Chicago seit langem für ihre ausgefallenen Essay-Fragen bekannt ist, mit der freiwilligen Option für Aufsehen gesorgt, dass Bewerber ein selbst erstelltes, rund einminütiges Video auf YouTube hochladen können, um sich zu präsentieren. Rund 1000 Bewerber (ca. 6%) machten von dieser Möglichkeit Gebrauch, wie nun auf YouTube zu bestaunen ist. Herausgekommen sind intelligente, witzige, mäßige und auch einige ziemlich dröge Spots von jungen Leuten, die kein Problem damit haben, sich mit einer so persönlichen Angelegenheit wie einer College-Bewerbung öffentlich zu exponieren.
Das New York Times-Blog "The Choice" hat einige der Bewerbungsvideos zusammengestellt. Am meisten Publicity und inzwischen mehr als 70.000 Klicks (!) bekommt das Video von Amelia Downs, in dem sie ihre Begeisterung für Mathe und Tanz in den selbst kreierten "Math Dances" zur Schau stellt. Wer schon immer mal eine getanzte Sinuskurve sehen wollte, wird in diesem zugegebenermaßen sehr cleveren Clip fündig:
Viele großen US-Zeitungen (New York Times, Boston Globe) haben inzwischen über diese Aktion berichtet, und zwar überwiegend positiv. Ohne Frage ein großartiger PR-Coup für Tufts. Aber er wirft natürlich auch Fragen auf: Jetzt, wo zumindest ein Teil der College-Bewerbung, die normalerweise ein sehr ernsthafter und privater Prozess zwischen den Bewerbern und der Hochschule ist, quasi vor Publikum stattfindet, gerät die Universität unter Zugzwang. Kann Tufts es sich nach so viel Top-Bewertungen und YouTube-Kommentaren für Amelia Downs noch erlauben, diese Bewerberin abzulehnen? Sollte eine angesehene Hochschule ihre Bewerber dazu ermuntern, sich mithilfe eines (schlechten) YouTube-Videos gegebenenfalls auch öffentlich lächerlich zu machen? Und inwiefern wird Bewerbern, die sich mit Videotechnik auskennen oder zumindest entsprechende Ressourcen haben, ein Vorteil bei der Bewerbung eingeräumt? Kulturpessimistisch könnte man fragen, ob ein Videoclip den schriftlichen Bewerbungsessay für ein Studium, im es immerhin hauptsächlich ums Schreiben geht, ersetzen darf.
Nun ist Letzteres sicher nicht geplant. Die Videos sollen und werden die Essays nicht ersetzen. Es handelt sich um eine freiwillige Zusatzoption für diejenigen, die finden, bestimmte Aspekte ihrer Persönlichkeit besser visuell zum Ausdruck bringen zu können. Amelia Downs‘ mathematische Tänze hätten sich schwerlich per Essay darlegen lassen. Außerdem ist Tufts bei weitem nicht die erste US-Hochschule, die Bewerbungsvideos als Option anbietet. Die George Mason University und das St. Mary’s College z.B. räumen kreativen Bewerbern ebenfalls die Möglichkeit ein, sich visuell zu präsentieren. Der Unterschied: Die Clips werden per CD-ROM verschickt und nicht auf YouTube hochgeladen, wo sie von jedermann bewertet und kommentiert werden können. Positive Bewertungen sind sicher kein Problem, aber was geschieht mit dem nicht selten fragilen Ego eines 18-Jährigen, dessen sehr ernst gemeintes Bewerbungsvideo von anonymen Usern mit Kritik und polemischen Schmähungen bedacht wird, wie es überall auf Blogs und Foren üblich ist? Selber schuld, könnte man sagen. Niemand wird gezwungen, ein Video hochzuladen. Aber eine Universität ist nicht Big Brother oder DSDS – sie hat eine erzieherische Funktion und sollte ihre Bewerber und Studierenden nicht öffentlich vorführen.
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TransatlanTicker - 26. Feb, 11:49
Das mit Abstand Beste, was zu diesem komplexen Thema bislang zu haben ist, ist die soeben [März 2008] erschienene dritte Auflage der "Graduate Admisssions Essays" von Donald Asher, der in den USA einer der gefragtesten Redner und Berater ist, wenn es um Karriereplanung geht. Anders als die meisten anderen Essay-Ratgeber, die sich hauptsächlich auf die Bereiche Business, Jura und Medizin konzentrieren, richtet sich Ashers Buch an alle, die sich für Studiengänge und Stipendien im Graduate-Bereich bewerben möchten - vom Altphilologen bis zur Molekularbiologin. Bevor er zum eigentlichen Thema kommt, diskutiert Asher darüber hinaus einleitend das Für und Wider eines Graduiertenstudiums und gibt sehr hilfreiche Hinweise dazu, wie man z.B. herausfindet, welche Hochschulen zu den eigenen Studieninteressen passen, wie man den ersten Kontakt zu den jeweiligen Fachbereichen herstellt und was man während des Bewerbungsprozesses möglichst tun bzw. vermeiden sollte. Die dritte Auflage enthält überdies ein komplett neues Kapitel zum Thema Online-Bewerbungen: wie sie verwendet, bearbeitet und bewertet werden.



