Zu jeder Bewerbung an einer Hochschule im englischsprachigen Ausland gehört der Nachweis ausreichender Sprachkenntnisse mittels eines standardisierten Tests. In Nordamerika ist dies traditionell der
Test of English as a Foreign Language (TOEFL), während in den Commonwealth-Ländern Großbritannien, Australien oder Neuseeland ein Ergebnis im
International English Language Testing System (IELTS) bevorzugt wird. Allerdings steigt die Akzeptanz des IELTS auch in Nordamerika kontinuierlich. Neben diesen beiden Marktführern, die sich
inhaltlich nur noch geringfügig unterscheiden, seitdem auch im TOEFL eine Sprechkomponente eingeführt wurde, gibt es noch einige andere Englischnachweise wie die
Cambridge-Zertifikate oder die
Michigan English Language Assessment Battery (MELAB) der University of Michigan, die jedoch weit weniger verbreitet sind.
Man könnte also meinen, der Markt für Englisch-Sprachtests sei dicht. Ganz und gar nicht, findet der britische Medienkonzern
Pearson, und kündigt für kommendes Jahr einen neuen Test mit dem Titel
Pearson Test of English (PTE) an, wie kürzlich
im Online-Magazin Inside Higher Ed zu lesen war. (Vor kurzem hatte der Konzern bereits
einen anderen neuen Test vorgestellt, mit dem Schüler bereits vor Studienbeginn
credits für vorhandenes Wissen erwerben können.) Der entscheidende Unterschied zu TOEFL und IELTS soll nun darin bestehen, dass die Colleges und Universitäten nicht nur die Punktzahlen der Testpersonen erhalten, sondern digitale Audiodateien, auf denen das aktive Sprechvermögen eines Bewerbers festgehalten ist: keine Aufzeichnungen von abgelesenen Antworten, sondern spontane Reaktionen auf Fragen, wie sie auch im Seminarraum gestellt werden. So können die Zulassungsgremien sich mit eigenen Ohren überzeugen, ob jemand gut genug Englisch spricht, um sich aktiv an Seminardiskussionen zu beteiligen.
Genau in diesem Punkt gibt es nämlich seit Jahren Beschwerden von Seiten der Hochschulen, da viele ausländische Studierende, insbesondere aus dem asiatischen Raum, zwar wunderbar die englische Grammatik beherrschen und auch hochkomplexe Texte verstehen können, aber beim Sprechen kaum einen verständlichen Satz herausbringen. Das wird besonders dann zum Problem, wenn internationale Doktoranden auch Lehraufgaben übernehmen oder wenn Studiengänge explizit auf aktive Diskussion ausgerichtet sind wie z.B. im Masters of Business Administration (MBA). Wer hier passiv bleibt und schweigt, verpasst nicht nur einen wichtigen Teil der Ausbildung, sondern trägt auch nichts zur Bereicherung der anderen Studierenden bei.
Und so wird die Entwicklung des neuen Sprachtests nicht zufällig vom amerikanischen
Graduate Management Admission Council maßgeblich unterstützt, der MBA-Programme repräsentiert und 2006 bereits den Zulassungstest
GMAT in die Hände von Pearsons gegeben hat. Diese Kooperation wird es Pearsons erleichtern, mit den neuen Test, der im Oktober 2009 offiziell starten soll, in den Markt einzudringen und das selbstgesteckte Ziel zu erreichen, den PTE innerhalb von fünf Jahren genauso bekannt zu machen wie TOEFL und IELTS. Die Konkurrenz gibt sich gelassen: Der
Educational Testing Service (ETS), der den TOEFL veranstaltet, kann den Plänen von Pearsons nichts Neues abgewinnen. Sprecherin Eileen Tyson weist darauf hin, dass auch der TOEFL eine Sprechkomponente enthalte, die von eigens dafür ausgewählten Experten evaluiert werde: "Ich bin mir nicht sicher, ob das durchschnittliche Mitglied eines Zulassungsgremiums dieselbe Expertise zur Bewertung von Sprechkompetenz hat wie jemand, der extra dafür ausgebildet wurde."
Manche wittern im Pearsons Test dann auch eine neue Form der Diskriminierung anhand der Aussprache: Wer undeutlich spricht oder einen exotischen Akzent hat, fliegt raus. Andererseits haben bereits mehr als genug Bachelorstudenten die leidvolle Erfahrung mit ausländischen Dozenten gemacht, deren Vorlesungen akustisch partout nicht zu verstehen waren. Den Nagel auf den Kopf trifft wahrscheinlich ein ironischer Kommentar bei Inside Higher Ed, der auch englische Muttersprachler zu dem Test verpflichten möchte - denn wenn es darum geht zu überprüfen, ob jemand auf Englisch kommunizieren kann, schneiden auch viele US College-Absolventen nicht gut ab: "Die Zahl der sogenannten Muttersprachler, die nicht einen einzigen zusammenhängenden Satz ordentlich artikulieren können, ist enorm. Hört doch nur mal den meisten Leuten, vor allem Teenagern und Twens zu, und zählt, wie oft sie Füllwörter wie "like", "I mean" oder "you know" völlig ohne Zusammenhang benutzen. Das ist keine effektive Kommunikation, sondern ziemlich grottiges Englisch."
>> Mehr zum Thema TOEFL & Co im TransatlanTicker
TransatlanTicker - 10. Okt, 12:48